Einen einzigen Tag. So lange brauchte es, bis der größte Konzertsaal Münchens ausverkauft war. Man könnte hier Namen mit globaler Strahlkraft vermuten, doch weit gefehlt. Dieses Kunststück gelang dem Chemnitzer Quintett Kraftklub. Wer dem Alter des Autors dieser Zeilen entspricht, erinnert sich vielleicht noch an Zeiten, in denen die Band Münchner Clubs wie das Ampere, das 59to1 oder das Atomic Café bespielte. Jeder fängt klein an. Aber nur wenige wachsen so schnell über sich hinaus.
Nach vier Jahren Tourpause meldet sich die Band mit ihrer neuen LP „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ zurück und trifft damit offenbar nicht nur einen Nerv, sondern auch eine kollektive Sehnsucht nach genau jenem schweißtreibenden Live-Erlebnis, für das Kraftklub seit jeher stehen. Sänger Felix Kummer hat noch gescherzt, Sitzplätze könnten die Stimmung drücken. Die Realität dieses Abends beweist eindrucksvoll das Gegenteil.
Zunächst gehört die Bühne der österreichischen All-Girl-Band Lovehead. Ihr Sound, irgendwo zwischen Pop, Rock und Grunge, wärmt die Menge ordentlich auf. Als Kraftklub schließlich mit „Marlboro Mann“ eröffnen, startet der Abend zunächst ungewohnt zurückhaltend. Der Song baut sich langsam auf, nur um schließlich nahtlos in „Ein letztes Mal“ zu kippen. Ein dramaturgischer Kniff, der sich durch das gesamte Set zieht.
Die Band ist hörbar stolz auf ihr neues Material und spielt das neue Album tatsächlich komplett. Ein mutiger Move, der jedoch problemlos funktioniert, weil Klassiker wie „Ich will nicht nach Berlin“ trotzdem ihren festen Platz im Set finden.
Dass jemand damit ein Problem hätte, ist jedenfalls nicht zu erkennen. Von der ersten Reihe bis hoch in die Ränge ist Bewegung angesagt: Tanzen, Wippen, Pogo, Circle Pit. Die Arena pulsiert. Besonders ein Song scheint sich tief ins Münchner Herz gefressen zu haben: „Kippenautomat“. Gefühlt nach jedem zweiten Track hallen lautstarke „Döp-Döp-Döp“-Chöre durch den Saal. Kraftklub nehmen den Wink dankend auf und bauen sogar in ihren finalen Rausschmeißer „Songs für Liam“ ein kleines „Kippenautomat“-Snippet ein.
Doch der Abriss beschränkt sich nicht nur auf die Bühne. Bei „Halts Maul und Spiel“ taucht Felix Kummer plötzlich mitten im Publikum auf und singt sich quer durch die Menge zurück zur Bühne. Ein kurzer, aber effektiver Reality-Check für alle, die glauben, hier würde nur aus der Distanz performt.
Noch intimer wird es später mit „Zeit aus dem Fenster“, „Kein Liebeslied“ und „Schief in jedem Chor“. Die Band zieht mitten in die Crowd, reduziert die Instrumentierung auf ein
Minimum und verwandelt die Arena in einen riesigen Mitsing-Chor. Pathos? Vielleicht. Aber einer, der in diesem Moment vollkommen verdient wirkt.
Natürlich darf auch der anarchische Spaß nicht fehlen. Das legendäre Glücksrad ist wieder dabei. Ein Fan darf drehen, der Zufall entscheidet über den nächsten Song. Diesmal fällt die Wahl auf die Hip-Hop-Persiflage „500 K“, die vom Publikum ebenso frenetisch gefeiert wird wie jeder Indie-Punk-Klassiker der Band. Direkt danach eskaliert die Party endgültig: Gemeinsam mit den Support-Acts von Lovehead liefert man mit dem Kelly-Clarkson-Cover „Since U Been Gone“ einen Track ab, den man im Vorfeld nicht erwartet hätte.
Und natürlich wäre es kein Kraftklub-Konzert ohne klare politische Haltung. Ob durch Ansagen oder Songs wie „So rechts“: die Band positioniert sich stabil links, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Stattdessen wird die Botschaft mit der Energie eines Fußballstadions transportiert.
Am Ende bleibt ein Abend, der mehr ist als nur ein gutes Konzert. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie Live-Musik funktionieren kann, wenn Band und Publikum auf derselben Wellenlänge funken. Die Chemie wirkt fast symbiotisch. Etwas, das sich viele Acts über Jahre erarbeiten müssen, hier aber ganz selbstverständlich entsteht.
Bleibt zu hoffen, dass das nächste Wiedersehen nicht wieder vier Jahre auf sich warten lässt.
Bericht von Igor Barkan mit Fotos von Lutz





























