Sinnfrei Interview: Ska-Punk aus Düsseldorf

Das Debütalbum der Düsseldorfer Ska-Punk-Rock’n’Roller SINNFREI trägt den Titel „Erotik des Zerfalls“ und liefert mitreißenden Offbeat-Bläsern. Sven vom Pressure Magazine sprach mit den Bandmitgliedern Nils und Simon über sinnvolle Themen, wie Musik, Kunst und über die Sinnsuche.

Fangen wir das Interview mit dem außergewöhnlichen Bandnamen an. Welchen sprachlichen Mehrwert hat der Begriff „Sinnfrei“ im Vergleich zu „Unsinn“ oder „sinnlos“? Gibt es auch inhaltliche Unterscheidungen, die für „Sinnfrei“ sprechen?

Nils: Als Mehrwert würde ich ansehen, dass im Gegensatz zu „Unsinn“ und „sinnlos“, die ich als Begriff negativ konnotiert empfinde, „Sinnfrei“ einen offenen Klang hat. Natürlich verbindet man das auch schnell mit Quatsch und Klamauk, hier und da ist auch mal was an unseren Inhalten nicht allzu ernst gemeint. Aber Sinne können durch Erfahrungen auch getrübt bzw. voreingenommen sein. Und sich mal offen treiben zu lassen, nicht immer auf den ersten Blick, das erste Gefühl etc. bestehend, also quasi etwas „sinnfrei“, durchs Leben zu gehen, führt manchmal zu positiven Dingen mit denen man nicht gerechnet hat.

Simon: Ich habe auch festgestellt, dass wir mit unserem Namen durchaus positiv überraschen, wenn die Leute dann erstmals unsere Musik hören. Vom Bandnamen abgeleitet, mag man da auf den ersten Blick vielleicht nicht allzu viel erwarten und stapelt erst mal tief. Als Resümee bekommen wir dann aber immer wieder Feedback, was unseren musikalischen Output als völliges Pendant zum Namen betrifft und das finde ich ziemlich cool. Es kann natürlich auch genau in die andere Richtung gehen, aber auch dieses Erleben decken wir ja dann mit „Sinnfrei“ ab… unser Bandname ist also äußerst flexibel 🙂

Apropos “Sinnfrei“. Welche drei Errungenschaften der modernen Zivilisation sind Eures Erachtens absolut “frei von jedem Sinn“? Begründe/Begründet, warum Ihr sie trotzdem regelmäßig (be-)nutzt.

Nils: Ich versuche solche Errungenschaften möglichst zu vermeiden: Die Spülmaschine wäre bei mir aber vielleicht ein gutes Beispiel, was nicht zwingend sein müsste als Ein-Personen-Haushalt. Musik hören über Streamingdienste, weil ich zugegebenermaßen zu faul bin viele Sachen von meiner Tonträgersammlung zu digitalisieren. 3-lagiges Klopapier vielleicht noch, wenn es nicht so angenehm weich wäre.

Simon: Hahaha und was bin ich froh, dass ich inzwischen eine Spülmaschine besitze! Die Erfindung, die mich nervt, gibt es zwar schon sehr lange und hält sich aus mir unerklärlichen Gründen bis heute immer noch hartnäckig, aber Flaschenkorken finde ich einfach nur unnötig. Die Dinger sind total unpraktisch, Umwelt- und Ressourcenverschwendung, nervig zu entfernen und im schlimmsten Fall verdirbt es dir dabei auch noch das Getränk… dabei will man sich doch einfach nur mal ein gemütliches Gläschen Wein gönnen.

Auf der anderen Seite sind die meisten Menschen einen großen Teil ihres Lebens auf „Sinnsuche“, bei der Arbeit, in der Partnerschaft usw. Nennt drei Bereiche, welche Sinn in Eurem Leben stiften.

Simon: Ich denke Musik im Allgemeinen ist definitiv für alle von uns noch ein sehr wichtiger Bestandteil im Leben, der sich bei uns auch auf verschiedene Lebensbereiche erstreckt. Ich verdiene z.B. inzwischen als Musiklehrer meinen Lebensunterhalt, unser Schlagzeuger ist leidenschaftlicher Plattensammler und Nils hat quasi immer einen Knopf im Ohr, wenn ich ihm begegne. Ich kenne wirklich kein Szenario, indem Musik bei uns nicht Thema ist.

Nils: Mein Job als Schornsteinfegergeselle, also im Bereich Betriebs- und Brandsicherheit von Feuerungsanlagen tätig zu sein, ist so ein Bereich. Bei aller körperlichen Anstrengung. Familie und Freunde und das Wissen um Rückhalt und offene Ohren. Und Besuche am Meer. Wasser und Wind, Sturm und Flut zeigen besonders eindrucksvoll, das wir Menschen eigentlich ganz ganz kleine Lichter sind auf der Welt. Das erdet, finde ich sehr gut.

Achtung Zeigefinger: Was kann, darf, soll Kunst an „Sinnhaftigkeit“ erreichen/nicht erreichen und wo seht ihr euch als Skapunkband in diesem Prozess?

Simon: Musik ist für uns als Band natürlich eine tolle Kunstform, Geschichten zu erzählen, Zeichen zu setzen und eigenes Erleben nach außen zu transportieren und so liegt für uns in jedem Song entsprechend auch immer ein sinniger Gedanke zugrunde. Aber Kunst und somit auch Musik liegt ja bekanntlich im Auge/Ohr des Betrachters. Dementsprechend überlassen wir diesen Gedanken gerne unseren Hörern, inwieweit sich Sinnhaftigkeit in unseren Songs erkennen lässt – oder eben nicht.

Ist Eure Musik Eures Erachtens mit Kunstprodukten aus anderen kreativen Bereichen vergleichbar, beispielsweise mit Kunstausstellungen auf der Documenta? Diese haben im Vergleich zu Euren Songs eine riesige mediale Reichweite und werden ständig nach Motiv, Motivation und Sinn hinterfragt.

Nils: Auf die Documenta bezogen, ist man, glaube ich, gut aufgehoben nach den Diskussionen 2022, wenn man nicht zu sehr damit verglichen wird.

Ist die Musik für Euch als Band auch eine kreative “Spielwiese“, auf der Ihr völlig gedankenverloren und – scheinbar sinnfrei- experimentieren könnt, ohne Befürchtung, Euch für alles rechtfertigen zu müssen?

Nils: Zunächst einmal müssen wir uns maximal vor uns selber rechtfertigen. Aber Spielwiese trifft es ganz gut, Denkverbote gibt es erst mal nicht, die Ansichten von sechs Musikern unter einen Hut zu bekommen, ist natürlich anstrengend aber befeuert natürlich auch den Prozess. Bei allen stilistischen Ausflügen bleibt die weitestgehende Mischung aus Offbeats und Punk-Sound aber immer Grundlage des Gesamtbildes.

Ist es eine große Chance oder eher eine große Herausforderung, dass auch jeder einzelne Eurer Hörer selbst entscheiden kann, ob er für sich beim Hören der Lieder einen Sinn für sich entdecken kann oder nicht?

Nils: Eine große Chance. Neben plakativen grundsätzlichen Statements gibt es genug Passagen die sicherlich Interpretationsspielraum lassen, den der Hörer auf seinen persönlichen Lebensbereich beziehen kann. Was wiederum Grundlage für lebendige Gespräche oder Diskussionen sein kann.

Simon: Genau. Wir erzählen in unserer Musik vor allem auch gerne durch die eigene Brille. Und wenn das beim Hörer in irgendeiner Form Anklang findet, haben wir wahrscheinlich alles richtig gemacht. Und wenn nicht, lässt sich gerne darüber reden 🙂

Wenn Ihr einen Wunsch freihättet, dass einer Eurer Songs Realität wird, welcher wäre das?

Simon: Ich fände es schön, wenn die knackige Botschaft des „Tinder“-Songs wieder etwas mehr Einzug in die Realität halten würde und die Menschen sich vermehrt im echten Leben begegnen. Im Zuge unseres digitalen Zeitalters verlagern sich zunehmend Lebens- und Aktivitätsbereiche ins Internet und jetzt soll auch noch das Dating- und Liebesleben mehr und mehr digitalisiert werden? Nicht mehr mit mir!

Nils: Da passt der Song „Besser“ wohl gut. Dass wir Menschen es als Gesellschaft schaffen besser zu sein als bisher. Wie es im Song heißt: „Mehr lieben und nicht hassen“

Pflicht oder Kür? Welche Rolle spielen für Euch Live-Konzerte nach der Pandemie? Sind sie der Gipfel künstlerischen Schaffens oder ein wichtiger Mosaikstein, der für andere soziale Kanäle (YouTube, Instagram und Co.) die Rohstoffe in Form von Bildern und Videos liefert?

Simon: Mir ist durch die Pandemie erst richtig bewusst geworden, was für eine enorme Bedeutung die Live-Kultur generell für unsere ganze Gesellschaft eigentlich hat. Für Kunstschaffende ist es Lebensgrundlage, Werbe,- Kontakt- und Kommunikationsplattform, für Besucher ist es Unterhaltung, Vergnügen, Aktivität, Miteinander und sozialer Austausch. Ohne Live-Events wären wir also ziemlich arm dran und es ist geil zu sehen, dass es endlich wieder losgeht!

Nils: Live-Konzerte sind der Höhepunkt der ganzen Arbeit, die man in dieses intensive Hobby steckt. Tatsächlich war die Zwangspause durch die Pandemie aber ein Mosaikstein dafür, dass wir die Qualität unserer Live-Performance noch einmal deutlich nach oben schrauben konnten, da viel Zeit blieb, verschiedene Dinge erst mal auszuprobieren. Am Ende darf die Live-Energie der Studioaufnahme in nichts nachstehen.

Mit diesen drei Bands würdet ihr gerne zusammen auf der Bühne stehen:

Nils: Oxo86, Rantanplan und Reel Big Fish

Simon: Sum41, Sondaschule, Teenage Bottlerocket

Das Interview mit der Band Sinnfrei führte Sven D.

Mehr Informationen gibt es auf der offiziellen Bandseite sinnfrei-band.de

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Pressure Magazine ist ein Online-Musikmagazin, das sich auf die rockige Musikszene spezialisiert hat. Unsere Autoren sind leidenschaftliche Musikfans und liefern dir Artikel, Rezensionen, Interviews und Ankündigungen zu bevorstehenden Musikveranstaltungen. Unser Ziel ist es, dich als Musikfan auf dem Laufenden zu halten und dir eine Plattform für Feedback, Anfragen und Kommentare zu bieten.

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