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Veröffentlicht am 14. Oktober 2010 von Pressure Magazine in Interview
 
 

Höher, schneller, noch Weidner: Der W im Interview zu „Autonomie!“

FotovonStephanWeidnerimStudioimFrankfurterNordend.MitPressureMagazinsprachedas"BöhseOnkelz" MastermindüberseinSoloalbum"Autonomie".InterviewausdemJahr
FotovonStephanWeidnerimStudioimFrankfurterNordend.MitPressureMagazinsprachedas"BöhseOnkelz" MastermindüberseinSoloalbum"Autonomie".InterviewausdemJahr

Höher, schneller, noch Weidner: Die Veröffentlichung des zweiten Studioalbums von Stephan Weidner alias Der W steht an. Grund genug, uns mit dem Böhse Onkelz“-Mastermind im Frankfurter Nordend auf einen kleinen Plausch zu treffen.

Herausgekommen ist ein rund 45 minütiges Gespräch über die Produktion seines neuen Albums „Autonomie!“. Neben seinem Soloprojekt spricht Stephan im unteren Abschnitt des Interviews auch über die Böhsen Onkelz. Darin spricht er über Kevin Russells deutlich sichtbaren körperlichen Verfall bei seinem Auftritt vor Gericht und äußert sich dazu, weshalb es ihm wichtig war, ein offizielles Statement zum wahren Ende der Böhsen Onkelz via www.onkelz.de zu veröffentlichen. Das Interview mit Stephan Weidner im Frankfurter Studio23 führte Volker Bonacker für Pressure-Magazine.de

Mir ist vorhin zum ersten Mal aufgefallen, dass hinter „Autonomie“, dem Titel deines neuen Albums, ein Ausrufezeichen steht. Damit ist das ganze dann im Imperativ gehalten, also eine Aufforderung. Wozu?

Stephan Weidner: Es könnte auch ein Befreiungsschlag sein, oder? Das überlasse ich gerne dem Leser, dem Zuhörer. Ich tu mich immer ein bisschen schwer damit, allerdings mach ich es trotzdem immer wieder: Erklärungen zu meinen Songs abgeben. Weil ich es eigentlich schön finde, wenn da Interpretationsfreiraum herrscht und jeder in der Lage ist, sein eigenes Gefühl da mit einzubringen und einen eigenen Geschmack für die Sache zu entwickeln.

Pressure Magazine: Das es nicht in die Richtung „Schwarzer Block“ geht, war ja dem Blogbeitrag auf deiner Webseite schon zu entnehmen…

Stephan Weidner: Es geht tatsächlich in eine Richtung von „Unabhängigkeit“, mit all ihren Vorzügen, aber auch all ihren Verpflichtungen.

Pressure Magazine: Aus dem Song „Machs Maul auf“ hat man ja eine Aufforderung zu mehr Selbständigkeit herausgehört…

Stephan Weidner: Ich sage mal, „Aufforderung“ wäre mir schon fast zu viel. Letztendlich ist es auch eine Aufforderung für mich, in erster Linie, und damit immer wieder eine Möglichkeit, mich selbst zu hinterfragen, mich selbst zu motivieren und mir selbst den Spiegel vorzuhalten. Ich will da also gar nicht der Gesellschaft was klagend vor die Füße werfen, sondern auch mich selbst mit einschließen in vielerlei Dinge.

Auch wenn ich ganz selbstbewusst sagen kann, dass ich vielleicht schon den einen oder anderen Schritt in die richtige Richtung gemacht habe und andere vielleicht einfach ein Stück weit Motivation brauchen. Für Motivation bin ich gern zuständig und hoffe, dass es mir auch manchmal gelingt. Ich habe also versucht, auf der Platte mit solchen Sachen gelassener umzugehen und den Leuten auch eine Hintertür anzubieten.

Pressure Magazine: Es ist aufgefallen, dass die Songs alle ein wenig länger geworden sind, da sind viele Vierminüter dabei, vor allem „Sterne“ wirkt schon jetzt wie ein sehr guter Abschluss für das Album.

Stephan Weidner: Es gibt einen Song, der ist noch langsamer, noch getragener. Da habe ich mich mit dem Thema Tod beschäftigt, oder mit meiner Vorstellung von einem möglichen Tod. Von der Möglichkeit, zufrieden zu sterben.

Pressure Magazine: Der neue Song „Fleisch“ klang von den Lyrics und der Aufmachung her ja schon fast nach einem Rammstein-Song.

Stephan Weidner: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich Rammstein nicht so gut kenne, nur das, was man so im Fernsehen oder im Radio um die Ohren geschmissen kriege. Nicht, dass ich was gegen die Band hätte, aber was die so in ihren Songs gemacht haben, das hat mich nicht so interessiert. Ich kenne ihre Texte also gar nicht.

Pressure Magazine: Insgesamt kam das Album eher facettenreicher als der Vorgänger rüber, von ruhigeren bis anklagenden Songs ist alles dabei. Dennoch wirkt es insgesamt etwas „zur Ruhe gekommener“. Würdest du dem zustimmen?

Stephan Weidner: Auch wenn ich jetzt andere Worte verwendet hätte: Ich finde es erst mal ein wenig düsterer, ein bisschen mehr suchend, also auch ich mich als Sänger. Dadurch entstanden schöne Dinge, aber auch ein paar Sachen, die ich dann in der Retrospektive nicht mehr so spannend finde. Es war eine schwierige Phase für mich, wobei man die natürlich dauernd hat, aber es gibt Momente, wo man besser damit umgehen kann und Momente, wo man dann seine Probleme damit hat. Da man über bestimmte Dinge noch nicht hinaus ist, oder noch nicht hinweggekommen. Das ist meiner Meinung nach der große Unterschied: Ich habe versucht, eine große Gelassenheit an den Tag zu legen. Ernste Themen ansprechen, die auch besingen, aber dabei auch zeigen „Hey pass auf, das ist meine Wahrheit, mein Blick auf die Dinge und ich erlaube jedem auch gerne seine Meinung“. Das ist so das Gefühl, dass ich gerne hinterlassen würde: Das man sich zwar damit beschäftigen kann, sich aber auch gerne eine eigene Meinung bilden darf, sich gerne angeschoben fühlen darf. Also kein „Das isses, das machst du jetzt, oder du fliegst raus!“

Pressure Magazine: Sind private Dinge eingeflossen? Bei früheren Songs war das nicht von der Hand zu weisen.

Stephan Weidner: Es gibt glaube ich ganz wenige Songs, die nicht persönlich sind. Da müsstest du mich anders herum fragen: Welcher Song ist nicht persönlich?

Pressure Magazine: In dem Fall anders gefragt: Welcher Song ist in dem Sinne nicht persönlich gemeint? Du liest Zeitung, du nimmst wahr, was in der Welt passiert – in welchem Song spiegelt sich derartiges wieder? Was ist da so der Fingerzeiger wie es etwa „Fleisch“ geworden ist?

Stephan Weidner: „Fleisch“ ist bewusst ein Fingerzeiger geworden. Ich bin ja kein radikaler Vegetarier. Ich habe 25 Jahre lang vegetarisch gelebt, aber erlaube mir jetzt ab und zu mal auch ein Stück Geflügel und hab auch schon immer Fisch gegessen. Das macht’s nicht besser oder schlechter, das kann man als Vegetarier auch scheisse finden. Und genau so möchte ich das verstanden haben. Mir geht’s letztendlich in dem Song um diesen Moment, sich mal Gedanken machen zu können. Ich erwarte nicht von jedem, dass er Vegetarier wird aber ich erwarte, dass man mal drüber nachdenkt, wenn man auf etwas aufmerksam gemacht wird. Wenn ich bewusst handle, egal ob beim Einkaufen oder bei anderen Entscheidungen, die ich treffe, dann ist das in Ordnung, denn es gibt mir die Möglichkeit, zu wissen, dass ich mich selbst dafür entscheide. Ich werde dann nicht dazu getrieben, etwa durch eine Industrie, die mir so lange einredet, es wäre ein gutes Produkt.

Mir geht’s darum, sich mal Gedanken drüber zu machen, was da eigentlich passiert ist, bis ich das Fleisch in meinen Mund stecke, wie viele Tiere da gelitten haben. Ist das notwendig? Ich habe generell kein Problem damit, das Tier zu essen, ich trage ja auch Lederschuhe. Ich bin der Meinung, dass wir gar nichts erreichen, wenn wir sagen „Du bist ein Fleischfresser, du bist’n Arsch“, sondern eher, wenn wir sagen „Hey, stump den mal an, vielleicht denkt er mal drüber nach, vielleicht lässt er das Fleisch dann weg oder geht mal in den Bio-Laden“. Diese kleine Entscheidung, die eine große Wirkung haben kann, heißt nicht, dass ich in meinem Handeln gleich radikal werden muss. Das tut einfach auch irgendwo einfach meinem Gewissen gut. Ich kann nicht von jedem Menschen verlangen, dass er die gleiche Kraft hat, die dinge zu handhaben, wie ich mir das zuspreche. Wir sind alle anders konditioniert, haben alle andere Möglichkeiten und deshalb finde ich es fairer meinen Mitmenschen gegenüber, sie einfach nur zum Denken anzuregen und es ihnen dann selbst zu überlassen, was sie tun.

Das spielt ja dann wieder in den Albumtitel rein: Autonomie, denkt selbst nach, lasst euch nicht fremdbestimmen.

Stephan Weidner: Oder wenn du dich fremdbestimmen lässt, dann sei dir wenigstens im Klaren drüber, dass das so ist! Wenn du in dem Moment sagst „Das ist mir scheissegal, dass das so ist“, dann triffst du eine selbstbewusste Entscheidung.

In welcher Position siehst du dich hier. Willst du die Leute eher anstoßen zum Denken, willst du eher mahnen oder siehst du dich mehr als Missionar?

Stephan Weidner: Ich sehe mich einfach nur als jemanden, der über sich nachdenkt, über sein Leben und darüber, was er sieht und das mitteilt. Was die Leute dann mit meinen Texten machen, das ist vollkommen ihnen überlassen. Ich sehe mich weder als Mahner, noch habe ich die Ambition, die Welt zu verbessern, sondern ich lebe einfach nur so, wie ich es für richtig halte und könnte mir vorstellen, dass den einen oder anderen das interessiert. Und dann obliegt es jedem, damit zu tun, was er will – also entweder sich ein Beispiel daran zu nehmen, oder etwas davon gut zu finden oder schlecht zu finden, mich zu kritisieren oder idealisieren. Das ist jedem selbst überlassen und ich mache mir das wenig Gedanken drüber. Ich habe für mich eine Lebensphilosophie und meine moralischen Werte definiert und nach denen versuche ich zu leben.

Stephan Weidner im Interview mit Pressure Magazine (2010)

Stephan Weidner im Interview mit Pressure Magazine (2010)

Nehmen wir die Texte vom Vorgänger und den letzten Alben: Hier waren immer zig Querverweise auf Literatur und Kunst zu finden, die man mit ein wenig nachdenken selbst nachvollziehen konnte. Wovon hast du dich dieses Mal inspirieren lassen?

Stephan Weidner: Das kann man ja selbst irgendwann gar nicht mehr nachvollziehen. Das ist ja nicht so, dass ich nun hingehe und irgendwelche Sachen aus einem Buch herausschreibe, das ich gelesen habe und das mich interessiert hat. Es ist allerdings so, dass ich nach gewissen Zeiträumen meine Gedanken niederschreibe und da fließen natürlich manchmal auch ganz konkret Dinge mit ein, die mich inspirieren, oder Gedanken aus einer Phase, in der ich ein Buch lese oder einen Film schaue. Da gab es immer Bücher oder Autoren, die mich beeinflusst haben und die lasse ich dann auch gerne mit einfließen, denn es gibt einfach auch Dinge, die man gar nicht viel besser beschreiben kann. Ich versuche manchmal auch nur, die Essenz aus einem Buch in so einen banalen Reim zu verpacken, wie ich sie schriebe.

Eine ganz andere Richtung: Vor uns haben die Kollegen vom „Metal Hammer“ mit dir ein Interview geführt, da war das Verhältnis die letzten Jahre über ja eher belastet. Gleiches gilt für den „Spiegel“, wo du nach dem Release des Debut-Albums noch mal einen Schritt auf die Medien zugemacht hast, der daneben ging. Siehst du dieses Mal die Möglichkeit einer erneuten Annäherung oder war es das nun definitiv? Ich frage das auch in der Hinsicht, dass zu Onkelz-Zeiten immer die Forderung im Raum stand, den Bandnamen zu ändern, um das Verhältnis mit den Medien zu kitten. Nun ist das in deinem Falle und mit dem Onkelz-Split ja schon seit fünf Jahren geschehen. Die Frage ist also auch: Was hat sich seither geändert?

Stephan Weidner: Das „Spiegel“-Ding ist gründlich in die Hose gegangen. Wenn man da die Hintergründe kennt, war das sogar sehr lächerlich. Der „Spiegel“ hat sich da von seiner schlechtesten Seite gezeigt – damit meine ich nicht mal das, was geschrieben wurde, sondern die ganze Geschichte bis dorthin. Das war eine echte Farce, aber mittlerweile ist das auch abgehakt.

Ich war mir eigentlich im Klaren drüber, dass das mit der Namensänderung nicht funktioniert, deshalb war das schon zu Lebzeiten der Onkelz niemals eine Möglichkeit, die ich in Erwägung gezogen habe. Meinen Namen zu ändern, um damit etwas ungeschehen zu machen, das geht nicht. Und genauso war es mir klar, dass ich auch als Der W. auf die Onkelz reduziert werde. So naiv bin ich dann auch nicht. Beim „Spiegel“ hat mich einfach geärgert, dass man andere Sachen besprochen hat und ich mal wieder die eine oder andere Hoffnung reingesetzt habe, dass doch noch ein vernünftiger Austausch stattfindet, weil es hier ja auch sehr viele vergebene Möglichkeiten gibt, wie man die Onkelz hätte instrumentalisieren können. Diese Ansätze wurden einfach nicht verfolgt. Was man damit hätte erreichen können, ist zwar alles hypothetisch, aber dennoch: Es gibt keine Annäherung. Mir ist klar, dass das so bleibt, diese Entscheidung habe ich getroffen und ich werde das weiterhin so handhaben wie bei den Onkelz. Ich werde mich mit diesen Medien nicht mehr auseinandersetzen. Es ist hoffnungslos. Die wollen nicht, die berichten für eine Zielgruppe und sie haben sich so weit aus dem Fenster gelehnt in der Vergangenheit, dass sie da gar nicht mehr anders agieren können. Kritischer Journalismus in allen Ehren, das muss sein, aber vier Stunden Gespräch auf das zu reduzieren, das ich da gelesen habe, da sage ich mir dann einfach „Die Zeit spare ich mir“.

Zurück zu dem, weswegen wir eigentlich hier sind, nämlich dem neuen Album. Wenn du hier einen Vergleich zum Vorgänger ziehst, siehst du eine Entwicklung auch auf technischer Seite? Du hattest beispielsweise mal erwähnt, dass du Gesangsstunden nimmst…

Stephan Weidner: Ich weiß, dass ich mittlerweile besser singe. Gesangsstunden habe ich schon sehr früh genommen, einfach auch deshalb, weil man, wenn man mit anderen Leuten Musik macht, auch in der Lage sein muss, bestimmte Dinge erklären zu können. Da gibt’s Tipps und Tricks und Kniffe wie man grade Sänger, die ja oft besonders sensibel sind, gut aufstellt. Für mich war das damals auch ein Ding, wo ich Kevin motivieren wollte, so „Hey pass auf, ich nehm da Gesangsstunden, mach doch mal mit“, weil ich auch wollte, dass er sich da weiterentwickelt. Irgendwann ist es dann auch so, dass man sich als Sänger selbst finden und auch akzeptieren muss, wie man klingt. Am Anfang geht man noch zum Unterricht und denkt sich, da komm ich raus und klinge wie ein Sänger, den ich gerne mag. Das funktioniert so aber nicht und da muss man sich dran gewöhnen und auch mit abfinden. Und irgendwann auch wohlfühlen damit. Wenn der Moment eintritt, dann ist man in der Lage, auch eine gute Performance zu bringen und Gefühle zu vermitteln, die dich in irgendeiner Form berühren. Dafür muss man nicht gut singen können, das kann ein Bob Dylan, das können viele Leute, die in meinen Augen keine begnadeten Sänger sind, aber dennoch Gefühle rüber bringen können.

Wohlfühlen ist also ganz wichtig und das tue ich mittlerweile. Und da lerne ich auch dazu. Wenn ich mal die Zeitspanne vom ersten zum zweiten Album nehme, da gab es einfach viele Möglichkeiten, meine Stimme zu trainieren. Letztlich ist deine Stimme ein Muskel, wenn du den jeden Tag trainierst, dann wirst du einfach auch besser.

Klar hab ich versucht, möglichst viele Facetten auf dem Album zu zeigen, von geflüsterten Momenten bis schreien, aggressiven Momenten, aber auch Verzweiflung ist im Prinzip alles drin. Ich höre da von Nina Hagen bis sonstwohin Sachen, die ich gut finde. Manchmal ist es schon fast theatralisch, irgendwie. Zumindest empfinde ich das so. Ich denke, ich bin als Sänger gereifter, weiß besser, was ich kann und was ich nicht kann und fühle mich wohler, sicherer und bin aber auch motivierter, weil ich jetzt Leute um mich herum habe, die gut sind. Das ist das Schöne im Moment: Mit einer Band am Start zu sein wo man selbst als jemand, der schon lange Musik macht, noch was lernt. Und ich hoffe, dass man das auch hört.

Gab es innerhalb der Band Besetzungswechsel oder willst du da eine gewisse Stabilität aufbauen?

Stephan Weidner: Wir haben jetzt diese Stabilität und sind seit der „Motörhead“-Tour in der gleichen Besetzung. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt in einem Nightliner gefahren bin und da sitzt man dann und die Jungs furzen einem von unten nach oben die Luft weg und man versteht sich trotzdem. Da ist das dann in Ordnung. Der Band-Vibe war entscheidend und wir haben sehr viel im Kollektiv gemacht. Dadurch wurde das Album sehr nach vorne gebracht.

Stichwort „Motörhead“: Gab es neben Mickey Dee andere Gastmusiker oder gibt’s nach all den Jahren noch Leute wo du sagst, da hättest du mal Bock, was mit denen zu machen?

Stephan Weidner: Wenn ich so drüber nachdenken würde, würde mir sicher der eine oder andere einfallen. Allerdings muss ich sagen, dass ich es mit  Jakob von DAD und Mickey von Motörhead  schon ganz gut getroffen habe, aber klar, es gibt jede Menge Künstler da draußen, die ich bewundere für das, was sie machen. Wenn ich da jetzt einen von denen nennen würde, könnte ich all den anderen nicht gerecht werden.

Wie weit sind die Arbeiten am Album denn fortgeschritten und wie stressig ist das derzeit?

Stephan Weidner: Es ist schon extrem stressig, für manche noch mehr als mich, etwa Micha, der sich da drüben einen Wolf mixt, während ich hier beispielsweise mal zur Abwechslung Interviews führen kann. Der schlägt hier eine Stunde früher als ich auf und geht eine später. Deshalb gibt’s für mich auch gar nichts zu jammern. Es ist stressig, man muss die Zähne zusammenbeißen, aber es hört ja auch irgendwann wieder auf. Also Arschbacken zusammenkneifen und durch, so betrachten wir das momentan. Unser Pensum und das, was halt gemacht werden muss, wird erledigt und da hilft kein Jammern.

Um nochmal auf das Thema Medien zu kommen: Ihr verbreitet eure Botschaften mittlerweile ganz unabhängig von Magazinen, beispielsweise mit dem neuen Song, den es für 25.000 Mitglieder deiner Facebook-Gruppe gab. Dazu gibt es regelmäßige Blogposts und anderes. Hättest du dir vor 20 Jahren denken können, dass es diese Gegenöffentlichkeit, die auf etablierte Vertriebswege nicht angewiesen ist, mal geben könnte?

Stephan Weidner: Den Orden würde ich mir ja gerne anheften, aber es gab natürlich auch bei den Onkelz schon ähnliches und davon profitiere ich natürlich. Ich hab hier aber auch das Rad nicht neu erfunden. Klar kann ich die Strukturen gut nutzen und es gibt mir Freiräume, sagen zu können „Pass auf, ich brauch die Medien nicht, ich brauch keine Anzeige schalten, vor allem bei Medien, die mir nicht wohlgesonnen waren, da steck ich denen nicht noch das Geld in den Rachen“. Es gibt ja viele negative Dinge, die wir dem Internet nachsagen können, aber da gehört die Kommunikation sicherlich nicht dazu. Wir versuchen, die neuen Möglichkeiten, die sich da ergeben, so gut es geht zu nutzen und den Bogen könnte man sicherlich noch weiter spannen. Wir werden da in der Zukunft sicher nochmal forschen und die Augen offen halten. Die direkte Kommunikation macht durchaus Spaß, aber oft eben auch nicht, weil es vielen Leuten die Möglichkeit gibt, ihre Meinung kund zu tun, worauf immer die auch basiert.

Was die weniger schönen Aspekte des Internet betrifft: Das Thema Raubkopien ist zu gewissen Teilen ja immer an den Onkelz vorbeigegangen, ihr habt trotz Internet noch entsprechend verkauft. Wie erklärst du dir das? Sind W-Fans ehrlicher?

Stephan Weidner: Es verhält sich eigentlich so, wie es im optimalen Fall sein sollte: Ich habe nichts dagegen, wenn sich Leute einen Titel rippen und dann sagen „Ok, den Künstler finde ich gut, das kaufe ich mir“. Ich hoffe, dass ich das Potenzial dafür habe und den Leuten tatsächlich so viel geben kann, dass sie sich den physischen Tonträger kaufen, obwohl es auch die Möglichkeit eines illegalen Downloads gibt. Woran das genau liegt? Ich denke schon auch, dass einfach eine starke Identifizierung und eine authentische Arbeit dazu beitragen. Da ist der Konsument eher geneigt, zuzuschlagen als bei einem Künstler, der morgen vielleicht nicht mehr auf der Bühne steht oder der nicht so viel zu sagen hat. Das ist ja ein Phänomen, das es nicht nur bei mir gibt, sondern auch den Hosen oder den Ärzten, die ja auch schon lange Musik machen. Grönemeyer, Westernhagen und Söhne Mannheims leben glaube ich auch nicht schlecht. Es gibt schon noch ein paar Leute, die Platten verkaufen.

Nichts desto trotz spüren auch wir das. Schon mit den Onkelz haben wir extreme Rückgänge gehabt. Andere haben sicherlich mehr drunter gelitten, aber wir haben es auch gemerkt, so war das nicht.

Du warst immer jemand, der auf technischer Seite nicht nur mit der Mode gegangen ist, sondern da oftmals auch als erster Sachen adaptiert hast, etwa was Ton- oder Bildformate betrifft. Was erwartet uns da künftig?

Stephan Weidner: Was das Album und das Design und eine gewisse Haptik betrifft, finde ich schon, dass es bei der Musik nicht aufhört. Das ist ein Gesamtpaket und ich freue mich als Konsument ja auch drüber, wenn ich sehe, dass sich jemand Gedanken gemacht hat und Liebe drin steckt. Und wenn man die Möglichkeiten hat und es sich dann leisten kann, dann sagt man sich eben auch „ok, ich verzichte auf den einen oder anderen Euro, hab dafür aber ein Ding in der Hand, das echt Spaß macht.“

Was den technischen Fortschritt betrifft: Ich bin schon der Gadget-Freak, ich liebe die ganze Elektronik und alles, was dazu gehört. Das übt eine hypnotische Wirkung auf mich aus und da schau ich dann auch, was es an Neuem gibt. Ich gehöre da immer zu den ersten, was mich allerdings nicht davor schützt, ständig mit Rechnerabstürzen zu kämpfen, weil jedes neue Plug-in, das man sich kauft, potenziell irgendwie ein Feind ist. Da habe ich hier in meiner Elektronik-Abteilung schon für sehr viel Unmut gesorgt.

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Was das „reduziert werden“ betrifft, das du erwähnt hast. Findet das auch abseits von „Spiegel“ und Co. noch statt?

Stephan Weidner: Ich habe ja das Glück, gesichtsmäßig relativ anonym unterwegs zu sein, außer für meine Fans natürlich. Für den Rest der Welt bin ich einfach kein Thema. Ich habe keine reiche Mutter und keinen Schauspieler-Vater, somit muss ich mich mit der Thematik Boulevard zumindest nicht beschäftigen. Klar, in Zeiten wie aktuell und dem, was gerade mit Kevin passiert, rücken die Onkelz wieder in den Vordergrund. Aber du siehst ja, dass mein Gesicht da nicht in den Zeitungen ist, sondern seins.

Kamen da Anfragen nach Statements?

Stephan Weidner: Ich glaube, die kommen schon gar nicht mehr, weil jeder weiß, was passiert. Wir haben da unsere Ruhe, auch wenn hier und da mal wer auf dem Hof rumstreunert und schaut, wen er ablichten kann. Aber schaut euch mal das Paparazzi-Problem der Amerikaner an, da geht’s uns ja noch relativ gut. Dementsprechend ist das alles für mich kein Thema.

Wie kam es dazu, dass du und Pe euch entschlossen habt, das Statement auf der Onkelz-Homepage zu veröffentlichen, als die Dinge mit Kevin bereits am hochkochen waren?

Stephan Weidner: Das hatte einen ganz einfachen Grund: Aus Respekt unseren Fans gegenüber.
 

Glaubst du, das hat die Leute überrascht?

Stephan Weidner: Ja, das hat es. Das Statement habe ich kurz nachdem der Unfall passiert ist, geschrieben, weil mir klar war, was da kommt. Ich kenne Kevin und letztendlich wollte ich die Onkelz mit der Auflösung auch vor diesem Super-GAU bewahren, der jetzt gerade stattfindet. Ich meine das auch genau so, wie ich es sage: Ich wollte nicht mich davor bewahren, sondern die Fans. Ich weiß, wie es ist, wie es in Kevin und um Kevin herum aussieht und wie es mit der Band ausgesehen hat. Wir haben eine Menge tolle Sachen gemacht, aber wir mussten uns zum Schluss auch fragen, ob wir das eigentlich noch sind, was wir da besingen. Und als eine Band, die ihre ganze Existenz über versucht hat, etwas rüberzubringen, im Sinne von Werten und Möglichkeiten, da weißt du: Ein Drogenkranker ist ein Drogenkranker, gut, aber das macht es nach 30 Jahren, die du mit diesem Menschen verbringst, auch nicht besser. Mir war es wichtig den Fans gegenüber.

Für so ein Statement gibt es keinen richtigen Zeitpunkt, es wird immer polarisieren. Es gibt Leute, die sagen „Jetzt haben sie Kevin fallen lassen“ oder „Die Auflösung der Onkelz ist schuld“. Das ist alles falsch. Die Leute wissen nichts, außer dem, was wie wissen sollen und das ist in diesem Fall, dass Kevins Drogensucht und sein Verhalten und sein Blick auf die Dinge dazu geführt hat, dass wir uns aufgelöst haben. Kevin ist nicht untergegangen, weil wir die Onkelz aufgelöst haben – im umgekehrten Fall war das so. Das ist ein wichtiges Statement und die Leute sollen einfach wissen, dass es noch Menschen gibt, die Verantwortung für ihre Taten übernehmen.
Das Scheisse passieren kann, das wissen wir alle, da ist keiner ein Kind von Traurigkeit. Aber wenn’s dann soweit ist, dann hat man dafür grade zu stehen. Und jemand, der das nicht tut, der kann nicht mein Freund sein.

Bestehen zwischen euch noch Kontakte?

Stephan Weidner: Kevin ist in meinen Augen nicht mehr zurechnungsfähig und davon abgesehen, hat das mit seinem Umfeld zu tun, das ihm alle Brücken in unsere Richtung zu verbauen versucht. Er ist für uns nicht mehr ansprechbar. Das sind Dinge, die will ich aber nicht weiter besprechen. Vielleicht nur soviel, dass jene Leute, die nun sagen, wir haben Kevin fallen lassen, nichts wissen.
Sie können das glauben oder es lassen, aber wir haben nichts unterlassen, um Kevin zu helfen. Aber wer sich nicht helfen lassen will…

Stephan, vielen Dank für dieses Interview

Interview von Volker Bonacker am 14.10.2010 im 3R Entertainment Studio zu Frankfurt

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Mehr von Stephan Weidner – DER W

Offizielle Webseite: www.der-w.de

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