Veröffentlicht am 6. November 2017 von Pressure Magazine in Interview
 
 

Jugendforscher Klaus Farin über das Phänomen Böhse Onkelz und ihre Fans

Interview Klaus Farin vom Hirnkost Verlag zu Onkelz-Fans Buch "Gehasst geliebt vergöttert" 2017
Interview Klaus Farin vom Hirnkost Verlag zu Onkelz-Fans Buch "Gehasst geliebt vergöttert" 2017

Jugendforscher und Buchautor Klaus Farin hat ein weiteres Buch über die Böhsen Onkelz und deren Fans geschrieben. Drei Schlagworte beschreiben die Frankfurter Rockband kurz und prägnant: Gehasst, geliebt, vergöttert.

Klaus Farin, der Gründer des Archiv der Jugendkulturen in Berlin, Ex-Journalist, -Security und -Veranstalter, hat die Band 1993 zum ersten Mal bei einer Tour begleitet – und seitdem nicht wieder aus den Augen verloren. Über die vergangenen Jahrzehnte hat er sich intensiv mit unterschiedlichen Kernfragen auseinandergesetzt: Wie haben sich die Band und auch ihre Fans in der Zeit verändert? Wofür stehen die Böhsen Onkelz heute, die schon mehrfach von Kritikern aufgefordert wurden, ihren Namen aufgrund ihrer Vergangenheit zu ändern? Mit Pressure Magazine sprach Klaus Farin über das Phänomen BÖHSE ONKELZ.

Hi Klaus, nach dem „Buch der Erinnerungen. Die Fans der Böhsen Onkelz“ ist jetzt ein weiteres Buch von dir, was sich mit der Bandgeschichte und den Fans der Böhsen Onkelz auseinandersetzt, erschienen. Warum war es Dir wichtig, Dich nach den bisherigen Buchauflagen seit 1999 abermals mit dem Thema zu befassen?

Der Anlass war eigentlich, dass das „Buch der Erinnerungen“ mal wieder ausverkauft war. Aber mir war es peinlich, das erneut einfach nachzudrucken, denn es ist immerhin schon 18 Jahre alt gewesen. Also habe ich beschlossen, mich noch einmal dranzusetzen und es komplett zu bearbeiten, nicht nur ein wenig zu aktualisieren. Und da ein Kern des Buchs die Fans sind, habe ich eben auch im März/April eine neue Fan-Befragung durchgeführt.

Und warum gleich zwei Bände?

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Zum einen gab es immer wieder Kritik an dem „Buch der Erinnerungen“ dass die immer parallel gedruckten Fan- und Farin-Seiten dort schlecht lesbar seien. Das finde ich zwar nicht, aber okay, ich wollte das bei dem neuen Buch berücksichtigen. Bei einem Band hätte ich die Fans nun quasi ans Ender Biografie anhängen müssen, was ich nicht schön fand. So haben jetzt Fans und Band quasi jeder einen eigenen Band. Außerdem war die Überlegung, dass sich viele Menschen, nicht nur Fans, für das Thema Onkelz interessieren könnten, auch Eltern, Freunde, Arbeitskollegen und andere, die mit Onkelz-Fans zu tun haben.

Ich weiß auch, dass viele Onkelz-Fans das „Buch der Erinnerungen“ an kritische Eltern, Vorgesetzte, Kollegen oder Lehrer verschenkt oder verliehen haben, um sie zu überzeugen, dass sie nicht Fan einer Rechtsrockband sind. Aber bei einem über 300 Seiten umfangreichen Band, der im Handel vermutlich auch 24 oder 26 Euro kosten müsste, würde viele wohl zurückschrecken. So gibt es für diese jetzt ein gut lesbares Bändchen von knapp 160 Seiten, wo alles Wesentliche über die Band und die Vorwürfe ihr gegenüber enthalten ist. Der Fan-Band ist dann eher interessant für Fans selbst und natürlich Musikrezeptionsforscher und andere, die wissenschaftlich an dem Thema arbeiten.

Warum war es Dir wichtig, neben dem Vermitteln von Insider-Wissen auch mit Fan-Umfragen zu arbeiten?

Mich interessieren Star-Biografien normalerweise gar nicht. Ich muss nicht wissen, was meine Lieblingsmusiker morgens am liebsten frühstücken und ob sie sich für Fußball oder Mode interessieren … Der Anlass, mich als Autor oder Journalist mit den Onkelz zu beschäftigen – oder auch mit Jugend- und Subkulturen wie Skinheads, Hooligans etc. ganz allgemein –, war ja, dass die Mehrheitsgesellschaft Vorurteile gegenüber diesen pflegt und sie als Sündenböcke für ihr eigenes Fehlverhalten nimmt. Und das betrifft im Fall der Onkelz ja nicht nur die Band, sondern auch die Fans, die angeblich alle rechte Prolls sind.

Und – sind Onkelz-Fans überwiegend „rechte Prolls“?

Sie sind eher typisch für diese Gesellschaft, mit der Ausnahme, dass unter den Onkelz-Fans weniger Intellektuelle und mehr Handwerker und Angestellte, auch aus sozialen Berufen übrigens, sind. Also in diesem Sinne wirklich etwas mehr „Proll“ als der Durchschnitt der Gesellschaft. Darin liegt sicher auch eine vielleicht nicht reflektierte Ursache der Abneigung vieler Antifas und gutbürgerlicher Kreise gegen die Onkelz-Fans, denn die haben sowieso traditionell ein Problem mit proletarischem Habitus und entsprechenden Milieus wie Fußballfans oder Hardrockern.

Wirbeln jede Menge Staub auf - die Böhsen Onkelz mit ihrem ersten MATAPALOZ Festival Foto: Tilo Klein

Wirbeln jede Menge Staub auf – die Fans der Böhsen Onkelz auf dem MATAPALOZ Festival. Foto: Tilo Klein

Das ist zwar heute nur noch ein Klischee, weil diese Szenen alle längst sehr mittelschichtig und divers sind, wie jeder schnell merkt, wenn er z. B. mal in Wacken war, aber Onkelz-Hasser assoziieren mit Onkelz-Fans immer noch nur den kräftig gebauten, latent aggressiven jungen Mann mit tiefergelegtem Auto und riesigem Onkelz-Aufkleber im Rückfenster, der beruflich Dachdecker oder sowas ist und wenn er überhaupt wählen geht, die AfD oder noch Schlimmeres wählt. Das vielleicht auch die Lehrerin der eigenen Kinder an der Schule Onkelz-Fan ist oder der eigene Steuerberater oder nette Arbeitskollegen, wird ausgeblendet.

Natürlich gibt es immer noch Neonazis und eine Menge Rassisten unter den Onkelz-Fans – wie in der restlichen Gesellschaft auch. Allerdings ist die Mehrzahl der Onkelz-Fans inhaltlich sicher nicht bei AfD und Co anzusiedeln, schon gar nicht bei der NPD. Dass es trotzdem noch eine Menge Rechte unter den Onkelz-Fans gibt, hängt zum einen mit der Geschichte der Band zusammen, aber vor allem mit der öffentlichen Stigmatisierung der Band als rechts – das hat natürlich Rechte angelockt. Im ersten Band beschreibe ich das ja sehr ausführlich. Wenn in den Medien ständig erzählt wird, das sei eine „rechte Band“, interessieren sich eben vor allem rechte Jugendliche dafür, während linksorientierte von vornherein abgeschreckt werden und so gar keine Chance haben, die Band kennenzulernen.

Wären die Onkelz zwei Jahrzehnte lang als linksautonome Band in den Medien präsentiert worden, hätten sie heute mit Sicherheit sehr, sehr viele Fans aus diesem Spektrum. Denn Rockmusik lässt sich immer vielfältig interpretieren; jeder Fan kann in die Texte seine eigene Geschichte und seine eigene Weltanschauung hineinlegen. Das funktioniert bei Bruce Springsteen nicht anders als bei Rammstein oder den Toten Hosen. Für mich ist „Hass“ zum Beispiel immer noch eins der besten autonomen Kampflieder, das ich sehr gerne höre. Oder „Kirche“ und „Religion“, auch zwei Lieblingslieder von mir, könnten aus der Feder einer linksradikalen Band stammen.

„Ohne mich“?

Nee, das natürlich nicht, wegen der Antifa-Beschimpfung. Ich persönlich mag diesen Song allerdings auch sehr, denn er beschimpft die „rechte Adresse“ sehr prinzipiell und fundamentalistisch – ihr seid einfach scheiße! – während er die Antifa in der ersten Strophe nur deshalb disst, weil die völlig orientierungslos und mit miesen Methoden die Onkelz bekämpfen statt den „wahren Feind“, den auch die Onkelz als Feind sehen, nämlich die „rechte Adresse“. Die Onkelz vermeiden hier dieses dämliche rechtsextrem = linksextrem, was derzeit so beliebt ist, sondern argumentieren sehr konkret. Hier könnten viele andere Deutschrockbands wie Frei.Wild noch was lernen.

Wie kann man überhaupt gleichzeitig Onkelz-Fan und Nazi oder auch nur Rassist sein, wo die Band sich doch seit Jahrzehnten massiv dagegen ausspricht?

Das blenden Fans, denen das nicht passt, einfach aus. Sie hören bei entsprechenden Liedern einfach weg oder reden sich ein, das macht die Band nur aus Opportunismus, in Wirklichkeit sind die weiterhin rechts. Sie behaupten zwar häufig, die absoluten Oberfans der Onkelz zu sein, ignorieren aber komplett, dass die Band sich sehr eindeutig antirassistisch positioniert. Und das wird natürlich dadurch gefördert, dass in der Onkelz-Gemeinde Politik sowieso gerne gemieden wird. Wer dann darauf hinweist, dass Postings von Nazi-Bands in Onkelz-Facebook-Gruppen alles andere als cool sind, wird als Spielverderber beschimpft und „keine Politik bitte“.

Interessanterweise kommen solche Reaktionen – „hey, wir sind hier unpolitisch“ – immer nur, wenn jemand sich gegen rechte Postings äußert, während selbst Admins von Onkelz-Gruppen, die sich zur AfD oder sogar NPD bekennen und übelste rassistische „Witze“ oder Nazi-Bands wie Sleipnir, Stahlgewitter oder Kategorie C in ihrer Gruppe posten und liken, niemals kritisiert werden. Und dann beschweren sich diese Vollkoffer noch im gleichen Atemzug ständig, dass sie in die „rechte Ecke“ gedrängt würden. Kein Wunder, dass die Band mit Onkelz-Facebook-Gruppen grundsätzlich nichts zu tun haben will.

Aber wär es nicht sinnvoller, die Band würde das nicht ignorieren, sondern besser eindeutig kommentieren und überhaupt mehr in dieser Richtung unternehmen? Es beklagen sich ja auch schon Fans, dass seit der Wiederkehr sich eigentlich alles nur noch um Geld und neue Produkte drehen würde und nichts mehr an wirklichem Engagement passiert ist wie früher bei dem Schulprojekt in Peru oder Ähnlichem.

Ehrlich gesagt fände ich es auch besser, wenn die Onkelz sich aktuell mal wieder gegenüber ihren Fans eindeutig positionieren würden, denn das letzte grundsätzliche Statement in der Richtung mit Ausnahme zweier kürzerer Ansagen bei Konzerten ist wirklich fast zwanzig Jahre her und eine Menge Fans sind erst später dazugekommen. Ich denke, die Onkelz hätten eine Riesenchance, wirklich was zu bewegen, wenn sie zum Beispiel jetzt wieder gemeinsam mit ihren Fans eine Aktion für Geflüchtete starten würden.

Es gibt z.B. ein Schulprojekt, das Kindern, die aus Syrien fliehen mussten, die Möglichkeit bietet, in den Nachbarländern, in der Türkei, im Libanon usw., zur Schule zu gehen und sich damit eine echte Lebensperspektive aufzubauen. Denen fehlt es an allen Ecken an Spenden. Ich bin sicher, die Mehrheit der Fans würde so ein Projekt sehr gerne Hand in Hand mit der Band unterstützen. Natürlich würden andere Fans – eben die rassistische und AfD-Fraktion – sauer reagieren und vielleicht sogar die Onkelz-Familie verlassen. Aus meiner Sicht wäre das kein Verlust.

Ich halte es da mit den Specials: If it‘s your best friend, your husband, your father, your mother / Change their views / Or change your friends / If you have a racist friend / It‘s the time / For your friendship to end.

Welche Resonanz und Reaktionen hast Du neben dem positiven Feedback der Onkelz-Fans erhofft und seitens kritischer Medien letztlich erhalten? Wie gehst Du damit um?

Es gab bisher fast gar keine inhaltlichen Reaktionen auf die Bücher. Klar, viele Fans haben sehr positiv reagiert, aber die normalen Medien boykottieren meine Bücher genauso wie große Teile des Buchhandels. Sie sind nicht PC, weil ich Bands wie die Onkelz oder Frei.Wild eben nicht als „Rechtsrock“- oder „Grauzone“-Bands bezeichne. Allerdings hat auch das von mir zeitgleich herausgegebene Buch über die Autonomen keinerlei Rezensionen bürgerlicher Medien erhalten.

Journalisten sind heute überwiegend nicht daran interessiert, sich eine eigene, differenzierte Meinung zu bilden. Sie übernehmen lieber die allgemein anerkannte. Die Angst vor abweichenden, unbequemen Meinungen ist sehr groß, der zulässige Meinungskorridor wird immer enger – und in diese Lücke springen Fake-News-Produzenten und Rechtspopulisten.

Wie ist das Phänomen Böhse Onkelz für dich persönlich zu erklären. Damals wie heute nach ihrem Comeback?

Die Onkelz haben damals vielen Menschen eine Stimme gegeben, sie waren ein authentisches Sprachrohr ihrer eigenen Weltsicht und Lebenserfahrungen. In meinem Fan-Band beschreiben das Fans ja auch öfter mit Worten wie: „Die Onkelz sagen in ihren Songs das, was ich denke, sie erzählen meine Geschichte, nur mir fehlen die Worte dafür, sie können es formulieren.“ Oder: „Die Onkelz? – Das bin ich.“ Die Ausgrenzung der Band durch die bürgerlichen Mittel- und Oberschichten hat diese Identität noch gestärkt und die Fanszene zusammengeschweißt. Das gilt heute kaum noch, auch wenn es immer wieder behauptet wird.

Zunächst hat das Comeback viele Fans enttäuscht, sie empfanden es als Wortbruch, als unglaubwürdig und aus ihrer Sicht nur kommerziell begründet. Auch Kevins Unfallflucht ist sicher eine Belastung für das Verhältnis Fans : Band: Die meisten Fans, kam bei meiner Umfrage heraus, und das hat mich wirklich überrascht, haben ihm verziehen, „jeder hat eine zweite Chance verdient“, allerdings wartet immer noch ein großer Teil der Fans auf ein eindeutiges Zeichen der Reue und der Wiedergutmachung von Kevin. Im Comebackkonzert lachend zu erklären, ich bin wieder voll da und clean und es geht mir wieder prima, fanden viele nicht ausreichend.

Natürlich gibt es auch bei Onkelz-Fans heute Generationenkonflikte zwischen den Fans der ersten Generation und den erst in den letzten Jahren hinzugekommenen. Und die tollen Möglichkeiten von Facebook, Communities zu bilden und miteinander zu kommunizieren, auch wenn man weit voneinander entfernt oder in irgendeinem Dorf wohnt, wo es keine anderen Onkelz-Fans gibt, haben auch eine Kehrseite: Es hat sich eine absurde Konkurrenz unter den verschiedenen Onkelz-Fangruppen gebildet, weil jede die größte und beste sein will. Persönliche Animositäten und Feindschaften, schließlich sind Onkelz-Fans ja auch nicht alles Engel und manche im realen Leben eher asozial, wurden via Facebook zu Gruppenkonflikten aufgeblasen.

Da gibt es einen „Freundeskreis“, mit dessen Admin viele nicht klarkommen, die gründen also einen „Anti-Freundeskreis“ und beschäftigen sich dort den ganzen lieben Tag, jeden Tag, damit, ihre Hassfantasien gegenüber diesem Admin mit anderen zu teilen. Natürlich in einer geschlossenen Gruppe, sodass der Betreffende das selbst nicht mitbekommen soll. Und wenn sich jemand in der Gruppe mal kritisch äußert, fliegt er raus – in beiden Gruppen, die gleichzeitig gerne darüber jammern, dass die jeweils andere alle kritischen Leute rausschmeißt. Das ist also schon ziemlich krank.

Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit Jugendkulturen unterschiedlichster Prägungen. Gibt es andere Beispiele, mit denen sich dieses „Fanomen“ vergleichen lässt?

Diese Leidenschaft und hohe Identifikation mit einer Band – es gibt nicht wenige Fans, die ausschließlich Onkelz hören und quasi ihr ganzes Freizeitleben in der Onkelz-Welt verbringen – ist ziemlich einmalig. Das gibt es allenfalls noch bei jüngeren Boygroup-Fans (aber Onkelz-Fans sind ja überwiegend gar keine Jugendlichen mehr) und vielleicht bei Computerspielern.

Mit dem Buch bist du auch auf Lesungen unterwegs. Wer nimmt daran teil und aus welcher Motivation werden die Lesungen zum Thema „Böhse Onkelz“ besucht? Wie sachlich wird hierbei über die Sache diskutiert?

Ich hätte mir mehr Veranstaltungen bei „neutralen“ Veranstaltern gewünscht, also Buchhandlungen, Volkshochschulen, soziokulturellen Zentren, aber wie gesagt, da wird das Thema eher boykottiert. So sind die meisten Veranstaltungen, die ich jetzt dazu mache, von Fans oder aus der Jugendarbeit, die eben mit Fans arbeitet, organisiert. Deshalb fehlt mir manchmal das kritische Publikum, denn eigentlich sind Veranstaltungen am besten, wenn Fans und Kritiker miteinander diskutieren und so vielleicht ein Stück weit ihre Vorurteile abbauen.

Ich würde z.B. gerne mal eine Veranstaltung machen, wo Onkelz- und Frei.Wild-Fans zusammen kommen. Denn da gibt es genauso viele Schnittmengen wie absolute Feindschaften. Da verhalten sich die Fans nicht anders als die Bands zueinander – zumindest vor den Kulissen. Wenn man mal ein bisschen tiefer hineinschaut, merkt man, dass z. B. Onkelz, Frei.Wild, Tote Hosen und Broilers viel mehr miteinander verstrickt sind als die öffentlich zugeben würden.

Wie häufig kommt es vor, dass es Dir gelingt, mit Deiner Aufklärungsarbeit etwaige voreingenommene Menschen zu einer aktiven Auseinandersetzung mit der Band zu bewegen?

Ich mache ja viel mehr Veranstaltungen allgemein zum Thema Jugend und Jugendkulturen mit Fachpublikum wie Lehrern, Jugendarbeitern, Psychologen oder jugendpolitisch Engagierten, und da kommt auch fast immer das Thema Onkelz auf. Ich denke schon, dass es mir gelingt, manchen Teilnehmern Denkanstöße zu geben und vielleicht die Motivation, sich selbst weiter mit dem Thema zu befassen. Aber ich arbeite ja bewusst nicht mehr als Journalist fürs Fernsehen oder für auflagenstarke Printmedien – da erreicht man zwar manchmal mehrere Millionen Menschen mit einem 10-Minuten-Beitrag, aber eben nur sehr oberflächlich.

Mit meinen Büchern erreiche ich heute nur jeweils ein paar tausend Leser, aber die befassen sich wirklich mit dem Thema und haben beim Lesen auch Zeit, über das Gelesene nachzudenken, was bei den schnellen Fernsehbildern kaum möglich ist.

Wo und mit welchen Themen wird man Dich in nächster Zeit antreffen können?

Durch meine beiden großen Befragungen von Deutschrock-Fans – 2015 über 4.000 Frei.Wild-Fans und 2017 über 2.000 Onkelz-Fans –, aber auch durch ein großes Projekt zu jungen Geflüchteten aus Syrien, das ich jetzt ein Jahr lang geleitet habe, bin ich auf das Thema Heimat gestoßen. Und ich finde die verschiedenen Aspekte, die damit zusammen hängen – Wie definiert sich „Heimat“? Wer darf dazugehören und wer nicht? Wie wichtig ist Heimat zur eigenen Identitätsfindung? –, sehr spannend und plane gerade ein großes Projekt über zwei Jahre, in dem ich mich mit Heimat und vor allem ländlichen Regionen in Deutschland beschäftigen möchte – soweit mir die Verlagsarbeit Zeit dazu lässt.

Du bist nicht nur Autor, sondern auch gleichzeitig Verleger. Wie kam es dazu?

Ich fand Büchermachen schon immer aufregend, also nicht nur selbst welche zu schreiben, sondern auch andere Autoren zu finden und zu veröffentlichen. So hatte ich schon mal in den 70er Jahren einen Verlag, den ich aufgeben musste, als ich als dem Ruhrgebiet nach Berlin gezogen bin. Und als ich 1998 das Archiv der Jugendkulturen gegründet habe, war mir gleich klar, dass ich auch einen neuen Verlag dazu gründen will, der die Ergebnisse unserer Arbeit verbreitet. Denn ich hatte damals schon als Autor gemerkt, dass dies in anderen, größeren Verlagen nicht möglich war. Ich habe ja vorher schon bei Rowohlt, C. H. Beck, Rotbuch und anderen publiziert.

Aber Jugend- und Subkulturen haben die alle nicht interessiert – zumindest nicht in meiner Art, Leute selbst ausführlich und unzensiert zu Wort kommen zu lassen. Die wollten mehr so Oberlehrerbücher mit viel Empörung haben, die den Lesern erklären, wie sie zu denken haben. Das ist nicht das, was ich will. Also haben wir Geld gesammelt und den Archiv der Jugendkulturen Verlag gegründet, der letztes Jahr in Hirnkost umbenannt wurde, und den leite ich heute noch als Geschäftsführer, allerdings ehrenamtlich. Mein Brot und meine Miete muss ich nach wie vor mit Vortragsreisen verdienen. Der Verlag ist nicht kommerziell ausgerichtet, sondern es geht darum, Bücher, Themen und Ansichten zu veröffentlichen, die woanders keine Chance haben.

Die nächste Onkelz-Buchpräsentation ist am 17.11. in der alten Onkelz-Stammkneipe Speak Easy in Frankfurt: Event-Eintrag bei facebook aufrufen

Herzlichen Dank für das Interview und Deine Zeit!

 

Über den Autor:

Klaus Farin, geboren 1958 in Gelsenkirchen, lebt seit 1980 – Punk sei Dank – in Berlin. Nach Tätigkeiten als Schüler­zeitungsredakteur und Fanzine-Macher, Konzertveranstalter und -Security, Buchhändler und Journalist ist er heute freier Autor und Vortragsreisender in Schulen und Hochschulen, Jugendklubs und Justizvollzugsanstalten, Akademien und Unternehmen. Diverse Veröffentlichungen über Skinheads, Fußballfans, Gothics, Karl May und andere (zuletzt: Frei.Wild. Hirnkost 2016).

 

Hilfreiche Links zum Thema:

Zum Buch Review: Klaus Farins Onkelz Box „Böhse Onkelz. Gehasst, geliebt, vergöttert

Weitere Infos: Zum Shop des Hirnkost Verlag

Facebook: Klaus Farin Offiziell

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