Montag, Juni 21, 2021

Laith Al-Deen im Interview über seine Songs, das Leben und Currywurst

„Bilder von Dir“ war einer seiner größten Hits. Laith Al-Deen wird nicht müde uns mit seiner Stimme zu verzaubern und „Der Letzte Deiner Art“ trifft den Nerv und die Herzen seiner Fans.

Wir hatten die Gelegenheit Laith Al-Deen im Vorfeld seines Auftritts auf der Black Forest Invasion 2012 in Freudenstadt zu treffen und haben einen Mann kennengelernt, der mit Witz und Esprit über seine Songs, das Leben und Currywurst sprach!

Hallo Laith, Du bist Headliner des heutigen Abends und im Hintergrund hören wir bereits Johannes Strate hier auf der Bühne. Habt Ihr beide schon einmal zusammen auf der Bühne gestanden?

Laith: Ja, „Revolverheld“ sind zwar ein ganzes Stück jünger als wir und das ist auch schon eine ganz schöne Weile her. Wir kamen auf einer Veranstaltung im Osten zusammen, das war so eine Afterschool -Geschichte und wir waren da ein wenig fehl am Platze. Aber das Schönste am Wiedertreffen ist, dass man sich überhaupt wieder trifft! Auf meinem musikalischen Weg habe ich viele Bands getroffen, manche nur einmal und dann nie wieder. Manche waren gut, andere nicht. Und deshalb ist es schön, dass man sich in der Musikbranche überhaupt noch wieder trifft. Toll finde ich auch die Sologeschichte, die Johannes jetzt gestartet hat. Und es gibt einem ein gutes Gefühl jemanden zu treffen, der auch schon eine ganze Weile im Musikbusiness dabei ist.

Wenn man sich die Lieder von „Der Letzte Deiner Art“ anhört, dann hört man sehr viel Melancholie, sehr viel Herzschmerz. Wie viel „Laith Al-Deen“ steckt in Deinen Liedern? Wie viel „Laith Al-Deen“ kennen die Leute, wenn Sie Deine Songs hören?

Laith: Das kommt immer darauf an wie viel Interpretationsvermögen die Leute haben. (lacht) Mir wird ja oft ein sehr starker christlicher Glaube unterstellt, was ich ganz lustig finde. Ich schicke die dann alle zu Xavier, das ist mehr sein Ressort als meins. (lacht) Letzten Endes muss ich aber zugeben, dass ich nicht wirklich eine Frohnatur bin. Es sind aber auch auf der neuen Scheibe Songs dabei, die weder besonders traurig, noch besonders fröhlich sind. Manche Songs schauen sich einfach bestimmte Umstände von außen an.

Wichtig ist nur, dass ich die Lieder, die ich singe, mit mir vereinbaren kann. Es stammt ja nicht alles aus meiner Feder. Ich muss aber trotzdem das Gefühl kennen, das irgendwie nachvollziehen zu können. Ein gutes Beispiel ist „Lied für die Welt“. Das Lied wurde mir angeboten, aber ich habe erst eine Weile darüber nachgedacht, ob ich es ähnlich sehe und ähnlich sagen würde. Und dann kann ich auch damit leben und den Song so interpretieren, als wäre er von mir.

Du machst keine klassische Partymusik, mit deinen Liedern berührst Du die Menschen auf einer sehr emotionalen Ebene. All diese Emotionen musst Du in Deiner Stimme transportieren. Kann es passieren, dass Du während Du singst, selbst in diese melancholische, traurige Stimmung kommst?

Laith: Vielleicht einen Moment. Es ist immer eine Frage wie der Abend läuft. Manche Stücke lassen Dich relativ kalt, wenn Du sie im falschen Moment spielst, wenn es auf der Bühne schief läuft, wenn Du einfach ganz andere Dinge im Kopf hast. In guten Momenten, bin ich ganz bei dem Song, aber ich komme deshalb nie wirklich schlecht drauf. Solange Du spürst, dass Gefühl und Leidenschaft dabei sind ist es für mich in Ordnung.

Kannst Du mir den Prozess des Songwritens ein bisschen beschreiben? Maria Mena hat im Interview einmal gesagt, dass sie selbst in einer ähnlichen Stimmung sein muss, um ihre Lieder zu schreiben.

Laith: Ich denke es schreibt sich ein Stück weit leichter, vielleicht bist Du auch ein Stück ehrlicher, oder formulierst es auf Arten, die ein bisschen direkter und drastischer sind. Aber gerade wenn Du im Verbund schreibst, dann tauschst Du ja Gefühle aus. Diese Gefühle müssen sich irgendwo treffen und wenn keiner der beiden Parteien komplett die Hosen runter lässt, geht das bis zu einem bestimmten Grad. Du triffst Dich an einem gewissen Punkt, bist dabei sehr authentisch und hast trotzdem ein Gefühl im Kopf. Du erinnerst Dich vielleicht an eine Scheißzeit, von der Du auch erzählen kannst, aber wenn Du mittendrin steckst, dann wird es viel krasser!

Platten, die einen runter ziehen, sind glaube ich auf diese Art und Weise geschrieben worden. Wenn die Leute irgendwann ein bisschen zerbrochen sind und das dann in Songs festgehalten haben, dann ist es auch nicht verwunderlich, wenn Du dir die Platte später anhörst und dabei auch ein bisschen kaputt gehst.

Bis jetzt (klopft auf Holz) bin ich aber noch nicht so oft kaputt gegangen!

Welche Musik hörst Du eigentlich privat?

Laith: Wenn ich nicht gut drauf bin, dann höre ich Rock! Rock ist die beste Droge. Verwunderlich da ich selbst keinen Rock mache, bzw. keinen mehr mache. Du bekommst da einfach Power. Ich kenne keinen, der nicht bei einer AC/DC Nummer mit abgeht.

Und wenn Du gut drauf bist?

Laith: Rock! (Lacht) „Curtis Mayfield“ ist für mich einer meiner persönlichen Soul-Godfathers. Ich leg das auf und muss lächeln, das ist einfach so. Er singt über genug Dinge, die gar nicht fröhlich sind, aber es ist einfach die Auffassung!

Wenn Du im Radio „Bilder von dir“ hörst, schaltest Du weiter?

Laith: Klick! Nicht mehr so sehr wie früher. Früher konnte ich es nicht ertragen mit anderen Leuten in einem Raum zu sein, wenn meine Musik lief. Das ist zwar immer noch zu einem großen Teil so, aber jetzt kommt es ein bisschen mehr darauf an was läuft. „Bilder“ habe ich einfach schon so oft gehört, da wird es grenzwertig. Ab und zu höre ich in den Song rein, einfach um zu sehen wie alt er wirkt und dann direkt weiter.

Ihr spielt den Song aber auf fast jedem Eurer Konzerte, und in den seltensten Fällen in der Originalversion. Ihr lasst Euch immer wieder etwas Neues einfallen!

Laith: Manchmal glaube ich das ist aus der Langeweile heraus geboren, oder es ist der Spieltrieb. (lacht) Heute Abend wird es mal wieder relativ normal sein. Aber letzten Endes halten wir die Nummer damit frisch und am Leben. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich war jetzt auf der Sade-Tour, eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe! Da wurde nichts außer der Reihe gemacht, gar nichts!

Wenn das zur Musik und zur Stimmung passt, dann finde ich das toll, ansonsten doch eher schade. Zum Beispiel bei „Ich + Ich“, die Band kann mehr! Aber was ich gesehen habe, war doch hauptsächlich wie auf der Platte. Das finde ich schade! Es könnte einfach noch ein bisschen mehr leben, aber es scheint ja den meisten Leuten zu gefallen.

Wenn wir jetzt ein paar Jahre zurückgehen; wolltest Du schon immer auf die Bühne? Oder wolltest Du vielleicht lieber Feuerwehrmann werden?

Laith: (lacht) Pilot! Pilot oder Arzt, tatsächlich! Ich wollte tatsächlich mal Arzt werden, ich habe mir das aber nach dem Zivildienst anders überlegt. Nebenher lief bereits die Musik, und das immer besser. Damals habe ich angefangen mit dem Gedanken zu spielen, hauptsächlich Musik zu machen. Aus Geldgründen habe ich dann angefangen Soziologie zu studieren, wegen dem Studentenausweis! (grinst) Und dann hat sich das Ganze ein bisschen verselbstständigt und die Musik kam richtig ins Spiel.

Nebenbei wollte ich dann tatsächlich nochmal eine Ausbildung anfangen, aber mitten im Praktikum zu dieser Ausbildung ist mir klar geworden, das wird nicht mein Beruf und ab da ging’s mit der Musik richtig aufwärts.

Was für eine Ausbildung hast Du denn begonnen?

Laith: Medizinisch-technischer-Radiologieassistent! Damit kann man als Vertriebsmensch richtig gut Geld verdienen, wenn Du zum Beispiel MRT’s verkaufst!

Und das war Dein Ziel?

Laith: Nein! (Lacht) Es ist aber schon erstaunlich in diesem Beruf, dass die Leute tatsächlich nicht atmen bis man es ihnen sagt! Das schockiert mich immer wieder, da reicht ein Kittel, aber egal!

Von Deinem Musikgeschmack hast Du uns ja bereits erzählt. Hast Du vielleicht ein paar Leichen im CD Schrank vergraben, von denen Du uns erzählen magst?

Laith: Nun ja, bei meiner Mutter steht noch meine erste Maxi-Single! „Money, Money, Money“ von „ABBA“. Ich weiß bis heute nicht, warum ich mir die gekauft habe, wirklich bis heute nicht! Ich habe als 30jähriger dann irgendwann die Großartigkeit von ABBA-Songs erkannt, keine Frage! Ich weiß zwar nicht ob das zu Leichen gehört, aber viel Zeugs in der Richtung habe ich nicht. Ich habe einige Kassetten, aber Leichen? Oh warte! Ich besitze noch eine Kassette „Die kleine Hexe Klavi-Klack“. Ich bin ein riesiger Kassettenfan.

Ich besitze tatsächlich noch ein Kassettendeck und ich höre auch noch Kassetten! Was wirklich schwierig ist, denn man muss spulen! Ich hasse spulen! Aber ich tue es immer noch gern, weil Du dir Zeit dafür nehmen musst. Ich packe dann den ganzen Kram aus, Berge von Material und ewig das spulen bis Du was gefunden hast. Und dann spulst Du und suchst, spulst und kramst weiter und trinkst vielleicht was. Das ist schön!

Ich sehe gerade in Gedanken Deinen CD-Schrank vor mir: 100 CDs aber 1.000 Kassetten!

Laith: (lacht) Nein, eher anders herum! Ich habe ja schon gespart und immer wieder überspielt!

Stimmt es eigentlich, dass Du lieber Gitarrist sein und den Gesangspart gar nicht übernehmen wolltest?

Laith: Das Gesangsding war mir eigentlich egal. Irgendjemand musste eben singen. Ich war einer in einer 3-Combo. Zur damaligen Zeit gab es diese riesen Ghettoblaster, das war mein Gitarrenverstärker. Und das Gesinge klang echt übel, richtig schlecht. Ich glaube das könnt Ihr Euch jetzt gar nicht vorstellen. Dagegen sind die alten Sachen von den Böhsen Onkelz echt noch richtig gut! Singen war für mich eigentlich nie das Ziel, aber es hat sich dann letztendlich einfach ergeben.

Das „Black Forest Invasion“ hier in Freudenstadt ist für Dich nahezu ein Heimspiel Du kommst aus Mannheim, nicht wahr?

Laith: Anreisetechnisch auf alle Fälle!

Bekommt man, wenn man so viel auf Tour ist, einen anderen Begriff von Heimat, von Zuhause?

Laith: Meine Gefühle für Mannheim haben sich auf alle Fälle noch ein Stück verfestigt. Man kommt in sehr viele Städte, sehr große Städte, wo man auch gerne mal belächelt wird. Mannheim ist vielleicht nicht die schönste aller Städte, aber da stehst Du einfach noch ein bisschen mehr füreinander ein. Ich kann da auch Xaviers Lokalpatriotismus gut verstehen. Und wenn Du nach einer Tour wieder zurückkommst, ist es schön sagen zu können: „Schön, ich bin daheim!“

In den letzten zehn Jahren ist deutsche Rockmusik ja wieder bühnentauglich geworden, das war eine verdammt lange Zeit nicht so. Wie wichtig ist für Dich die deutsche Sprache bzw. deutsch zu singen?

Laith: Ich fühle mich in der deutschen Sprache mehr zuhause. Es war damals eine ganz klare Entscheidung Deutsch zu singen. Du kannst Dich nicht zurückziehen, Du kannst Dich nicht verstecken, wenn Du Deutsch singst! Du wirst sofort verstanden und damit auch sofort beurteilt!

Es macht natürlich auch verdammt viel Spaß Englisch zu singen, aber ich bin auch extrem faul, wenn es darum geht Text auswendig zu lernen. Im Englischen kannst Du es dir teils einfach machen, Du singst nur den Refrain und ansonsten irgendwas, das fällt keinem auf und es interessiert keinen. (lacht) Diese Chance hast Du im Deutschen nicht und das finde ich toll. Es ist auch eine Verbundenheit mit dem Land, auch wenn das immer noch sehr negativ behaftet ist. Aber ich bin halt Deutsch, ich bin hier geboren und größtenteils aufgewachsen! Und ich sehe keinen Grund, warum ich nicht in meiner Muttersprache singen sollte.

In letzter Konsequenz ist aber deutschsprachigen Bands der Zugang zum internationalen Publikum größtenteils verwehrt.

Laith: Klar gibt es manchmal Überlegungen irgendwelche Songs auch mal auf Englisch herauszubringen. Grönemeyer hat das ja ganz erfolgreich vorgemacht. „Bilder von Dir“ lief ja auf Malle ziemlich gut und nicht nur in den deutschen Bastionen. Wir hatten sogar mal überlegt eine spanische Version davon zu machen, aber irgendwie fand ich es seltsam und es ist nicht wirklich ein großes Ziel von mir.

Welche Ziele hast Du denn?

Laith: Entspannt 50 zu werden! Und das ist gar nicht so einfach! (Lacht) Ich denke mit dem neuen Album wird sich zeigen, wo mich mein Weg hinführt. Es gibt inzwischen ganz viele Dinge, die brauche ich so nötig wie Löcher im Kopf. Und weil wir ja schon so viel über Rock gesprochen haben: Rock wird es nicht mehr werden!

Mal sehen, wie das bei den Leuten ankommt. Einige werden es gut finden, andere weniger. Aber ich bin ein bisschen aus den Kinderschuhen herausgewachsen und das finde ich gerade ziemlich interessant. Ich muss nur noch lernen damit umzugehen. (lacht)

Kannst Du Dich in fünf Worten selbst beschreiben?

Laith: Ich bin ein cooler Typ! Und ich kann sogar zählen! (lacht)

Danke für das Interview und wenn Du noch ein paar letzte Worte für unsere Leser hast, dann ist jetzt die Gelegenheit dafür!

Laith: Die Currywurst darf nicht aussterben!

Interview von Mostly Harmless

Aktuelle Bandbesetzung:

Laith Al-Deen: Gesang
Ole Rausch: Gitarre
Frieder Gottwald: Bass
Tobi Reiss: Keyboards
Mario Garruccio: Schlagzeug

Mehr zum Thema:

 
Foto: Laith Al-Deen Pressefreigabe
Pressure Magazine
Pressure Magazine richtet sich an musikbegeisterte Szenemenschen deren Lebensinhalt durch laute, schnelle und kompromisslose Klänge geprägt ist. Jetzt folgen:

Related Articles

Kommentiere den Artikel

Please enter your comment!
Bitte Namen eingeben

Stay Connected

2,824FollowerFolgen
14,700AbonnentenAbonnieren
- Advertisement -spot_img

Latest Articles