Broilers-puro-amor-album-review
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Die Broilers sind ein Phänomen: Seit nun einem Jahrzehnt gehören sie konstant zu den erfolgreichsten Bands im deutschsprachigen Raum. Ein paar Schulfreunde aus den Vierteln am Stadtrand von Düsseldorf, eher Kinder als halbwüchsig, gründeten 1994 eine Band, die sich am ruppigen Sound einer Streetpunk-Variante orientierte, der schon Anfang der 80er Jahre unter der Bezeichnung „Oi!“ auf der britischen Insel das Licht der Welt erblickte. Dass diese Musik zehn Jahre später nicht mehr als das ganz heiße Ding gehandelt wurde, war den Gruppenmitgliedern ziemlich egal. Zum einen war die kraftvolle Simplizität dieses „Stils“ für Anfänger eine perfekte Spielwiese, zum anderen versprach die dazugehörige Szene das, was für erlebnisorientierte Jugendliche in diesem Alter besonders anziehend ist: Party, Stress und Abenteuer. Und, nun ja, ein Bandname war vor diesem Hintergrund auch bald gefunden, der seitdem von den musikalischen Wurzeln der fünf Broilers-Protagonisten – Sammy Amara (Gesang, Gitarre), Ron Hübner (Gitarre), Ines Maybaum (Bass), Andi Brügge (Schlagzeug) und Chris Kubczak (Keyboards) – kündet. Checkt auch unsere Broilers Bandinfo im Pressure Magazine.

„Wir haben quasi auf der Bühne gelernt, unsere Instrumente zu spielen und dann über 15 Jahre unsere Band nach vorne gebracht, bis das Fass dann endlich übergelaufen ist. Die Musik haben wir immer sehr, sehr ernst genommen und ‚die Sache‘ erst recht. Der Punk-Spirit, dieser rebellische Geist, der Dir sagt, dass Du alles selber machen und selber entscheiden musst, weil Du nur so letztendlich Deine persönliche und künstlerische Freiheit finden kannst, ist bis heute ein wichtiger Begleiter von uns. Es hört sich manchmal merkwürdig an, aber so etwas Abstraktes wie ‚Erfolg‘ war einfach nie Thema. Irgendwann fuhren wir nach Leipzig ins Conne Island, da waren 600 Leute im Laden, ausverkauft. Das war Wahnsinn. In unserer Heimatstadt kamen zweitausend Menschen zu unseren Konzerten, ohne dass es jemand mitbekommen hat, außer denen, die da waren. Wir haben 2009, 2010 landauf, landab die größten Clubs vollgemacht, hatten eine super Zeit, sind dann wieder nach Hause gefahren und haben normal im Beruf, Schule oder Studium weitergemacht. Bis zum nächsten Wochenende…“, beschreibt Amara die wilde Reise der ersten Jahre.

Das Album „Santa Muerte“ katapultierte die Band auf Platz 3 der Charts und aus den Clubs in die Hallen. Nach vielen Jahren der kleinen Schritte ging jetzt alles etwas schneller. Den richtigen Knall gab es dann 2014 mit „Noir“: Das Album schoss auf Platz 1 der Charts, die Hallen auf der folgenden Tour waren nicht nur groß, sondern auch voll bis unters Dach, das Interesse an der Band gewaltig und die Broilers spätestens jetzt ganz vorne mit dabei. 2017 gründete sie mit „Skull & Palms Recordings“ selbst ein Label und veröffentlicht ihre Musik seitdem komplett in eigener Regie. Das nächste Album „(sic!)“ stieg wieder auf Platz 1 der Charts ein und erreichte erneut innerhalb kürzester Zeit Goldstatus. Die anschließende Tournee entwickelte sich zu einem wahren Triumphzug: Mit hunderttausenden Fans auf zahllosen ausverkauften Konzerten feierten die Broilers die größte Tour ihrer Bandgeschichte.

Im Zeichen der konstanten Veränderung, der ungewissen Sicherheit und Zukunft der heutigen Zeit steht das neue Album „PURO AMOR“ von den Broilers. 

Wenn der Rücken es erlaubt, die Mittelfinger hoch!

„Wir waren bereits aus der Zeit gefallen, als wir unsere ersten musikalischen Gehversuche machten und es war uns herzlich egal“, erinnert sich Sammy Amara, der Sänger, Gitarrist und Songwriter der Band. „Es war wie mit seinen besten Freunden einen Film zu drehen über etwas, das 15 Jahre vorher geschah. Dessen Echo aber immer noch unüberhörbar in die Gegenwart schallte und deutlich zu einem sprach. In jeder Stadt gab es eine Szene von solchen Leuten, die auf dieser Basis ihren eigenen Film drehten, ihre eigene Interpretation und Weiterentwicklung dessen, was mal als ‚Punk‘ in grauer Vorzeit gestartet war. Wir waren die Band aus dieser Szene für diese Szene. Wir fingen an, Konzerte für diese Menschen zu spielen, zunächst in der näheren Umgebung, dann weiter weg und irgendwann waren wir fast jedes Wochenende unterwegs. Damals entstanden unsere ersten Alben und beschrieben das, was in unserem Alltag geschah und was wir in diesem Umfeld erlebten.

„Es war“, so der Frontmann Amara, „wie in einem anderen Universum: Eine eigene, autarke Welt, von der nur diejenigen Notiz nahmen, die sich in ihr bewegten“.

Doch auch wenn weder etablierte Musikmedien, geschweige denn das Feuilleton jener musikalischen Untergrundbewegung Beachtung schenkten, fand sich dort abseits des musikalischen Mainstreams ein vieltausendköpfiges Publikum, für das die Broilers im Lauf der Jahre die wichtigste Band dieser Szene wurden. Die bedingungslose Liebe, die ihnen bis heute von vielen ihrer Anhängerschaft entgegenbracht wird, hat ihren Ursprung in dieser Zeit. Neben den Liedern, mit denen sie über die Jahre ihrer Anhängerschaft stets aufs Neue aus dem Herzen sprachen, führte aber auch die Kombination der individuellen Charaktere der einzelnen Musiker an die Spitze: Wie fünf Superhelden aus einer Comicserie bündeln sie als Team ihre Kräfte, begeistern so die Fans mit neuen Abenteuern und können aus dieser Unterschiedlichkeit Kraft schöpfen und spenden. Es ist sicher kein Zufall, dass in der immer noch sehr homogenen Rock’n’Roll-Welt ausgerechnet bei einer der zurzeit erfolgreichsten Bands des Landes eine der Säulen des Line Ups eine Frau und der Sänger halber Iraker ist. Welche Gesellschaft soll das abbilden? Eben!

Sammy Amara: „Es ist doch irre, dass so etwas wie ‚Diversität‘ jetzt erst ein Thema wird. Das ist seit 25 Jahren ein Teil von uns und in unserer Welt einfach normal.“

Und nun, nach vier langen Jahren Wartezeit, überraschen die Broilers ihre Fans mit „Puro Amor“, einem vielseitigen, kraftvollen Werk, das wie die drei vorangegangenen Longplayer erneut mit sicherer Hand von Vincent Sorg produziert wurde. Es ist ein Album über die Liebe und das Loslassen. Darüber, weiterzumachen, auch wenn es schwerfällt. 46 Minuten und 14 Songs über die echte, wahre, große und pure Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen. Vom ersten zarten Kuss, vom Knutschfleck zur Bisswunde über das warme Gefühl eines Zuhauses, vom schlimmsten Streit bis zum schmerzhaften Verlust. Partnerschaft, Familie, eine tiefe Freundschaft, die all das Vorausgegangene in sich vereint – wie die Freundschaft, die die Band vor 27 Jahren zusammengebracht hat und heute noch zusammenhält.

In einer Welt, die es zu genießen scheint im Krieg zu sein, haben die Broilers zumindest Frieden mit sich selbst geschlossen und das zugelassen und umarmt, was sie lange begleitet: Pathos, Emotionen, Kontraste. Da sind wuchtige Bläsersätze, Offbeats, da ist Soul und Rocksteady, da sind Flirts mit Power-Pop und Kitsch und das alles, als wäre es das Logischste und Normalste auf der Welt neben drückenden Gitarrenwänden, fetten Chören und einem Schlagzeug, das nur nach vorne will. Diese eklektische Mischung trauen sich nicht viele. Die Broilers wollen es sich anders gar nicht mehr vorstellen.
“Wir bleiben die, die wir waren, Jugendliche von 40 Jahren“ – “Nicht alles endet irgendwann“ lautet der Album-Opener und ist schon jetzt prädestiniert dafür, als energetischer Stimmungsmacher zur Eröffnung auf BROILERS Live-Shows gespielt zu werden. Sofern wir uns nach der ganzen Pandemie-Scheiße endlich darauf freuen dürfen? 

Paul, der Hooligan hat sich verliebt. Nicht.

Da kommen Erinnerungen an die frühen Bandjahre auf. Mit „Schwer verliebter Hooligan“ haben die Broilers an einen ihrer ersten Songs angeknüpft und eine Art Fortsetzung der Geschichte geschrieben. Ob “Happy End“ für den schwer-verliebten Kuschelbär oder bitteres Gefecht in der dritten Halbzeit? Phoow. Findet es selbst heraus…

Preußische Tugend, versaut die ganze Jugend!

Anti-Establishment in Reinkultur. Die “Diktatur der Lerchen“ ist der Ohrwurm schlechthin und das Leitmotiv von Sänger Sammy Amara, der erst tief in der Nacht zu wahren Kreativität auffahren vermag. Ein Power-Song mit Augenzwinkern, ganz im Broilers-Stil.

“Hol deine Frau ab Sarah, sie redet wieder Nazidreck. Nimm sie fest in den Arm, nimm ihr die Streichhölzer weg.“

Ein aktuelles Statement gegen den braunen Abschaum gibt’s mit „Alice und Sarah“. So haben sich die Broilers Gedanken darüber gemacht, wie es im privaten Umgang der AFD-Politikerin mit ihrer Lebensgefährtin zugehen mag. Haben das Abendland und seine Rettung wohlmöglich zuhause nichts zu suchen? Diese Anti-Nazi-Hymne könnte schön jetzt zum heimlichen Star der Scheibe werden und gleichermaßen reichlich Diskussionsstoff mit sich bringen.

“Lebe, Du stirbst!“

Die letzte Nummer auf der Platte liefert das eigentliche Mantra für diese verdammte Zeit. Aufgrund vergangener Schicksalsschläge im familiären Umfeld der Band und darüberhinaus der Corona-Situation geschuldet, ist ein Song entstanden, der daran appelliert das Leben zu genießen und die Zeit zu nutzen, die uns bleibt. “Es leben meine Freunde, es leben unsere Träume, es leben unsere Geschichten. Es lebe was uns bleibt. Es lebe unsere Zeit. Es lebe unsere Liebe. Die echte, pure Liebe.”

Summarum machen die Broilers mit vieles „PURO AMOR“ richtig und liefern auch diesmal zeitgemäße Durchhalteparolen, die sich imposant auf’s T-Shirt drucken lassen, um darin mit besten Freunden, Kumpels und Artverwandten im Arm über die Welt zu philosophieren. „Alles wird wieder Ok!“ lautet der programmatische Titel eines der Schlüsselsongs des Albums und es sieht ganz danach aus, als ob die Broilers mit „Puro Amor“ für sich und ihre Fans damit gar nicht so verkehrt liegen.

Album Review von Marcus

BROILERS – PURO AMOR Deluxe Edition
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VÖ: 23.04.2021 LP / CD / Digital Label/Vertrieb: Skull & Palms Recordings/ Warner

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