Komm schon“ ist ein Song, den du ursprünglich für dein „Toleranz“-Projekt geschrieben hast und der als Gesprächsgrundlage für eine Zusammenarbeit mit anderen bzw. verfeindeten Künstlern dienen sollten. Was genau steckte hinter dieser Idee und wie ist der aktuelle Stand oder was genau fehlt noch zur Umsetzung?

Komm schon“ begleitet mich jetzt seit so vielen Jahren und wie du sagst: Ich hatte etwas Größeres mit ihm vor. Ich wollte den Song gemeinsam mit Musikern einspielen, die in der öffentlichen Wahrnehmung als verfeindet gelten, Beispiele gibt es viele. Es ging mir darum zu zeigen, dass es sich lohnt, für eine größere Sache vermeintliche Gräben und unauflösbar scheinende Gegensätze zu überwinden.

Es geht nicht um Freundschaften fürs Leben oder das völlige Auflösen von Standpunkten und Überzeugungen, aber zumindest um das Verständnis für die Situation des anderen. Streiten ja, aber frei von Dogmen.

Ich wollte ein musikalisches Vorbild schaffen, nach dem Motto: Wenn die sich zusammenraufen können, dann können wir das auch.

In der Umsetzung sind wir auf halbem Wege stehengeblieben. Die Onkelz kamen dazwischen. (lacht)

Ich denke, dass mir deshalb keiner böse sein wird. Ich finde den Song so gut, dass er jetzt einfach endlich mal raus muss. Also habe ich mich entschieden, ihn jetzt auf „Operation Transformation“ zu packen, bevor er noch zwei, drei Jahre auf Halde liegt. Den Gedanken, noch einmal mehrere Künstler für die Message zusammenzubringen, den gibt es aber nach wie vor. Die Zeit verlangt jedenfalls nach einem entsprechenden Symbol, finde ich.

Stephan Weidner mit dem Kopf in den Wolken

Die zweite CD erlaubt einen nicht alltäglichen Blick hinter die Kulissen – Fünf exklusive Stücke „Live aus Hamburg 2016“ und dazu Instrumental-Demos. Die Hintergründe zu den Demos erfahren Käufer des Albums zwar im Booklet, allerdings würde uns nun einmal interessieren, wie die Titelbezeichnung zustande gekommen ist. Konkret: „Mit ph“ spielt wahrscheinlich auf die falsche Schreibweise deines Namens an?

Genau. Mein Standardspruch ist: Stephan mit „ph“ und Weidner wie die „Weide“

Interesse wird auch beim Titel „Ruach V“ geweckt, was hat dich dazu verleitet, dich mit der hebräischen Sprache auseinander zu setzen?

Die Beschäftigung mit der mystischen Tradition des Judentums

Initiative: Read! – In der Vergangenheit haben wir deine Buch-Tipps schätzen gelernt. Zeit dafür hätten im weiteren Verlauf des Lockdowns zur genüge. Welche Bücher möchtest du unseren Lesern ans Herz legen?

Es gibt so unglaublich viel gute Literatur und tue mich schwer mit Empfehlungen, aber bitteschön. Zuletzt gelesen habe ich die Romane von Donald Ray Pollock, „Knockemstiff“ und „Das Handwerk des Teufels“. Ich mag seinen Hang zur Drastik und seine Beschreibung des Extremen und das seine Bücher stark autobiografische Züge haben.

Unglaublich gut schreibt auch Frank Witzel in „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“. Es geht um einen Jungen aus der hessischen Provinz, der sich mit dreizehn, auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, beginnt sich vom Muff der Nachkriegszeit zu befreien. Das Buch ist eine Mischung aus Wahn und Witz und sehr mutig.

Ich mag Biografien über Musiker wie zum Beispiel die von John Lydon oder die von Billy Idol. Außerdem lese ich Spirituelles Zeug über weiße und schwarze Magie, von Walter E. Buttler, Dion Fortune bis Blavatsky und natürlich die „Bhagavad Gita“.

Bleiben wir bei der Thematik interessante Bücher. Kürzlich sprachen wir mit ‚Gonzo’ über seine ganz persönliche Biografie. Spielst du ebenfalls mit dem Gedanken dein Leben in Form einer Biografie niederzuschreiben?

Ja, deswegen lese ich gerade viele Biografien anderer Musiker, haha.

Welchen Titel würdest du deiner persönlichen Biografie geben?

Meinet-W-gen“, „My W“ (lacht) Oder doch eher etwas ohne diese Wortspielereien und mehr von Altersweisheit zeugend wie: „Es ist einfach im Nachhinein Ratschläge zu erteilen“ haha. Du siehst, ich habe keine Ahnung.

Werfen wir zum Abschluss einen Blick in die Glaskugel: Wie denkst du, dass es in diesem Jahr weitergeht und was erhoffst du dir in nächster Zeit?

Ich hoffe, dass wir mit den Onkelz unser Jubiläumsprogramm so durchziehen, wie wir und die Onkelz-Fans uns das alle verdient haben. Ich bin da allerdings derzeit skeptisch und kann mir auch nicht vorstellen, bei einem Konzert in Tausende Gesichter mit Masken zu blicken. Auch wenn es nervt: Die Kristallkugel bleibt da arg trübe.

Was ich beeinflussen und somit auch versprechen kann: 2021 kommt nach „Operation Transformation“ ein neues Album von DER W raus. Und ich hoffe, dass alle das bei bester Gesundheit mit viel Licht am Ende dieses viel zu langen Tunnels abfeiern können.

Herzlichen Dank für das ausführliche Interview.

Wie immer: Danke dir!

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Stephan Weidner Interview: Ein Blick in die Glaskugel (3/3)

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