
Wenn von deutschen Musikern mit nachhaltigem Einfluss auf die internationale Musiklandschaft die Rede ist, fällt ein Name nahezu zwangsläufig: Kraftwerk. Seit 1970 aktiv und heute mit Ralf Hütter als einzig verbliebenem Gründungsmitglied weltweit unterwegs, präsentieren die Düsseldorfer Elektropioniere ihr audiovisuelles Gesamtkunstwerk noch immer vor einem generationenübergreifenden Publikum.
So auch auf ihrer vor wenigen Tagen beendeten Europa-Tournee, die sie in das restlos ausverkaufte Zenith nach München führte. Deutsche Pünktlichkeit wird dabei großgeschrieben: Punkt 20 Uhr betreten die vier Musiker die Bühne. Eröffnet wird der Abend standesgemäß mit „Computerwelt“. Sofort greift das bewährte Kraftwerk-Rezept: leuchtende Netzgitter-Anzüge, die ihre Farbe wechseln, eine monumentale Leinwand im Hintergrund und die vier futuristischen Pulte, an denen die Musiker ihre Klänge „bedienen“.
Ralf Hütter ist der Einzige mit Mikrofon. Seine teils stark verfremdete Stimme trägt die sparsamen, aber ikonischen Textzeilen, die seit Jahrzehnten zum kollektiven musikalischen Gedächtnis gehören. Klassiker wie „Autobahn“ („Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“) dürfen dabei ebenso wenig fehlen wie die dazugehörigen Animationen, die eine wohlig-nostalgische Zeitreise auslösen.

Doch Kraftwerk ruhen sich nicht auf ihrem Erbe aus. Lokalkolorit bei „Spacelab“ (Ein Ufo, welches in München landet) oder eine inhaltlich weiterentwickelte Version von „Radioaktivität“ setzen gezielte Akzente. Letzterer wird mit der einzigen, aber umso gewichtigeren Ansage des Abends eingeleitet. Gewidmet ist der Song dem 2023 verstorbenen japanischen Musiker Ryuichi Sakamoto, einem engen Freund der Band seit über vier Jahrzehnten. Sakamoto hatte „Radioaktivität“ 2012, kurz nach der Fukushima-Katastrophe, um japanische Textzeilen ergänzt, die nun auf der Leinwand erscheinen. Hinzu kommt eine klare, zeitlose Botschaft: Stop Radioaktivität.
Internationalität zieht sich ohnehin wie ein roter Faden durch den Abend. Neben Deutsch und Englisch erklingen auch Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch. Letzteres bei der Zugabe „Die Roboter“. Das ist mehr als ein stilistisches Mittel: Es verweist auf den globalen Einfluss von Kraftwerk, deren Wirkung weit über Genre- und Landesgrenzen hinausreicht. Grammy-Auszeichnung, Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame und zahllose Musikerinnen und Musiker, die Kraftwerk als Initialzündung ihres Schaffens nennen, sprechen eine deutliche Sprache.
Live wird klar: Es geht hier nicht allein um elektronische Musik, sondern um ein konsequent durchdachtes Gesamtkonzept. Animationen, Archivmaterial („Tour de France“, „Das Model“), hypnotische Farbspiele und eigens produzierte Visuals verschmelzen zu einer Einheit, die
Kraftwerk als das zeigt, was sie sind: weit mehr als eine Band. Sie sind Kunst, Kulturbotschafter und lebende Legenden zugleich.
Ein Konzertbesuch? Pflichtprogramm für alle, die die Gelegenheit dazu bekommen.
Konzertbericht von Igor Barkan mit Konzertfotos von Lutz (WeArePhotographers)



























