jupiterjones interview

Ihr Song „Still“ war 2011 das meist gespielteste deutschsprachige Lied im Radio. Vor einigen Wochen hat die sympathische Band aus der Eifel dann sogar einen Echo abgeräumt. Die Rede ist von JUPITER JONES.

Foto: v.l.n.r.: Chris Lührmann (Xian Art Photography), Diana (ehem. Pressure Redakteurin) und Nicholas Müller

Sänger Nicholas Müller hat unsere Redakteurin Diana Ende Januar 2012 bei XIAN-Art Photography in Witten getroffen und sich mit ihr über die Anstrengungen des letzten Jahres, Tattoos und seine Definition von Punkrock unterhalten.

Ich persönlich möchte mir drei Kreuze tätowieren lassen, weil 2011 endlich vorbei ist. Wie blickst du auf das vergangene Jahr zurück?

Nicholas: Ja, drei Kreuze treffen es ganz gut. Es war das erste Jahr, in dem ich mehr unterwegs als zuhause war. Insgesamt ist es sehr, sehr stressig und anstrengend gewesen. Ich bin sogar nur einmal dazu gekommen, mich tätowieren zu lassen, das war ein bisschen frustrierend. Ich habe 2011 aber auch geheiratet und wir hatten den großen Erfolg mit der Band, was natürlich alles sehr toll war.

Wie hat sich durch den Erfolg euer Bandalltag verändert?

Nicholas: Dadurch, dass sich nun viel mehr Leute für uns interessieren, sind auch viel mehr Termine dazu gekommen. Das war anfangs sehr überwältigend und überraschend. Ich erinnere mich an einen Tag als man mir sagte: „Du musst Übermorgen um 10:00 Uhr in Wien sein, wie machen wir das?“ Ich habe schlimme Flugangst, also blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Zug zu fahren – 15 Stunden. Solche Dinge sind es, die das Leben absolut unplanbar machen und das ist die Hauptveränderung.

Die Typen sind dieselben geblieben, nur dass sie mehr zu tun haben und sich öfter sehen. Natürlich entsteht dadurch auch mehr Reibung, aber ich bin immer wieder verwundert, wie wir auch diese extrem stressigen Phasen zusammen durchstehen, ohne uns dabei an die Köppe zu kriegen. So gesehen, bin ich sehr stolz auf uns.

Würdest du dich selbst vor etwas warnen oder dir Tipps geben, wenn du dir heute eine Email an dich selbst von vor einem Jahr schicken könntest?

Nicholas: Nee… Klar lernt man immer noch dazu, aber eigentlich haben wir alles ziemlich richtig gemacht. Könnte ich mir allerdings eine Email schicken, die mich vor zwölf Jahren erreicht, würde ich schreiben: „Mach dein Abi doch!“ Das hätte das Leben zwischendrin wahrscheinlich sehr erleichtert.

Inwiefern haben sich im Laufe der Jahre eure Schwerpunkte und Prioritäten beim Musikmachen verändert?

Nicholas: Insofern, dass wir das das Ganze professioneller betreiben. Nicht, dass ich bedeutend besser an der Gitarre oder im Gesang geworden wäre, aber wir legen heute viel mehr Wert auf die Produktion als früher, investieren mehr Zeit…

Was das angeht, sind wir alle etwas akkurater geworden und im Gegensatz zum ersten Album sind wir während der Aufnahmen auch nicht mehr in einem komplett narkotisierten Zustand, es hat sich herausgestellt, dass es so viel besser klappt.

Eine Songzeile, die wir früher so stehen gelassen hätten, singen wir heute, wenn es sein muss, über fünfzig Mal ein. Wir produzieren ordentlicher – aber nicht mit weniger Liebe.

Im August wird Jupiter Jones zehn Jahre alt! Wisst ihr schon, wann und wo ihr feiern werdet?

Nicholas: Wir haben Pläne, aber die sind natürlich noch total Top Secret! Ich kann nur soviel verraten, wir werden es groß und feierlich begehen. Vor allem in einer Zeit, in der nur so wenige Bands noch zehn werden, was echt traurig ist. Daher macht es uns sehr stolz, dass wir das geschafft haben.

Seit eurem letzten Album hat sich eure Zielgruppe noch weiter geöffnet, wie macht sich das auf euren Konzerten bemerkbar?

Nicholas: Wir machen hauptsächlich Rockmusik und haben unsere Wurzeln im Punk und darauf muss man die Leute natürlich erst einmal vorbereiten. Was die einzelnen Szenen, deren Verwalter und Polizisten dazu sagen, ist nicht unser Problem. Aber wir haben auch ganz viel gutes Feedback von den so genannten „Muttis“ bekommen, die wegen „Still“ gekommen sind, also Kategorie Ü-40 und auch das finden wir total cool. Wir verbitten uns überhaupt kein Publikum, da kann kommen, wer will, solange es kein Nazi ist.

Wie sieht euer Touralltag aus? Gibt es bei Jupiter Jones wilde Aftershow-Partys – Sex , Drugs & Rock’n’Roll?

Nicholas: Oh Gott, wenn es mal so wäre, dann hätte man was zu erzählen… Nein, wir sind ja nun auch schon im zehnten Jahr und haben unsere Episoden erlebt, mittlerweile ist es aber eher so, dass wir einen relativ straffen, aber auch entspannten Tagesablauf haben. Aber wir haben eine Crew, die nur aus Freunden besteht und immer eine Menge Spaß. Ich selbst trinke keinen Alkohol und der Rest der Band ist bemüht, den Konsum nicht zu inflationär zu betreiben, da das einfach scheiße dem Publikum gegenüber ist. Es gibt natürlich Bands, die es schaffen, jeden Abend rotzevoll auf die Bühne zu gehen und trotzdem eine gute Show abzuliefern. Wir könnten das definitiv nicht.

Geht es bei euch immer so gesittet zu?

Nichoclas: Na wenn Tourabschluss ist oder ein freier Tag bevorsteht, eskaliert es dafür dann meist so richtig. Ich bin meistens der erste, der im Bett ist, weil ich nicht trinke und der Rest der Band kommt dann morgens um sieben hinterher gefallen. Wenn wir mit dem Nightliner unterwegs sind, wird dann auch gerne noch Bang Boom Bang auf Volume 1000 angemacht, sodass man meint, Ralf Richter läge in der Koje nebenan.

Was war das Kurioseste, das ihr mit der Fanpost bekommen habt?

Nicholas: Richtig kurios wird es eigentlich nie, nur sehr einfallsreich. Wobei wir einmal Post von einem Hubschrauberpiloten aus Afghanistan bekommen haben… den Typ an sich möchte ich jetzt gar nicht verurteilen oder sonst irgendetwas, wir haben uns auch über die Post gefreut, aber der Anlass und der Absender waren schon etwas befremdlich.

Auf deinem Unterarm steht „Live Your Heart And Never Follow“, ein Zitat aus dem Song „It’s Hard To Know“ von Hot Water Music. Was bedeutet dir dieses Tattoo?

Nicholas: Ich bin beim besten Willen kein Vorzeigepunker und bin froh in einer ganz normalen Wohnung zu leben und bodenständig zu sein. Doch was den kompletten Rest meines Lebens angeht und das bezieht sich besonders auf die Musik und die Band, ist das anders. Es wäre oft einfacher gewesen, den normalen und konventionellen Weg zu gehen, doch das haben wir immer gelassen und deswegen steht dieses Tattoo für die Band. Dazu kommt, dass wir ja auch schon einige Male die große Ehre hatten, zusammen mit Hot Water Music zu spielen und sie mögen meine Tätowierungen, das ist mir besonders wichtig.

Bei den Vorbereitungen auf unser Interview bin ich immer wieder über den Titel „Jupiter Jones – eine Punkrockband aus der Eifel“ gestoßen, was mich erst einmal etwas irritiert hat…

Nicholas: Ja, das kann ich verstehen… (lacht)

Erzähl doch mal wo die Punkrockwurzeln eurer Band liegen und wie ihr diese heute für euch definiert.

Nicholas: Wir haben damals auf einer Party beschlossen, deutschsprachigen Punkrock zu machen, von daher sind die Wurzeln definitiv da. Unser Gitarrist Sascha hat auch eine rege Deutschpunk-Vergangenheit, von Schließmuskel über Toxoplasma bis hin zu Slime. Ich habe immer viel amerikanischen Punk gehört und unser Schlagzeuger dagegen ist jahrelang nur auf Metal steil gegangen. Von daher war es nicht leicht, einen Konsens zu finden und so haben wir uns schließlich darauf geeinigt, „Deutschsprachige Gitarrenmusik“ zu machen.

Punkrock definiert sich immer im Auge des Betrachters. Ich weiß nur, dass die, die sich stolz „Punk“ auf die Fahnen schreiben, grundsätzlich ein Problem damit haben, wenn gesagt wird, dass wir eine Punkband sind, deshalb gehe ich davon aus, dass wir keine mehr sind.

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Zurück zu den Tattoos. Du hast einen Band- und einen Familienarm. Welche Motive sind darauf zu finden?

Nicholas: Auf meinem rechten Arm trage ich eine Familientätowierung. Da gibt es eine Sonnenblume und einen Anker. Letzterer steht für meinen Vater, der bei der Marine war. Ich habe mich informiert, ob ich mir überhaupt einen Anker tätowieren lassen darf und mir wurde gesagt, dass das in Ordnung sei, sofern ich selbst Seemann bin oder mein Vater es war. Mein Vater war mir stets eine große Stütze, daher ist meine Hand, mit dem Anker und den Initialen, ihm gewidmet. Die Sonnenblume auf dem Unterarm gilt meiner Mutter, Gott habe sie selig. Anker und Sonnenblume sind durch ein Tau verbunden und weil ich gläubig bin, ist dieses am Himmel festgemacht. Ich wollte, dass diese Tattoos dunkel und massiv sind, da sie mir einfach sehr wichtig sind.

Und die Eule auf der Arminnenseite?

Das ist meine Literatureule, auf der meine Lieblingsschriftsteller verewigt sind. Was den Bandarm betrifft, da kommt immer die Frage nach der Bedeutung der Vögel auf, worauf ich immer antworten muss, dass es eben Vögel sind. Bedeutungsvoller ist dagegen dieser Baum des Lebens, aus dessen Wurzeln Gitarrenkabel herauskommen. Dieses Tattoo steht für die Band, da es auch ein abgeändertes Merch-Motiv von uns ist.

Was hast du sonst noch für Tattoos?

Nicholas: Tja, ansonsten wären da noch so einige Gurken… wenn man es genau nimmt, gibt’s bei mir mehr zu covern als bei den Beatles. Aber auch das wird jetzt angegangen. Mit 18 Jahren und zwei Tagen, habe ich angefangen, mich tätowieren zu lassen, das würde ich niemandem empfehlen. Aber man muss auch zu den Gurken stehen.

Wie hat damals deine Familie reagiert, als du mit dem ersten Tattoo nach Hause kamst?

Nicholas: Die allererste war lustiger Weise schon eine Hot Water Musik Tätowierung, nämlich der Barcode ihrer ersten Platte, den ich mir am Knöchel stechen ließ. Wie man sieht, ist davon heute nur noch ein schwarzer Streifen übrig. Die erste Zeit habe ich es versteckt, bis ich eines Tages mal ohne Socken zum Frühstück gegangen bin und meiner Mutter das natürlich sofort aufgefallen ist. Meine Eltern waren aber total entspannt. Gleich darauf kam dann ein exorbitant großes Tribal am linken Schienbein hinzu, wirklich unfassbar groß… und auch da waren sie noch entspannt und so hat sich das schließlich eingependelt.

Und von Seiten der Großeltern?

Nicholas: Meine Oma beschwert sich auch nicht, sie fragt immer nur, ob man das wegmachen kann. Ich sage dann immer: „Ja Oma, kann man alles wegmachen“, was ja theoretisch auch durch eine Amputation oder eine achtwöchige Laserbehandlung möglich wäre…

Wisst ihr von Fans mit Jupiter Jones Tattoos?

Nicholas: Die gibt es und das ist für uns eine ganz große Verantwortung, keine Scheiße zu bauen, weil diese Menschen etwas von uns am Leib tragen – für immer. Wo sie sich auf jeden Fall sicher sein können, ist das wir niemals in irgendwelche Gefilde abdriften werden, die ethisch oder moralisch verwerflich sind, aber trotzdem ist die Verantwortung sehr groß. Mich machen diese Tattoos unheimlich stolz, die ersten gab es sogar schon vor fünf Jahren.

Unser allererstes Lied „Auf Das Leben“ lassen sich viele tätowieren und auch Cover-Motive unserer Alben. Gott sei Dank aber keine Porträts, das fände ich sehr komisch.

Müssen Tattoos eine Bedeutung haben?

Nicholas: Nicht zwingend, aber es gibt ein paar Dinge, die ich nicht verstehe. Das sind zum einen Tribals – obwohl ich selbst eins habe, aber auch diese Kanji-Geschichten. Wieso lässt man sich das Kanji für „Macht“ tätowieren? Das nächste sind kulturelle Motive wie Maori-Tattoos oder die japanischen Koi-Karpfen. Ich komme da einfach nicht mit, weshalb so viele Menschen einem Trend hinter her rennen, ohne selbst etwas mit diesen Kulturen zu tun zu haben. Aber wie gesagt, nicht alles muss eine tiefere Bedeutung haben. Meine Vögel sind da, weil sie gut zu dem Baum gepasst haben und sie haben nichts mit meinem Drang nach Freiheit zu tun, oder dass ich mal geträumt habe, ein Vogel zu sein.

Hast du ein Stammstudio oder wechselst du gerne?

Nicholas: Jein. Ich habe den Fehler gemacht, mich von viel zu vielen Leuten tätowieren zu lassen, ohne vorher drüber nachzudenken und da warne ich vor. Mittlerweile habe ich einen Tätowierer, zu dem ich sehr gerne gehe und von denen ich auch weiter alles machen lassen möchte. Und zwar Thorsten Schmitz von Freaky Coulors in Schweich, an der Grenze zur Eifel, wo ich aufgewachsen bin. Das Lustige ist, dass ich früher durch die halbe Weltgeschichte fahren musste, um mich tätowieren zu lassen und jetzt muss ich es wieder, aber eben zurück in die Heimat. Von Thorsten ist die Eule und bei ihm habe ich auch schon den nächsten Termin. Er hat die ehrenvolle Aufgabe, das riesige Tribal an Schienbein zu covern. Ich weiß nur noch nicht womit, aber Thorsten hat mein vollstes Vertrauen, weil ich wirklich fasziniert von seiner Arbeit bin.

Zum Schluss lass uns noch einmal auf die Musik zurückkommen. Was genau finden eure Fans auf eurem kürzlich erschienenen Deluxe-Digipak (VÖ: 27.01.2012)?

Nicholas: Also erstmal alle 20 Lieder, die im Zuge des Albums entstanden sind und zwar inklusive einer neuen-alten Single, dem Song „Nordpol/Südpol“, den wir zusammen mit Maria von Chapeau Claque neu aufgenommen haben. Dazu kommen außerdem sämtliche B-Seiten, Akustik-Versionen und ein 76-minütiger Tourfilm, der da heißt „Die Tour auf der ich schlief“, in dem es mal wieder um unser aufregendes Rockerleben geht.

Wir sind in dem Film zwar nicht dabei zu sehen, wie wir mit der einen Hand den Fernseher aus dem Fester werfen, während im anderen Arm eine Nadel steckt, aber wir sind zwölf Männer, die in einen Bus gesperrt sind. Das wird grundsätzlich peinlich…

Was sind eure bandinternen Ziele für 2012?

Nicholas: Wir machen eine kurze Pause und spielen dann Ende März noch vier Abschlusskonzerte unserer Tour, um die alte Tour und die alte Platte quasi symbolisch zu Grabe zu tragen. Dann folgen einige Festivals, zum Beispiel das Deichbrand in Cuxhaven und dann werden wir im Laufe des Jahres an einem neuen Album arbeiten.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du an die bevorstehende Pause denkst?

Nicholas: Darauf, dass es eine richtige, echte Pause ist. Zwei Monate Ruhe, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wo ich vielleicht morgen hin muss. Das ist richtiger Urlaub und aus zwei Monaten kann man schon richtig etwas machen.

Interview von Diana Ringelsiep im Januar 2012

Foto: Chris Lührman (www.xian-art.de)

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Offizielle Homepage: www.jupiter-jones.de

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