Sinnfrei: Erotik des Zerfalls

„Da es so ist, bleibt es nicht so. Denn alles bewegt sich, mein Freund.“ So steht es geschrieben in Brechts „Das Leben des Galilei“ und vielleicht war dieses Zitat die Steilvorlage, für den Titel des ersten Sinnfrei-Albums „Erotik des Zerfalls“.
Und dass viel Bewegung in den 12 Skapunk-Songs steckt, wird bereits durch die eingängigen Melodien, welche durch gekonnten Bläsereinsatz verfeinert werden, früh erkennbar. Erstaunlich frisch und positiv hört sich der bandeigene Musikstil an, der den idealen Soundtrack für die alles anderen als sinnfreien Liedtexte liefert.

Es beginnt mit dem Song „Stock-im-Arsch-Typ“, einer „Wachrüttelhymne“ an alle verzagten Zeitgenossen, die nicht den Mut aufbringen können, bzw. aufbringen wollen, ihr Leben zu ihrer eigenen Zufriedenheit selbstständig zu gestalten.

Danach gibt es ein Antiliebeslied „Forever alone“, in dem der Vorteile der trauten Einsamkeit in den Vordergrund gestellt werden („Einfache Freude, statt doppeltes Leid (…), denn alleine ist man weniger zu zweit.“)

Der dritte Song „Erotik des Zerfalls“ ist meines Erachtens ein nicht ganz ernst gemeinter Abgesang an unsere Welt und die Aufforderung, angesichts der Krisen und Katastrophen eine letzte Party zu feiern. Man könnte den Text auch gegenteilig interpretieren, sodass der Hörer aufgefordert wird, trotz allem nicht zu verzagen und das Leben anzunehmen und diese Welt zu gestalten.
Weniger Interpretationsspielraum gibt es bei „Tinder“, einem Lied über die vielfältigen Möglichkeiten der Partnersuche im Internet, die allerdings wie im konkreten Fall nicht von Erfolg gekrönt sind.

Es folgen die zwei (beinahe) Partysongs „Komm mal klar“ und der „College Song“, die trotz objektiv vorhandener Schwierigkeiten an die Leichtigkeit des (jugendlichen) Seins appellieren. “Komm mal klar, nimm das Leben bitte nicht so ernst.“ („Komm mal klar“). Noch Fragen?
Ein inhaltlicher Höhepunkt mit politischer Aussage ist meines Erachtens bei „Sozialinkontinenz“ vorhanden. Intelligent wird hierbei das Recht auf Meinungsfreiheit in den Fokus gestellt, auf das sich allerdings leider auch die „Macher“ von „Fake News“ in den sozialen Medien berufen, wenn sie gegen die „Diktatur“ lautstark protestieren.

Im Anschluss folgt der Song „Manchmal“, der inhaltlich viele Überschneidungen mit dem ersten Lied „Stock-im-Arsch-Typ“ vorweist.
Bei „Besser“ kritisiert die Band den Hang vieler Menschen, bei Facebook und Co. süchtig nach Likes zu gieren und ihre eigene Lebensqualität von der Anzahl von dieser positiven Rückmeldungen abhängig zu machen.

Bei „Ansatzlos gestrichen“ geht es darum, dass eine Beziehung zu einem einst eng vertrauten Menschen in die Brüche gegangen ist und man nun mit dieser Situation umgehen muss, um sein Leben wieder anzunehmen und seine Zukunft ohne diese Person gestalten zu können.
Eine Ode an den „freien Willen“ und die Absage inhaltsleerer Konventionen gibt es bei „Um den freien Willen“ („Reiß mit deinen Händen die grauen Seiten aus dem Buch des Lebens raus“).

Den letzten Song „Nicht gut für mich“ sollte man sich am besten vor allem am Neujahrstag oder nach einer langen Partynacht anhören. Ich sage nur: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Mk 14,37-38). Aber alles kein Problem, solange das Fleisch noch so stark ist, um auf die Musik von „Sinnfrei“ zu tanzen, denn dann ist (fast) alles ok.

Album Review von Sven D.

Pressure Magazine
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