
Am Samstag, den 27. Juni 2026, wurde das Nürnberger Max-Morlock-Stadion zum Hexenkessel – und zwar im wörtlichen Sinne. Bei Temperaturen von bis zu 39 Grad verwandelten die Böhsen Onkelz das ausverkaufte „Achteck“ vor 63.000 Fans in einen brodelnden Open-Air-Tempel.
Für das Stadion, in dem seit Jahren keine Band mehr gespielt hatte, war dieser Abend eine echte Premiere – und die Onkelz lieferten gleich mit der gigantischen 360-Grad-Center-Stage ihrer „Mitten unter euch“-Tour ab, die mitten auf dem Rasen thronte und für maximale Fannähe sorgte.
Elm Street heizt ein – Australier in der fränkischen Glut
Den Einstieg in den glühenden Abend übernahmen die vier Australier von Elm Street. Die Band war zuvor mit Stephan Weidner alias Der W auf Tour und hatte sich dort Abend für Abend in den Recall der Onkelz gespielt – verdient, wie sich zeigte. Vor der frühen, aber bereits gut gefüllten Kurve drückten die Aussies ordentlich aufs Tempo und ließen sich von der Hitze, die noch am Abend über dem Rasen flirrte, sichtlich nicht bremsen. Wer früh da war, bekam eine Vorband, die ihren Job nicht als Pflichtprogramm verstand, sondern als Einladung zum Mitmachen. So darf ein Opener klingen.
Onkelz mitten unter euch – 360 Grad volle Lautstärke
Ab 21 Uhr brach um die runde Bühne der Jubel los. Kevin Russell, Stephan Weidner, Gonzo und Pe betraten die Arena im freien Gang zur freistehenden Mittelbühne und eröffneten mit „Zieh mit den Wölfen“. Auf den Videoscreens lief dazu eine animierte Puppe – ein Bild, das ältere Fans sofort an das Cover des früh indizierten Albums „Der nette Mann“ erinnerte. Ein Gruß an die eigene, streitbare Geschichte, gleich zum Auftakt. Die Center-Stage räumte mit der klassischen Stadion-Statik auf: Statt einer Bühne an der Kopfseite mit dem Publikum davor agierte die Band permanent in alle Himmelsrichtungen zu, ganz gleich, wo man stand. Das Ergebnis war eine erstaunlich nahbare Atmosphäre – und das in einem Fußballstadion.
Schon früh, rund um „Finde die Wahrheit“, nahm sich Stephan Weidner einen Moment für eine persönliche Ansage. An diesem Abend, so Weidner, kämen Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären: „Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich drei Generationen Onkelz-Fans aus den letzten sechsundvierzig Jahren.“ Es folgte ein herzlicher Dank fürs Kommen – ein Satz, der im weiten Rund spürbar andockte.

Russell präsentierte sich stimmlich in Topform, Weidner führte gewohnt charismatisch durch den Abend. Die Setlist zog die Bandgeschichte einmal quer durch: von den frühen Härte-Brettern über die Mitgröl-Hymnen „Terpentin“, „Mexico“ und „Auf gute Freunde“ bis zum traditionellen „Erinnerungen“ am Schluss. Trotz der berüchtigt schwierigen Stadionakustik drückte der Sound wuchtig aus den Boxen. Waaaahnsinn, diese Dynamik im fränkischen Rund.
Dass die Onkelz mehr sind als Krawall und Mitgröl-Hymnen, klang schon bei „Wenn Du wirklich willst“ an. Von der Mittelbühne kam ein Appell, der zum Widerspruch ermutigte: aufhören, nach Schuldigen zu suchen, und anfangen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen – für das Gute, für das Schlechte und für alles dazwischen. Die meisten Grenzen, so der Tenor, bestünden ohnehin nur so lange, bis jemand beschließt, sie nicht mehr zu akzeptieren.

Noch direkter wurde Stephan Weidner später vor dem Stück „Ohne mich“. Bevor die ersten Töne anbrachen, wandte er sich mit einer Ansage über die Freiheit ans Stadion:
„Freiheit. Freiheit bedeutet für uns nicht, Ideologien zu folgen. Freiheit bedeutet für uns nicht, es uns in einem politischen System bequem zu machen und uns das Denken abnehmen zu lassen. Es bedeutet nicht, uns von einem Staat versklaven zu lassen. Es bedeutet nicht, uns von Medien die Meinung vorgeben zu lassen.
Freiheit bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Und wer nicht in Schubladen passt, der macht die Menschen nervös. Ohne mich, meine Damen und Herren.“
Selbstbestimmung als roter Faden – ein Motiv, das sich seit jeher durch das Onkelz-Werk zieht und an diesem Abend von vielen im Rund textsicher mitgetragen wurde.

Die Songhighlights – Von der Mahnung bis zur Hymne
Zwischen den großen Momenten ließen die Onkelz auch die leiseren, schwereren Töne zu. „H“ – das eindringliche Lied über die zerstörerische Kraft der Heroinsucht – geriet zur Mahnung, die im Stadion für einen kurzen Moment der Stille sorgte. Ähnlich bewegend „Der Platz neben mir“: ein Song über Verlust, über die Lücke, die ein Mensch hinterlässt, der nicht mehr da ist. An solchen Stellen zeigte sich, dass eine Onkelz-Show eben nicht nur aus Faust-in-die-Luft besteht, sondern auch innehalten kann.
Bei „Kirche“, dem alten Seitenhieb gegen die Institution, setzten die Lichttechniker dann ein unübersehbares Ausrufezeichen: Ein massiver Lichtstrahl schoss senkrecht über das Stadion hinaus in den Nachthimmel – noch aus weiter Ferne zu sehen. Kritik, die an diesem Abend buchstäblich Strahlkraft hatte.
Zum Schluss drehte die Stimmung ins Hymnische. „Mexico“ wurde zum großen Mitsing-Moment – ein Gassenhauer, der längst über die Onkelz-Gemeinde hinaus in vielen Fußballstadien zu hören ist. Dieser Tage klingt der Refrain ohnehin fast programmatisch: Während im Stadion gesungen wurde, lief parallel die WM 2026, die zu einem guten Teil auf mexikanischem Boden ausgetragen wird – von Mexiko-Stadt über Guadalajara bis Monterrey. „Auf gute Freunde“, die Hymne auf Freundschaft und Zusammenhalt, für die die Onkelz seit jeher stehen, vereinte das ganze Rund noch einmal zu einem einzigen Chor.

Den eigentlichen Schlusspunkt aber setzten die Onkelz dort, wo sie ihn Abend für Abend setzen: bei „Nichts ist für die Ewigkeit“ und „Erinnerungen“. Beide gehören zum festen Finale nahezu jeder Onkelz-Show und sind weit mehr als bloße Setlist-Positionen. „Nichts ist für die Ewigkeit“ ist eine Verneigung vor der Vergänglichkeit – ein Innehalten, das im Stadion regelmäßig für nasse Augen sorgt. „Erinnerungen“ wiederum ist der traditionelle Abschiedsgruß, mit dem die Band ihre Konzerte ausklingen lässt; auch in Nürnberg wurde der Song zum kollektiven Moment, in dem Bühne und Publikum für ein paar Minuten verschmolzen.
Über all dem lag eine Kulisse, die im Gedächtnis bleibt. Die Lichtshow in der imposanten, ausverkauften Arena hinterließ einen bleibenden Eindruck, und nahezu jeder Song wurde von zahlreichen Bengalos begleitet. Das rote Glühen auf den Rängen, kombiniert mit der Mittelbühne und der ständig wandernden Lichtregie, ergab eine Bildkulisse, wie sie so nur bei den Onkelz entsteht – ein Stadion, das für ein paar Stunden in seine eigene Welt abtauchte.

Der beste Chor der Welt – bei 40 Grad und trotzdem voll da
Die Nichten und Neffen reisten aus dem ganzen Land an, und sie taten, wofür die Onkelz sie liebevoll „den besten Chor der Welt“ nennen: Bis in die letzte Reihe wurde jede Zeile mitgesungen. Bei dieser Hitze ist allein das Stehvermögen schon eine Leistung – die Stimmung kippte trotzdem keine Sekunde. Wasser marsch, Arme hoch, und weiter ging’s. Gänsehaut bei der einen oder anderen Ballade, Brett bei den Krachern. Genau so muss eine Onkelz-Nacht klingen.
Nach gut zweieinhalb Stunden entließ die Band ein durchgeschwitztes, aber musikalisch restlos glückliches Publikum in die laue Nürnberger Sommernacht. Auf der Bühne hatte der Abend alles, was eine Onkelz-Nacht braucht.
Geile Band, schwierige Organisation
So einig sich die Fans beim Konzert selbst waren, so deutlich fiel die Kritik an der Veranstaltungsorganisation aus. Schon die Anreise geriet für viele zur Geduldsprobe, und am Einlass ging es teils chaotisch zu – „reinste Katastrophe“, brachte es ein Besucher in den sozialen Netzwerken auf den Punkt. „Es war fett, aber die Organisation war absolut unterirdisch“, schrieb ein anderer und attestierte der Stadt in Sachen Ablauf wenig Geschick.
Hauptstreitpunkt war bei bis zu 39 Grad ausgerechnet das Wasser. Der Veranstalter hatte im Vorfeld kostenlose Wasserstellen angekündigt – im und rund ums Stadion, dazu durften leere Faltflaschen und 0,5-Liter-Tetrapaks mit hineingenommen werden. In der Praxis berichteten allerdings viele, schlicht keine Wasserspender gefunden zu haben. Von zwei Stunden Wartezeit für ein Getränk war die Rede, von nicht auffindbaren Zapfstellen und von Tickets mit halber Sicht, die trotzdem zu vollem Preis verkauft worden seien. Fairerweise hielt mindestens eine Besucherin dagegen: Die Wasserstellen seien sehr wohl da gewesen, mit großen blauen Fahnen und Wasserhahn-Symbol in jeder Ecke markiert. Zwischen „nirgends zu finden“ und „in jeder Ecke“ lag an diesem Hitzetag offenbar vor allem eine Frage der Beschilderung und der Menschenmassen.
Den unrühmlichen Abschluss bildete für viele die Abreise. Als sich die Massen Richtung Bahn bewegten, hieß es, die S-Bahnen seien hoffnungslos überfüllt – man möge sich in Richtung Messe begeben. Nur: ohne Handyempfang, ohne klare Hinweise, in welche Richtung diese Messe überhaupt lag. Etliche Fans, so auch aus dem direkten Umfeld der Redaktion, brauchten am Ende über eine Stunde zu Fuß, um zurück in die Innenstadt zu finden. Schade, denn ein Abend dieser Güte hätte einen reibungsloseren Heimweg verdient gehabt.
Bei aller Kritik am Drumherum gab es an diesem Abend aber auch echte Glanzleistungen – vor allem hinter den Kulissen. Bei bis zu 39 Grad wurde der Onkelz-Abend für die Nürnberger Hilfsorganisationen zum medizinischen Großeinsatz. Unter Leitung der DLRG Nürnberg sicherten 128 Einsatzkräfte – davon 81 von der DLRG – gemeinsam mit sechs Ärztinnen und Ärzten die Veranstaltung ab. Die Bilanz fiel entsprechend aus: 182 medizinische Versorgungen und acht Transporte ins Krankenhaus. Allein die Verpflegung der Helfenden verschlang knapp 600 Liter Wasser, 300 belegte Brötchen und 150 Bratwurstbrötchen. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, was die Kombination aus Extremhitze und 63.000 Menschen einem Sanitätsdienst abverlangt – und wie professionell die beteiligten Organisationen das stemmten.
Fazit
Musikalisch war Nürnberg ein voller Erfolg: ein gelungenes Stadion-Comeback, das beweist, dass die 360-Grad-Idee auch im fränkischen Rund zündet. Organisatorisch dagegen bleibt für die Veranstalter reichlich Luft nach oben – von Einlass über Wasserversorgung bis Abreise. Dass es bei der Extremhitze trotzdem weitgehend glimpflich blieb, war auch das Verdienst der Hilfsorganisationen, die hinter den Kulissen Beeindruckendes leisteten. Die Band lieferte, die Helfer:innen ebenso – nur das Drumherum der Veranstalter nicht immer. Wer eine der kommenden Shows besucht, plant Anreise, Verpflegung und Heimweg besser mit großzügigem Zeitpuffer.
Tickets für die restlichen Termine
Die „Mitten unter euch“-Tour läuft weiter: Im Juli stehen noch Frankfurt (Doppelshow am 03. und 04.07. im Deutsche Bank Park) sowie das große Finale am 11.07. in der Gelsenkirchener Veltins-Arena auf dem Plan.
Ausverkauft? Beim offiziellen Eventim-Zweitmarkt Fansale gibt es ggf. noch Tickets.
Böhse Onkelz Setlist in Nürnberg am 27.06.2026
- Zieh mit den Wölfen
- Lieber stehend sterben
- Heilige Lieder
- Finde die Wahrheit
- Gehasst, verdammt, vergöttert
- Buch der Erinnerung
- Leere Worte
- Onkelz 2000
- So sind wir
- Wenn Du wirklich willst
- Terpentin
- Stunde des Siegers
- Ich bin in Dir (Version 2001)
- Ohne mich
- H
- Nichts ist so hart wie das Leben
- Keine Amnestie für MTV
- Das Signum des Verrats
- Der Platz neben mir – Part I + II
- Danke für nichts
- Kirche
- Wir ham‘ noch lange nicht genug
- Mexico
- Auf gute Freunde
- Nichts ist für die Ewigkeit
- Erinnerungen
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