Das Artwork mit dem Grizzly im Motörhead-Style kommt krass und passt extrem gut. Magst du uns etwas über die Idee und Entstehung des Motivs erzählen?

Der Säbelzahn-Tigerbär begleitet mich schon eine Weile, er ist mein Totem und mein Krafttier. Ich glaube an die Kraft von starken Symbolen und Schutzgeistern, dieses Tier symbolisiert viel von dieser Überzeugung. Geschaffen hat es, nach meinen Beschreibungen, Lennart Menkhaus, ein Künstler, der sich vor Jahren mal mit ein paar Ideen bei uns gemeldet hatte – und dessen Arbeiten ich sofort großartig fand. Er hat inzwischen auch für die Onkelz viel gemacht, hat Gonzos Biografie gestaltet und mir mein Geistwesen in Tiergestalt geschaffen. Mich erinnert der Tigerbär so gar nicht an Snaggletooth und die Idee dahinter ist auch eine ganz andere. Aber es gibt natürlich schlimmere Referenzen als diese Ikone.

Apropos Motörhead: Lemmy hattest du damals nicht nur im Vorprogramm des Böhse Onkelz-Abschiedskonzertes, sondern ihr habt euch auch im Rahmen der DER-W Konzerte kennengelernt. Welche Erinnerung hast du an Lemmy?

Mein Lieblingsmoment mit Lemmy war der: 12:00 Uhr Mittags im Studio von Skew Siskin in Berlin. Mit einer Flasche Whiskey auf’m Tisch haben wir Lemmys Solo Album durchgehört und uns unterhalten und betrunken.
Aber ich erinnere mich auch daran, dass er uns, also DER W, musikalisch nicht besonders beeindruckend fand. (lacht) Beeindruckend an Lemmy war seine Authentizität. An seinem Image war nichts gespielt, er war schlicht Mr. Rock’n’Roll – und dazu ein ungeheuer kluger, charmanter Gesprächspartner mit einem sagenhaften Witz. Er fehlt und obwohl alle wussten, dass es ihm gesundheitlich immer schlechter ging, war die Nachricht von seinem Tod ein ungeheurer Schock.

Ein Aushängeschild deiner letzten Scheibe und auch diesmal enthalten ist der Song „Neuland“ bei der Du eindrucksvoll das Verlangen nach der Ferne beschreibst. Was bedeutet Dir reisen und wie definierst Du den Begriff „Zuhause“ für Dich persönlich?
Mit zunehmendem Alter wächst die Bedeutung des Zuhauses, und zwar sowohl als Ort als auch als innerer Zustand. Ich bin immer auf der Suche nach Mehr und Neuem und will mich immer wieder selbst herausfordern, aber ich weiß längst auch zu schätzen, zuhause zu sein. Emotional und körperlich.

Ein Lied für meinen Sohn“ ist nach wie vor ein starker Song und hat es ebenfalls auf die Playlist deiner aktuellen Bestandsaufnahme geschafft. Vor wenigen Jahren bist Du abermals Vater einer Tochter geworden. Kannst du dir vorstellen noch einen weiteren Song für deine Prinzessin zu schreiben?
Natürlich kann ich mir das vorstellen. Das würde dann aber nicht aus dem Impuls heraus geschehen, dass ich unbedingt für faire Verhältnisse sorgen muss. Jeder, der zwei oder mehrere Kinder hat, kennt das Gefühl: Man liebt alle seine Kinder gleich stark, bedingungslos eben. Die Geburt des ersten aber ändert dein Leben. Einfach alles, in jedem einzelnen Aspekt deines Seins.

Im Song „Keiner kann es besser als Du“ fällt auf, dass Du Dich insbesondere auf die männliche Spezies festlegst und zur Läuterung aufrufst. Was war ausschlaggebend für Dich den Text zu schreiben?

In der Regel sind meine Texte unisex gemeint und jeder und jede darf sich den Schuh gerne anziehen (lacht). Ich ermutige gerne dazu, dem Leben alles abzutrotzen, was geht. Das Thema ist mir tatsächlich sehr wichtig, das ist mir auch beim Schreiben der Linernotes fürs „Operation Transformation“-Booklets wieder vor Augen geführt worden: Kümmere dich um dich selbst, nimm dein Schicksal in die Hand, denn wenn du wartest, bis dich jemand aus der Lethargie oder deiner Situation an sich holt, wirst du lange warten müssen. Das ist nicht immer leicht, aber immer lohnend. Einen Versuch ist es allemal wert.

Stephan Weidner Interview: Operation Transformation

Selbstmotivation und Perspektiven sind in die jetzigen Zeit wichtiger denn je. Was motiviert dich und was treibt dich an, damit das Feuer stets am lodern bleibt?

Eine schöne philosophische Musikerantwort wäre: „Mich motiviert die Überzeugung, dass der bestmögliche Song noch nicht geschrieben ist!“ Das stimmt natürlich und es ist ein Heidenspaß, ihn zu jagen, aber der Weg ist ein bisschen schon das Ziel. Okay, statt philosophischer Höhenflüge kommt doch eine Phrase. (lacht)

Aber wie eben schon gesagt: Es macht Spaß, auf der Suche zu sein, neugierig, mit dem Kopf in den Wolken. Das gilt fürs Leben und damit natürlich auch für die Musik. Und hey, das Wissen, dass da draußen viele Tausend Menschen sich freuen, was von dir zu hören – für wen das nicht Antrieb und ewiges Feuer ist, der muss ja tot sein.

„Ein Pfarrer sagte mir mal, dass ich mir nicht vorstellen könne, wie viele Menschen er schon zu Musik beerdigt hat, an der ich beteiligt war.“

Stephan Weidner – Liner Notes aus DER W “Operation Transformation”

Dieser Satz aus deinen Notizen, bleibt in Erinnerung und ist eine Tragweite, an die man als Höher vielleicht nicht direkt denkt. Zwischen Traum und Paralyse ist ein Meilenstein aus deiner Feder, die thematisch, wie auch wortgewaltig „Nur die besten sterben jung“ gleich kommt. Wie blickst du heute auf die Entstehung und Wirkung dieser Songs zurück?

Danke für die Blumen. Es ist ein großes Privileg, mit diesen Songs so nah an die Seele von vielen Menschen gelassen und in den bittersten, dunkelsten Momenten in ihr Leben eingeladen zu werden. Das geht schon tief rein und bei einer Show bei diesen Nummern in die Gesichter der Leute zu blicken, ich sag dir, da bekommst du auch nach all den Jahren noch einen Kloß im Hals. Wenn man in diesen Momenten durch die eigenen Worte eine kleine Hilfe sein kann, das ist ein Geschenk. Mir haben sie in den Stunden, in denen sie entstanden sind, auch geholfen. Auch wenn ich natürlich lieber nie einen Anlass gehabt hätte, sie zu schreiben.

Mit dem Text „Vorhaut, Kopftuch, Kruzifix“ beschäftigst Du Dich mit Krieg und Verderben im Kontext des Glaubens. Woran glaubst Du?

Ich glaube vor allem an mich und meine Kraft, mich und dann vielleicht auch mein unmittelbares Umfeld verbessern zu können. Ich finde, dieses Selbstbewusstsein und diesen Anspruch darf oder sogar sollte jeder haben. Mit welchem Gott im Rücken das dann passiert, ist jedem selbst überlassen. Ich bin kein Christ, ich glaube nicht an den einen Gott, mehr an etwas göttliches in Form von Energie. Aber wenn jemand seinen Glauben als Antrieb versteht, etwas Gutes zu tun, ist das eine gute Sache. Ansonsten begeistert es mich zu sehen, wenn Menschen in Krisensituationen anderen Menschen zur Seite springen. Selbstlos, mutig, liebevoll. Diese hellen Lichter sorgen zwischen all dem Neid, der Missgunst, dem Hass, der Frustration und der Gier doch noch für ein bisschen Glauben an die Menschheit.

Hier geht es weiter mit dem Interview:

>> Weiterlesen – Seite 3 von 3 <<

( Zurück zum Anfang des Interviews )

Interviewfragen von Marcus Liprecht – Pressure Magazine.

Copyright Hinweis: Textauszüge oder Zitate sind nur im Zusammenhang mit Quellennachweis und Verlinkung auf www.pressure-magazine.de gestattet.

Live-Fotos von Der W