“Schlage bitte weiter, Kämpferherz!” Buchautor Dennis Diel im Interview

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Sprechen Menschen über Angst und Psychosen, dann oft mit angezogener Handbremse. Wer in dieser Gesellschaft mithalten will, redet nicht über seelische Krankheiten, schon gar nicht über die eigenen. „Schlage bitte weiter, Kämpferherz!“ ist die autobiografische Geschichte eines Mannes, der mit schonungsloser Offenheit erzählt, wie er schon als Kind die seelischen Abgründe seiner Familie kennenlernen musste. Die Geschichte eines übergewichtigen Teenagers, der dem Mobbing seiner Mitschüler ausgesetzt war und sich irgendwann zur Wehr setzte. Eines Mannes, der mit Anfang Zwanzig selbst Geißel seiner Ängste wurde und bis heute gegen die eigene Hypochondrie kämpft.

Dennis Diel sprach mit Svenni vom Pressure Magazine über sein Buch, das am 25. Oktober 2021 über den Hirnkost Verlag erscheint.

Du beschreibst in deinem neuen Buch “Schlage bitte weiter, Kämpferherz!” die tragischen Geschichten deiner Kindheit und Jugend, z.B. von psychischen Erkrankungen deiner Mutter und dem Mobbing in der Schule. Auch wenn viele Menschen ähnliche Situationen bereits so oder so ähnlich erlebt haben, schreiben die wenigsten darüber Bücher. Wie war das bei dir? Was war für dich die Motivation, die unangenehme Reise in die Vergangenheit und damit ins tiefste „innere ich“ zu wagen und dieses Buch zu schreiben?

Dennis: Ich hatte mehrere Motivationen, das Buch zu schreiben. Eigentlich hatte ich das schon lange vor, spätestens während meiner Therapie im Jahr 2015. Die Gespräche mit meiner damaligen Therapeutin haben mich motiviert, die schwierigen Geschehnisse in meiner Kindheit und Jugend aufzuschreiben. Ohne Kompromisse. Daraus wurde erst einmal nichts, denn kurz danach war ich schwer mit der Arbeit für die Onkelz beschäftigt und noch ein bisschen später mit der Biografie von Gonzo

Außerdem hätte ich mich seinerzeit vermutlich nicht in der Lage gefunden, diese Erlebnisse aufzuschreiben; jedenfalls nicht so ehrlich, und das war mir das Wichtigste. Also blieb das Vorhaben im Hinterkopf und wanderte dort immer tiefer hinab, bis Corona in unser aller Leben polterte. So scheiße wie diese vermaledeite Pandemie für alle Menschen auch ist, hat sie mir die Gelegenheit gegeben, einfach draufloszuschreiben. 

Zunächst hatte ich noch nicht vor, daraus ein Buch zu machen, sondern wollte einfach schauen, wohin mich der Schreibprozess trägt. Es hätte auch sein können, dass ich irgendwann die Kraft verlieren würde, mich immer wieder meiner Vergangenheit zu stellen. Dass das nicht geschah, und ich (mit Ausnahme einer kurzen Schreibblockade im tristen Winter 2020) sehr gut vorwärts kam, konnte ich zu Beginn der Arbeit im Frühjahr 2020 nicht ahnen. 

Das Aufarbeiten des Erlebten tat mit gut und meine mentale Gesundheit war in dieser Hinsicht auch okay. Selbst das Schildern des Body-Shamings, das ich in der Schule speziell für mein Übergewicht durchlitt, machte mir nichts aus. Vor ein paar Jahren noch konnte ich das nicht erzählen, ohne wegzugucken oder ins Stocken zu geraten.

Was meinst du, warum viele Menschen über psychische Erkrankungen nicht sprechen können?

Dennis: Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Stigma, die Leute tun sich schwer damit, darüber zu sprechen. Eine gewisse Sensibilität stellte sich nach dem Tod von Robert Enke ein. Seit seinem tragischen Suizid ist die Gesellschaft offener und empathischer geworden, besonders junge Menschen sind dahingehend sehr sensibilisiert. Das merkt man auch an Diskussionen im Netz, die dort aller Orten geführt werden, zum Beispiel über Trigger-Warnungen, die ich für sehr sinnvoll halte und das Benutzen anderer, weniger stigmatisierender Vokabeln für Menschen mit psychischen Krankheiten.

Da tut sich was, und viele Prominente sprechen mittlerweile ganz offen über ihre seelischen Probleme, jüngst Sarah Connor oder Rezo. Dennoch ist es noch immer für viele schwer, viel zu schwer, über diese Dinge mit anderen Menschen als ihren Therapeuten zu reden, und Therapiemöglichkeiten sind rar. 

Ein Teufelskreis, denn das Suchen nach eben jenen kostet Kraft, weil es langwierige und mitunter frustrierende Ochsentouren sind, für deren Bewältigung man im besten Falle einen langen Atem benötigt, über den aber psychisch instabile Menschen oft nicht verfügen können. Kurzum: Bricht man sich ein Bein beim Sport oder schlägt man sich in einer Rauferei die Zähne aus, ist das alles halb so wild und gehört bei einigen sogar zum toxischen Männlichkeits- und Primatengehabe dazu

Ja, ich habe sogar das Gefühl, dass es „akzeptierter“ ist, wenn man zugibt, sich im Urlaub einen Tripper eingefangen zu haben, statt ganz offen darüber zu sprechen, dass man mit einer Angststörung kämpft. 

Viele meiner Bekannten und Freunde antworten auf die Frage nach ihrem Befinden, dass alles ok ist, obwohl es alles andere als ok ist.

Du berichtest von der psychischen Erkrankung deiner Mutter. Wie bist du zu Beginn deiner psychischen Erkrankungen mit dieser genetischen „Bürde“ umgegangen? 

Dennis: Ich habe das viele Jahre weit weggeschoben und wollte von Beginn der Pubertät bis in die Zwanziger mit der Erkrankung meiner Mutter nichts zu tun haben. Meine Mutter lud in meiner Kindheit all ihren seelischen Ballast bei mir ab, weil es ihr an anderen Puffern fehlte und als Kind hat man Verständnis, selbst wenn man nichts versteht. Ich war der permanente Talisman, der persönliche Kummerkasten und als ich anfing zu hinterfragen, ob das richtig war, setzten bei ihr Trotz und bei mir Wut ein. Ich wollte nie so werden, wollte meine Erbanlagen wie Unkraut aus meinem Hirn reißen, dachte, dass mir so etwas wie psychische Krankheiten nicht passieren. Und dann gewannen die Gene doch, viel früher, als ich geahnt hätte. 

In den schlimmsten Phasen meiner generalisierten Angststörung hatte ich eine unglaubliche Furcht davor, dass ich schizophren würde, obwohl meiner Mutter diese furchtbare Krankheit erspart blieb – meinem Cousin allerdings nicht, und ich sorgte mich, dass ich zu allem Überfluss auch noch diese Krankheit geerbt haben könnte. 

Ich hatte Glück, musste aber dennoch lernen, dass man vor den eigenen Erbanlagen nicht fliehen kann. Entweder du bekommst gute Anlagen in die Wiege gelegt oder eben nicht.  

Begünstigten diese schwierigen Lebensumstände deine Vorliebe für die Texte der Böhsen Onkelz? Oder anders gefragt: Bist du durch diese Phase der Niedergeschlagenheit erst zu den Onkelz gekommen?

Dennis: Eigentlich kamen die Onkelz eher zu mir, als ich zu ihnen. Ich bin 1996 in den örtlichen Plattenladen gegangen und habe mir die E.I.N.S. gekauft, obwohl ich die Onkelz seinerzeit für Wölfe im Schafspelz hielt, die in Wirklichkeit Nazis waren und sich nur, der besseren Plattenverkäufe wegen, tarnten. 

PUR (ohne Scheiß …), Die Toten Hosen, Iron Maiden und Metallica waren die Bands, die ich damals liebte. Die Scheibe der Onkelz war mein persönliches AHA-Erlebnis. So ein Gefühl hatte ich nie wieder bei einer neuen Band wie jenes, das mich durchströmte, als ich zum ersten Mal die E.I.N.S. hörte. Ob das auch zu einem anderen Zeitpunkt genauso gelaufen wäre, kann ich gar nicht beantworten, der Moment war einfach perfekt.

Watzlawick zählt bei seiner Auflistung der Zutaten zur Erschaffung von großen literarischen Werken u.a. das Verbrechen, das Unglück und die Sünde. Sind das ebenfalls die Zutaten, die den Erfolg der Onkelz erklären können?

Dennis: Ja und Nein. Was meiner Ansicht nach die Onkelz wirklich so einmalig macht, ist die Verschmelzung von Kevins Stimme, den Texten von Stephan sowie Gonzos Gitarrenspiel. Den Zauber der Onkelz -Lieder erlebt man auf vielfältige Weise. Der Hochschulprofessor, der sich in einer Krisensituation befindet, kann mit der Musik sein Ich reflektieren und der rebellische Straßenjunge findet genug Pathos, um sich in seiner Outlaw-Rolle stark und bestätigt zu fühlen.

Der gemeinsame Nenner beider ist die Authentizität, die von der Band ausgeht, und die spüren sowohl der Akademiker als auch alle anderen, die sich der Musik und dem Inhalt der Onkelz widmen. Der persönliche Zugang ist so vielfältig. 

Wenn es dir schlecht geht, dann findest du eher Gefallen an melancholischen Liedern wie „Schutzgeist der Scheiße“, „Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt“ usw. Wenn dir eher der intellektuelle Zugang gefällt, wirst du die Lieder des „weißen“ und die des „schwarzen“ Albums lieben, genauso die „Heilige Lieder“. Und wenn du als unbedarfter Jugendlicher die Onkelz hörst, gehören zu deinen Top-Ten möglicherweise Songs wie „Kneipenterroristen“, „Heute trinken wir richtig“ und Co. Irgendwann entdecken dann alle den gemeinsamen Schatz und werden sich daran erfreuen. 

Wie sind die Reaktionen der Onkelz zu deinem neuen Werk?

Dennis: Der Austausch findet statt, logisch. Kevin rief mich an und drückte mir seine Begeisterung über das Buch aus, Stephan schrieb mir eine schöne Mail, Gonzo liest es gerade und findet es ebenfalls gut. Gerade Stephan weiß am längsten von den Dingen; ich musste mich vor ihm (oder später der Band) niemals verstellen. Es gab immer großes Verständnis, selbst dann, wenn ich Tourneen aufgrund meiner Erkrankung nicht mitfahren konnte, obwohl ich das im Vorfeld immer versichert (und auch tatsächlich gehofft und geglaubt) habe. 2016, zum Beispiel. Oder etliche DER W Tourneen.

Wie ist Euer Verhältnis untereinander? Eher freundschaftlich, familiär oder professionell?

Dennis: Familiär wäre viel zu hochtrabend ausgedrückt – die Onkelz sind aber auch nicht nur bloße Arbeitgeber für mich, das sollte klar sein. Zu jedem der Vier habe ich auch ein unterschiedlich starkes Verhältnis, deshalb ist es schwer, generelle Aussagen zu treffen. Der kleinste gemeinsame Nenner, wenn man das so runterbrechen will, ist eine freundschaftliche Professionalität, die die Band und ich im Umgang miteinander pflegen.

Welche Projekte zu Promo-Zwecken deines neuen Buches hast du dir vorgenommen?

Dennis: Ich möchte, wenn möglich, viele Lesungen geben. Besonders auf die Gespräche mit anderen Menschen, auf Erfahrungsaustausch und Small-Talk freue ich mich. Wenn dem Verlag und mir das gelänge, wäre das ein Traum. 

Erstmal wird’s ab dem 05.10., pünktlich zu meinem 39. Geburtstag, eine kleine virtuelle Leserunde via Facebook-Live und Twitch mit vier Terminen geben, bis am 25.10. dann das Buch erscheint. Ich würde mich aber auch über kleine Lesungen in Buchläden und Büchereien freuen. Auch wenn man vielleicht denken könnte, dass mich Angst und Sorgen introvertiert machen, bin ich das exakte Gegenteil: Ein sehr offener und an anderen Menschen interessierter Typ, der immer neue Erfahrungen und Begegnungen machen will. 

Meine Neugier wird niemals enden, egal wie viel Angst meinen Weg noch kreuzen wird. 

Das Interview mit Dennis Diel führte Svenni im September 2021

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„Schlage bitte weiter, Kämpferherz!” Buch (Hirnkost Verlag)
„Schlage bitte weiter, Kämpferherz!” Buch (Hirnkost Verlag

„Schlage bitte weiter, Kämpferherz!” Erscheint am 25. Oktober 2021

Preis: 28,00 €

Dennis Diel, Autobiografie

256 Seiten, Hardcover

ISBN 978-3-949452-23-9