
INTERVIEW mit Nancy Streichan und Geralf Pochop | PRESSURE Magazin
Sie trugen Irokesen, zerrissene Klamotten und den Widerstand gegen ein System ins Gesicht geschrieben – und wurden dafür von Staat und Gesellschaft gleichermaßen verfolgt, verhaftet und misshandelt.
Weibliche Punks in der DDR der 80er Jahre waren nicht nur Staatsfeinde, sie galten als doppelter Tabubruch: als Punks und als Frauen, die sich ihrer vorgezeichneten Rolle verweigerten.
Geralf Pochop, 1964 in Halle (Saale) geboren, kennt diese Zeit aus eigener Erfahrung. Als Hausbesetzer, Ostpunk und Wehrdienstverweigerer geriet er früh in den Fokus der Staatssicherheit, wurde mehrfach verhaftet und 1989 in die BRD ausgewiesen. Seit seiner Rehabilitierung als politischer Gefangener der DDR arbeitet er die Geschichte der Ostpunk-Szene literarisch auf – und hat mit seinem neuesten Buch „Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR“ eine lange überfällige Lücke geschlossen: die Geschichte der Frauen, die in dieser Szene kämpften, litten und dennoch lebten.
Eine von ihnen ist Nancy Streichan, 1966 geboren, Aktivistin der Potsdamer, Brandenburger und Ost-Berliner Punkszene und Protagonistin des Buches. Da Geralf Pochop es für entscheidend hält, dass die Erfahrungen dieser Zeit aus weiblicher Perspektive geschildert werden, wird Nancy im folgenden Interview mit dem Pressure Magazin den Großteil der Fragen beantworten – direkt, ungeschönt und aus erster Hand.

Ein Gespräch über Repression und Zusammenhalt, über Schweigen und Erinnern, über Wunden, die Jahrzehnte brauchten, um zu heilen – und über eine Generation junger Frauen, die sich weigerte, zu funktionieren.
Welches Frauenbild und welche Erwartungen an ihre Töchter hatten viele Familien in der DDR?
Nancy: Für Mädchen und Frauen war die Rolle vorprogrammiert. Nach der Schule (irgend-)einen Beruf lernen, recht früh – möglichst mit 18 oder 19 zu heiraten, Kinder bekommen – die Familie und Traditionen hatten einen hohen Stellenwert. Aber nebenher – die Arbeit nicht vergessen… möglichst Vollzeit. Manche Frauen, wie z. B. meine Mutter, arbeiteten halbtags, um sich am Nachmittag um Kinder und Haushalt kümmern zu können. Viele Mütter gaben ihre Kinder aber auch in den Kindergarten oder sogar Ganztages-Hort, um „volltags“ zu arbeiten. In meiner Familie hatte ich deutlich mehr Freiraum. Ich durfte selbst entscheiden, welchen beruflichen Weg ich einschlage. Mein von mir selbst geplanter Bildungsweg mit Abitur und Studium wurde von meinen Eltern sehr unterstützt. Ich war schon immer gierig nach Wissen. Allerdings konnte ich mir bereits als Kind nicht vorstellen, im Ort zu bleiben; dort jemanden aus dem Umkreis von Potsdam-Rehbrücke zu heiraten und mein Leben lang dort wohnen zu bleiben. Mich zog es schon immer hinaus „in die Welt“. Dennoch waren die Wertevorstellungen in unserer großen Familie recht konservativ; anständig zu sein war sehr wichtig und möglichst nicht allzu sehr aufzufallen… und dann kam ich…
Und welches Frauenbild hatte der diktatorische Staat?
Nancy: Die DDR hatte sich grundsätzlich das Prinzip der Gleichberechtigung auf die Fahne geschrieben. Es war also ganz normal und sogar erwünscht (im Gegensatz zur BRD in den 60ern bis 80er Jahren), dass Frauen einen Beruf erlernten oder studierten; sich gleichzeitig aber auch um die traditionellen familiären Pflichten kümmerten. Nur „Hausfrau“ zu sein, kam selten vor. Die starke Frau, die sich um Beruf und Familie kümmerte, sich dabei noch im Arbeitskollektiv oder der Brigade sozial engagierte und zur Demo am 1. Mai die Rote Fahne schwenkte – das war das Idealbild. Es war Frauen auch nicht verwehrt, sogar in technische Berufe einzusteigen oder handwerkliche Berufe zu erlernen. Da war die DDR wesentlich fortschrittlicher als andere westliche Länder zu dieser Zeit. Der Staat förderte die Doppel- oder gar Dreifachbelastung der Frauen mit diversen Maßnahmen, wie ausreichenden Krippen- und Kindergartenplätzen; Mutterschutz und bezahlter Freistellung (das „Babyjahr“) und einem Freitag im Monat als sog. „Haushaltstag“. Denn die Kinder sollte und musste Frau dann bitte auch schön im sozialistischen Sinn erziehen. Da wurde dann zusätzlich auch gern Hilfe von staatlichen Institutionen angeboten.

Waren deswegen weibliche Punks sowohl für „die Bevölkerung“ als auch für die Staatsführung noch schlimmer als männliche Punks?
Aus diesem Schema auszubrechen und gar eigene Wege zu gehen – das war ungern gesehen, wenn nicht gar verpönt. Ich habe es im Buch „Tanz auf dem Vulkan“ so ausgedrückt – und das trifft es ziemlich auf den Punkt: „Punk zu sein war an sich schon eine Provokation; aber als Mädchen so herumzulaufen bedeutete wohl einen doppelten Tabubruch; so etwas wie ein Sakrileg im real existierenden Sozialismusverständnis der DDR.“ Wie konnten Mädchen oder junge Frauen nur so aufbegehren? Diese anerzogene Stärke auf einmal in die entgegengesetzte Richtung zu kehren und dem auferlegten Image zu widersprechen war allen – Familien, Bevölkerung und Staat – völlig unverständlich und stieß natürlich auf vehemente Ablehnung und Entsetzen.
Wie konkret äußerte sich diese Ablehnung in den täglich stattfindenden staatlichen Repressionen gegenüber weiblichen Punks?
Nancy: Wir wurden meist noch heftiger angefeindet als unsere männlichen Punk-Freunde, von der Bevölkerung mit verständnislosem Kopfschütteln oder verbalen Attacken („Wie kann man sich als Mädchen nur sooo verunstalten…“), von der Stasi, Vopo und Trapo ohne Rücksicht verprügelt und verhaftet. Mir wurde einmal von einem wildfremden Mann in der S-Bahn einfach so ins Gesicht geschlagen, nur weil er mich für „Abschaum“ hielt oder einfach nur einen schlechten Tag hatte… Und es gab noch Schlimmeres. Mir blieb dieses krasse Schicksal zum Glück erspart; aber nicht wenige meiner Freundinnen und Weggefährtinnen wurden zum Zweck der „Umerziehung“ in Heime, Jugendwerkhöfe, Gefängnisse oder – ganz pervers – als „Herumtreiberinnen“ in sog. „Tripperburgen“ gesperrt. Dort aufs Schlimmste schikaniert, misshandelt und oft fürs ganze weitere Leben traumatisiert.
Wie veränderte sich der Alltag vieler (weiblicher) Punks 1983 durch den „Härte gegen Punk“-Befehl?
Nancy: Alles wurde immer schwieriger für uns alle, unsere Treffpunkte wurden uns genommen; wir bekamen Kneipen- und Discothekenverbot; wir wurden auf der Straße und überall kontrolliert und meist unter dem Vorwand „Klärung eines Sachverhalts“ erst einmal verhaftet und unter Heranziehung irgendeines Gummiparagraphen (z. B. „Öffentliche Herabwürdigung“ war sehr beliebt und dehnbar) für mindestens 48 Stunden festgehalten. Es gab sogar für Berliner und Auswärtige an bestimmten Feiertagen BERLIN-VERBOT oder Hausarrest. Viele meiner Freunde wurden zur NVA (Nat. Volksarmee der DDR) eingezogen, verhaftet oder sogar ausgewiesen bzw. wurden plötzlich gestellte Ausreiseanträge genehmigt. Man versuchte die Szene zu zersetzen, es wurde Angst und Paranoia verbreitet. Ich bin mir sicher, dass man damals intensiv begann, IMs in die Szene einzuschleusen. Die Atmosphäre war vergiftet, es herrschte Misstrauen untereinander und man traf sich meist nur noch im kleinen privaten Kreis oder im sicheren Schutzraum, den uns z. B. die evangelische Kirche bot.
Veränderte sich durch diesen Befehl die Reaktionen aus der „normalen“ Bevölkerung ihnen gegenüber? Gab es größere Solidaritätsbekundungen, z. B. von kirchlicher Seite?
Nancy: Naja, man distanzierte sich noch mehr von uns, wir wurden gemieden und gejagt wie „Aussätzige“. Die wenigsten trauten sich, mit Punks Umgang zu pflegen oder wir wurden gleich denunziert, wo auch immer wir auftauchten. Die Leute hatten einfach Angst. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die DDR uns damals als Staatsfeinde eingestuft hatte und damit waren wir quasi Freiwild und auf der Abschussliste. Wer sich mit uns sympathisiert hätte, hat sich auch schon mit einem Bein in Bautzen oder einem anderen politischen Knast gesehen. Also sah und hörte man weg, sogar in den eigenen Familien. Die Kirche hat sich sehr hinter uns gestellt. Es gibt viele Beispiele in den meisten Städten, in denen es eine Punkszene gab. Die Diakone und Pfarrer boten uns Schutz, konkrete Hilfe, Unterkunft, Proberaum, kümmerten sich um Anwälte und Hilfe für Inhaftierte, organisierten Konzerte und 1–3x wöchentlich regelmäßige Treffs und vor allem – einen Familienersatz mit Gesprächen und Zusammenhalt. An dieser Stelle möchte ich speziell dem damaligen Pfarrer Cyrus (RIP) der Galiläa-Kirche und dem Diakon der Erlösergemeinde Berlin, Lore, meinen Dank aussprechen. Diese haben mir und vielen anderen unfassbar geholfen und Stabilität in diesen irren Zeiten geboten. Die Künstler- und Bürgerbewegung hat ebenfalls viel dafür getan, der Punk- und Untergrundszene Raum und Stimme zu geben. Aus der „normalen“ Bevölkerung kam dagegen keine Sympathie oder Hilfe; ganz im Gegenteil. Erst viele Jahre später begannen einige, sich mehr mit uns Punks zu beschäftigen und haben im Nachhinein wohl etwas mehr Verständnis aufgebracht, einige hatten sogar fast ein schlechtes Gewissen, uns so oberflächlich verurteilt zu haben.
Du schreibst im Vorwort deines neuesten Buches „Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR“, dass du bei der Entstehung von Schicksalen und Dingen erfuhrst, von denen du in den 80er Jahren nicht das Geringste ahntest. Warum haben sich viele Punk-Frauen damals innerhalb der Szene – auch dir gegenüber – nicht offenbart?
Geralf: Wir haben uns damals kaum über repressive Dinge unterhalten. Auch nicht, wenn einen die Staatssicherheit mal wieder zum Verhör geschleppt hat. Ich hatte auch immer etwas Angst, dass, wenn man von so einem Verhör erzählt, im Kopf der anderen nur bleibt: „Der hatte Kontakt mit der Stasi“. Was in den Jugendwerkhöfen passierte, wusste ich damals nicht, obwohl aus meinem Freundeskreis einige darin verschwanden. Alle mussten bei Entlassung unterschreiben, dass sie nichts darüber erzählen, und erzählten auch nichts. Außerdem waren wir jung und wollten unser Leben leben und uns nicht bei Partys etc. über Schikanen durch Staatsorgane und Repressionen unterhalten. Hier noch die Überlegungen von Kim, einer Protagonistin aus der damaligen Karl-Marx-Städter-Punk-Szene: „Viele aus meinem damaligen Freundeskreis möchten darüber nicht reden. Sie möchten auch nicht, dass Fotos in Umlauf gebracht werden, obwohl es damals toll war. Es ist lange her. Aber heute überwiegt die Scham. Ich glaube, Typen finden es eher cool, wie sie damals waren. Denn die Erwartungshaltung an Frauen, auch von Frauen selbst, ist eine ganz andere. Die ist viel höher als von und an Typen. Jungs dürfen immer mehr als Mädels. Das ändert sich langsam, aber du hast das trotzdem im Kopf. Vielleicht war das nicht weiblich genug. Ich weiß es nicht.“
Nancy: Die Punkszene war (ich glaube, das war im Westen nicht anders) schon immer sehr testosterongesteuert und männerdominiert. Als Mädel landete man meist in der Rangordnung als „Freundin von…“ oder so. Wollte man – ähm, Frau – wirklich dabei und akzeptiert sein, musste man noch härter und konsequenter sein als die Typen. So sahen ich und einige wenige Punkmädels das damals und ich hab mir echt nichts geschenkt. Nicht rum lamentiert, sondern in erster Reihe dabei und vor allem große Klappe.

Naja, später hab ich mich dann schon öfter mal gefragt – ohjee, da warst Du schon ganz schön heftig drauf. Aber es ging schlicht ums Überleben, ohne Scheiß. Nicht alle Mädels waren aber so tough und ich weiß, dass einige ganz schön zu leiden hatten oder auch von Typen oder Staat drangsaliert wurden. Daran erinnert man/frau sich dann später auch nicht mehr gerne und verschweigt solche Erlebnisse dann lieber. Viele führten dann nach der Wende (oder schon eher) ein ganz normales bürgerliches Leben, da passte dann evtl. eine wilde Punk-Vergangenheit nicht hinein. Im Gegensatz dazu feierten sich aber viele männliche Protagonisten in diversen Veröffentlichungen selbst und glorifizierten sich zu den großen Punk Heroes… (es gibt über 30 Publikationen über Ostpunk allgemein, aber meines Wissens nur ein Buch von Angela „ChinA“ Kowalczyk mit der Geschichte einer Punkfrau).
Ich selbst lebte nach meiner Ausreise in Hamburg und Italien jahrzehntelang in einer anderen Welt und hatte im Großen und Ganzen mit OST-PUNK abgeschlossen. Hatte aber schon 2005/6 geplant, einmal ein Buch aus meiner weiblichen Sicht zu schreiben. Darüber hatte ich mit einigen Freunden, auch Geralf, gesprochen. Ich glaube aber, dass einige männliche Punks es ganz gut fanden, dass die Mädels nicht weiter Erwähnung fanden, es war einfach nicht so wichtig.
Typisches Punk-Macho-Ego-Gehabe… Ich persönlich habe erst spät 2018/19 von Geralfs Lesungen zu seinen vorhergehenden Büchern „Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression“ & „Zwischen Aufbruch und Randale. Der wilde Osten in den Wirren der Nachwendezeit“ erfahren, sonst hätte ich mich sicher eher schon einmal zu Wort gemeldet… Ich denke auch, dass viele Mädels, die damals schlimme Schicksale ertragen mussten, sich schämten und nicht zugeben wollten, in der DDR Punk gewesen zu sein. Sie wollten dieses Kapitel einfach vergessen.
Ich finde den Bericht einer Protagonistin des Buches, die berichtet, dass sie Jahre später bei der Durchsicht ihrer Stasiakte erfuhr, dass in der DDR zeitweise 15 Spitzel auf sie angesetzt gewesen sind, eindrucksvoll. Andere Zeitzeuginnen schildern unverblümt die damals tägliche Gewalt im Jugendwerkhof Torgau. Wer als Punk und dann auch noch als weiblicher Punk „dabei“ war – und damit meine ich, wirklich dabei und das vor allem in der ersten Hälfte der 80er Jahre – musste damit rechnen, auf Schritt und Tritt überwacht zu werden. Gewalt gab es nicht nur im JWH oder im Knast, sondern täglich, auf der Straße, in der Familie, einfach überall. Wir provozierten und bekamen prompt die Rechnung dafür…
Wie sehr haben solche Berichte bei den Protagonistinnen von einst alte Wunden aufgewühlt und Narben der Vergangenheit freigelegt oder waren sie für viele von ihnen der Schlüssel zur „Befreiung ihrer Seele“?
Nancy: Ich persönlich habe meine Erinnerungen wie gesagt jahrzehntelang in einer „Schublade“ vergraben, ich wollte mich offensichtlich einfach an einige schlimme Dinge nicht erinnern. Die von mir aufbewahrten Erinnerungsstücke, vor allem Tagebücher, Fotos, Briefe etc. hatte ich in 2 Kisten im Keller aufbewahrt und bezeichnete die immer als „Kisten der Pandora“, die ich nicht öffnen wollte. Vieles hatte ich vergessen oder vielmehr verdrängt.
Erst Ende 2023 öffnete ich mich und meine Kisten mit aller Konsequenz der Vergangenheit. Das löste fast 2 Jahre heftige Stimmungsschwankungen und – ja, fast Depressionen aus; zum Glück hatte ich einen starken Partner, der mir durch diese schwere und traumatische Zeit half. Es waren schon einschneidende Erlebnisse, die mein Leben komplett verändert haben. Aber – nachdem ich alles gelesen, viel darüber gesprochen und niedergeschrieben hatte, fühlte ich mich unglaublich befreit. Ich werde nie vergessen, was für eine Last mir von der Seele fiel, nachdem ich im Dez. 2024 beim Erzählsalon in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau das erste Mal öffentlich über meine Punkzeit gesprochen hatte. Danke an Geralf und Ute, die mich dazu einluden und unendlich viel Geduld mit mir hatten…
Der Vorteil der Zeitzeuginnenberichte ist sicherlich, dass sie authentisch und lebendig aus subjektiver Sicht Geschichten erzählen. Bestand deine Hauptaufgabe darin, eine Plattform zu bieten sowie die Berichte in den historischen Kontext zu setzen und zu entscheiden, welches Bildmaterial (…) verwendet wurde?
Geralf: Meine Hauptaufgabe bestand erst einmal darin, das Projekt überhaupt zu starten. Des Weiteren einige der Protagonistinnen davon zu überzeugen, dass sich Menschen in der jetzigen Zeit für ihr Schicksal interessieren. Dass die Öffentlichkeit ungeschönt erfahren soll, was damals passiert ist. Nicht zuletzt, um gegen das Vergessen und die katastrophale momentane Ostalgiewelle und DDR-Verherrlichung anzukämpfen. Natürlich war es auch wichtig auszuwählen, welche Protagonistinnen im Buch zu Wort kommen, damit stellvertretend für alle anderen widerständigen DDR-Punk-Frauen der verschiedenen DDR-Punk-Generationen, die im Buch nicht vertreten sind, ein flächendeckendes Bild dargestellt wird. Ich lege die Betonung auf Widerständig! Denn es war von Anfang an klar, dass keine Frau im Buch vertreten sein wird, die eine verräterische IM-Verpflichtung unterschrieben hat. Allein dadurch schließt sich das Wort widerständig für mich grundsätzlich aus. Allerdings gibt es nun doch eine Ausnahme, denn ich bin auf die Geschichte einer Frau gestoßen, die zwar eine IM-Verpflichtung unterschrieben hatte, aber mit Hilfe von anderen Punks, denen sie sich anvertraute, insbesondere der Bandmitglieder von Namenlos, es schaffte, sich nach einiger Zeit erfolgreich dagegen zu wehren. Dann mussten natürlich viele Gespräche und Interviews geführt werden.
Die Interviews wurden transkribiert. Aus den transkribierten Interviews, die teils 30–50 Seiten umfassten, mussten für die Leser*innen verständliche Fließtexte erstellt werden. Einige Frauen haben ihre Texte selber geschrieben. Auch diese mussten natürlich noch überarbeitet werden.
Ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Teil meiner Arbeit war auch seelische Hilfestellung zu leisten, denn nicht nur eine der Frauen fiel durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit in ein tiefes seelisches Loch. Posttraumatische Belastungsstörungen brechen immer unvermittelt aus. Das ist mir nicht fremd, habe ich das selbst alles schon bei der Aufarbeitung meiner eigenen Geschichte durchlebt. Wenn man nach so langer Zeit erkennt, wie pervers dieses System war und mit welchen faschistoiden Mitteln und mit welcher Beharrlichkeit die daran Arbeitenden Jugendliche wie uns systematisch zerbrechen und zerstören wollten. Wie sie versuchten, uns unsere Lebenslust zu nehmen. Ich denke, dass ich aufgrund meiner eigenen Erlebnisse und meiner eigenen Aufarbeitung oft Hilfe leisten konnte. Bei Themen, bei denen ich aufgrund meines Geschlechts nicht der richtige Ansprechpartner war, half meine Frau.
Die Aktensichtung, Auswahl von Textstellen aus Tagebüchern, Sichtung von Bildmaterial etc. war ein weiterer sehr zeitaufwändiger Punkt meiner Arbeit. Und ich wollte unbedingt, dass dieses Buch auch optisch toll wird, und so habe ich mit der Layouterin Monate lang an der Gestaltung des Buches gearbeitet und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Gab es auch Zeitzeuginnen, die bis heute keinen Einblick in ihre Stasiunterlagen haben wollen oder die nur bereit waren, einen Teil ihrer Erlebnisse zu schildern? Wie gehst du mit letzterem um? Hast du da nachgehakt oder respektiertest du diesen Standpunkt?
Geralf: Ich kenne das von einem Freund, der seine Stasiakte aufgrund massivster Traumatisierung nicht lesen kann. Bei den Protagonistinnen des Buches gibt es eher das Problem, dass viele Stasiunterlagen unvollständig sind, da etliche Akten vernichtet wurden. Natürlich haben nicht alle Protagonistinnen alle Erlebnisse geschildert. Das musste jede Frau alleine entscheiden, was sie preisgibt und was nicht. Ich habe versucht, gemeinsam mit meiner Frau und anderen Protagonistinnen bei Zweifeln Hilfe für eine Entscheidungsfindung zu geben. Aber natürlich würde ich es mir nie anmaßen, jemanden zu etwas zu drängen.
Nancy: Ich hatte das 1. Mal Akteneinsicht bereits 1992 von Hamburg aus beantragt und hatte dann 1993 einen Termin in Schwerin erhalten. Diesen habe ich aber nicht wahrgenommen, da ich mich zu der Zeit im Ausland befand und zudem beschlossen hatte, alles auf sich beruhen zu lassen. Damals gingen viele Gerüchte über IMs in engsten Kreisen um, das hat mich zutiefst entsetzt und ich wollte das alles nicht mehr wissen. Nun bin ich seit Jahren bei der BStU am Forschen und Nachhaken, allerdings habe ich bisher nur einen Bruchteil (ca. 100 Seiten) meiner umfangreichen Akten erhalten; ich hoffe, dass durch den Forschungsauftrag demnächst mehr Material aufgefunden wird.
Warum glaubst du, dass die meisten Protagonistinnen trotz der geschilderten Schicksale von einer erfüllten Jugendzeit berichten?
Geralf: Diese Zeit war so prägend für uns. Wir haben ja nicht ununterbrochen darüber geredet, welche Repressionen wir erlebten. Eigentlich war das zwischen uns nie Thema. Der Spaß am Leben, an Musik, an Konzerten hat unser Leben bestimmt. Es kann sich heute, wo alles erlaubt ist, keiner mehr vorstellen, was für ein Glücksgefühl es war, wenn wir endlich die Kirche erreicht hatten, in der das Punk-Konzert, zu dem man wollte, stattfand. Heute kauft man sich ein Ticket und geht rein. Damals musste man erst herausfinden, wo und wann und in welcher Stadt sowas geplant war. Es gab weder Internet noch Flyer oder Poster und alles war illegal. Hatte man einen Konzerttermin in einer Stadt herausbekommen, versuchte man nun unbeschadet hinzukommen. Auf dem Weg lauerte die Stasi, die VP und die Trapo.
Alle hatten nur ein Ziel: Dich daran zu hindern, dass Du zum Konzert gelangst. Die Langsamsten hatten oft Pech und wurden verhaftet. Dann war immer noch die spannende Frage offen, ob es denn die Bands geschafft hatten, zur Kirche durchzukommen. Es hatte damals keiner ein Auto und mit Gitarre unterm Arm und dann noch als Punk warst Du ja Hauptziel für die Häscher des Staates. Manchmal waren die Kirchen auch von den Staatsorganen umstellt. Wenn Du dann aber endlich in den sicheren Räumen der OA der evangelischen Kirche angekommen warst, konnte die Stasi nichts mehr tun. Da spielten sie dann Bands wie L’Attentat, Namenlos oder Schleimkeim. Du warst in einer anderen Welt, in einem Rausch, und die Glückshormone erfüllten jede Pore Deines Körpers. Ich denke, das wirkt bis heute nach.
Nancy: Trotz aller Schikanen hatten wir die Zeit unseres Lebens. Wir waren in gewisser Weise freier als die gesamte restliche DDR-Bevölkerung, wir hatten mit einer Art Galgenhumor viel Spaß, wir bildeten eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, ja Freunden, wir konnten uns zumeist aufeinander verlassen, oft mehr als auf unsere Familien.

Wie wichtig ist für dich persönlich, dass du durch dein Buch auch den Austausch der Protagonistinnen untereinander gefördert und somit Netzwerkarbeit geleistet hast?
Geralf: Das Buch ist ein Herzensprojekt und es hat sich inzwischen wahnsinnig viel bewegt. Angestoßen durch die Gespräche und zwei von mir und meiner Frau organisierten Erzählsalons zum Thema, entstand ein intensiver Prozess der Kommunikation und des Austauschs der Protagonistinnen untereinander. Einige sahen sich nach vielen Jahrzehnten das erste Mal wieder, andere hatten über die Jahre Kontakt gehalten. Es bildete sich ein reges Netzwerk, das sich gegenseitig bestärkte und ermunterte. Einige Frauen haben begonnen, Zeitzeuginnenarbeit zu leisten, es gibt Mutter-Töchter-Gespräche und generationsübergreifendes künstlerisches Arbeiten zur Thematik, und neben der großen Ernsthaftigkeit gibt es gemeinsame Partys und Reisen. Die Protagonistinnen helfen sich solidarisch untereinander. Das ist großartig! Es gibt noch eine Sache, die mich umtreibt und die ich bei allen Veranstaltungen und Gesprächen mit Behörden etc. immer wieder thematisiere. Fast alle Protagonistinnen saßen im Gefängnis oder Jugendwerkhof. Keine der Frauen hatte eine Straftat begangen. Sie wurden eingesperrt, weil sie die Freiheit liebten und sie so waren wie sie waren. Sie wurden eingesperrt, nur weil sie Punks waren. Nur ein Bruchteil dieser Frauen ist rehabilitiert worden. Und der Mauerfall ist inzwischen fast 40 Jahre her. Das ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel stinkt. Da versuche ich intensiv immer wieder nachzuhaken und Wege zu finden, dass die Protagonistinnen Hilfe bekommen und die Rehabilitierungsverfahren neu aufgerollt und endlich positiv entschieden werden.
Das Buch wurde vom Hirnkostverlag veröffentlicht, um den es finanziell nicht zum Besten steht. Es ist also möglicherweise zu befürchten, dass somit eine Zweitauflage des Buches trotz guter Verkaufszahlen ausbleibt. Gibt es diesbezüglich von deiner Seite Pläne oder Überlegungen, ob und wie es zu einer weiteren Auflage kommen kann?
Geralf: Das Buch war 6 Wochen nach seiner Auflage ausverkauft und die Nachfrage ist weiter riesig. Da der Verlag genau in dieser Zeit Insolvenz angemeldet hat, stand eine weitere Auflage auf der Kippe. Wir haben eine Spendenaktion initiiert, die zum Glück erfolgreich war, sodass die zweite Auflage inzwischen im Druck ist. Wie es mit dem Hirnkostverlag weitergeht, steht noch in den Sternen. Der Verleger Klaus Farin hat den Traum, dass der Verlag nach Insolvenzabwicklung als Genossenschaft seine Arbeit fortsetzen kann. Ich drücke von ganzem Herzen die Daumen!
www.untergrund-war-strategie.de
https://www.facebook.com/PunkinderDDR/
Der Autor: Geralf Pochop, 1964 geboren in Halle (Saale), kam als Hausbesetzer, Ostpunk und Wehrdienstverweigerer in Konflikt mit der Staatsmacht. 1983 wurde er bei dem Versuch der Bildung einer Menschenkette zwischen der Sowjetischen und der US-amerikanischen Botschaft erstmalig verhaftet und in die Stasi-U-Haft „Roter Ochse“ überführt. 1987 wurde er erneut inhaftiert und in einem fingierten Prozess zu 6 Monaten Haft verurteilt. 1989 reiste er im Zuge der Stasiaktionen „Symbol 89“ und „Nelke 89″ in die BRD aus. Seit seiner Rehabilitierung und Anerkennung als politischer Gefangener der DDR beschäftigt er sich intensiv mit der DDR-Vergangenheit. Er ist Autor der autobiografischen Bücher „Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression“ & „Zwischen Aufbruch und Randale. Der wilde Osten in den Wirren der Nachwendezeit“ sowie „Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR“. Des Weiteren musiziert er seit fast 30 Jahren bei dem schrägen Spaß-Punk-Projekt GLEICHLAUFSCHWANKUNG und erschuf u. a. die Szene-Hits „Punx understand no fun“ und „Skindergärtnerin“.
Die Protagonistin: Nancy Streichan, 1966 geboren, geriet als Aktivistin der Potsdamer, Brandenburger und Ost-Berliner Punk-Bewegung schnell ins Visier der Staatssicherheit. Sie wurde zwangsexmatrikuliert, mehrfach verhaftet und erlebte massive körperliche Gewalt durch die Staatsorgane. Zu DDR-Zeiten sang sie in der Punk-Band FALSCH INFORMIERT und heute bei JÆRMAN ANXT.
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