Elf Jahre ist es her, dass die Brüder Tobin, Kyle und Justin aus Chicago beschlossen haben, „Punkrock mit Dudelsack“ zu machen. Mittlerweile sind sie zu fünft und nun ist mit „Black Thorn“ auch endlich ihr erstes Album in Deutschland erschienen.


 

Hinter den Kulissen des Rock’n’Ink Festivals in Chemnitz erzählten sie PRESSURE, wie schwer sie es als bekennende Christen in der Punkrockszene haben und weshalb sie ausgerechnet von Devil’s Brigade Weihnachtsgeschenke bekommen haben.

 

Wann seid ihr heute angekommen und woher kommt ihr gerade?

Wir sind vor gut drei Stunden, also gegen 15:00 Uhr, hier in Chemnitz angekommen. Gestern Abend haben wir in Amersfoort, in den Niederlanden, gespielt und waren erst um vier Uhr nachts im Bett. Dumm nur, dass wir heute Morgen schon um 6:00 Uhr losfahren mussten, es war also eine kurze Nacht.

 

Dann müsst ihr verdammt müde sein…

Ja, ein bisschen schon, aber wir haben versucht, im Bus zu schlafen. Es ist auch eher die gesamte Anstrengung der letzten Wochen, die sich langsam bemerkbar macht. Morgen Abend spielen wir in Berlin und es wird die letzte Show unserer siebenwöchigen Tour sein.

 

Ihr habt sieben Wochen pausenloses Touren hinter euch? Dafür macht ihr aber noch einen sehr fitten Eindruck!

Danke, das hört man gern. Wir sind zweieinhalb Wochen durch die USA getourt und hatten dann zwei Tage frei, bevor wir nach Europa geflogen sind. Hier angekommen, ging es dann nahtlos weiter mit den Shows.

 

Es war eure erste Headliner-Tour in Europa, haben sich eure Erwartungen erfüllt?

Auf jeden Fall, es war eine großartige und aufregende Zeit. In den vergangen dreieinhalb Wochen haben wir an so vielen unterschiedlichen Orten gespielt, dass wir wahrscheinlich erst Zuhause realisieren werden, wo wir überall gewesen sind. Wir haben in der Schweiz, in Österreich, Italien, Dänemark, Schweden, in den Niederlanden und in Deutschland gespielt. Unglaublich.

 

Wow, sieben Länder in dreieinhalb Wochen. Wie oft pro Woche habt ihr auf der Bühne gestanden?

Im Normalfall haben wir einen konzertfreien Tag pro Woche, aber noch nicht einmal den ziehen wir konsequent durch. Im vergangenen Monat haben wir an 28 Tagen gespielt und genau genommen waren es sogar 30 Shows. Erst letzte Woche haben wir zum Beispiel an einem Abend in Kopenhagen gespielt und sind im Anschluss direkt weiter nach Hamburg gefahren, um dort noch am selben Abend auf dem Hafen-Geburtstag zu spielen. Das war dann aber auch definitiv einer der anstrengenderen Tage. Und Morgen werden wir auch an zwei verschiedenen Locations in Berlin spielen. Wir wollen es ja nicht anders, das wird großartig.

 

In Deutschland werdet ihr momentan als die „Entdeckung des Jahres“ gehandelt, dabei macht ihr bereits seit elf Jahren zusammen Musik. Fasst eure Geschichte doch bitte einmal kurz für unsere Leser zusammen.

Manchmal können wir es selbst kaum fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Im Jahr 2000 haben wir angefangen, zusammen Musik machen. Tobin, Kyle und ich (Justin) sind Brüder und irgendwann wollten wir einfach zusammen Punkrock machen, also gründeten wir eine Band. Wir wollten anders klingen als all die anderen Punkbands, deshalb holten wir relativ schnell unseren Kumpel Josh mit an Bord, der Dudelsack und Mandoline spielen konnte.

 

Warum habt ihr euch ausgerechnet für diese Instrumente entschieden?

Wir sind in Chicago aufgewachsen, wo es eine Menge keltischer Einflüsse gibt und Bluegrass-Musik eine große Rolle spielt, die aus instrumenteller Sicht unserer Musik sehr ähnelt. So kam eins zum anderen. Josh verließ die Band circa eineinhalb Jahre darauf, dafür kamen dann bereits Eric und Brandon dazu, die nun dazu verdammt sind, 280 Konzerte pro Jahr mit uns zu spielen.

 

Wo habt ihr die beiden kennengelernt?

Wir sind vorher schon länger mit beiden befreundet gewesen. Eric hatte uns bereits auf Tour begleitet und sich um unseren Merchandise-Stand gekümmert. Von daher waren sie die erste Wahl, als es darum ging, einen Ersatz für Josh zu finden. Wir wussten einfach, dass es funktionieren wird und damit haben wir ja schließlich auch Recht behalten.

 

Hat sich euer Sound im Laufe der Zeit verändert?

Der Dudelsack kam ja bereits nach wenigen Monaten hinzu, allerdings muss man schon sagen, dass unsere Musik damals noch nicht so hart war wie heute. Anfangs haben wir schon sehr soften Punkrock gemacht, um nicht Pop-Punk zu sagen. Das lag natürlich auch an unserem Alter, denn als wir angefangen haben, war Kyle gerade einmal zwölf Jahre alt. Den Folk-Einfluss gab es natürlich schon allein durch unsere Instrumentwahl von Anfang an. Wir haben uns aber nie als Folk-Band gesehen, sondern als Punkrocker mit Dudelsack.

 

Welchen Einfluss hatten die Dropkick Murphys auf euch?

Im Grunde gar keinen, denn wir kannten sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Irgendwann kamen immer mehr Leute auf uns zu, die sagten: „Wow, ihr klingt wie die Dropkick Murphys!“, erst da stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass es da diese riesige Band gab, die dieselbe Musik machte wie wir. Kurz darauf hatten die Dropkick Murphys dann auch den ganz großen Durchbruch, der den Hype um den Irish Folk-Punkrock erst richtig ins Rollen brachte.

 

Welche anderen Bands beeinflussen und inspirieren euch?

Wir versuchen immer offen für alles zu sein, aber es wechselt natürlich auch immer wieder. Als wir angefangen haben, spielte englischer Oi!-Punk eine sehr große Rolle für uns. Allen voran natürlich Cock Sparrer, die wir bis heute lieben. Doch da sind den Genres eigentlich keine Grenzen gesetzt. Angefangen bei traditionellen Irish Folk Bands wie The Fancy Brothers, über Raggae, Rock’n’Roll und Soul, bis hin zu Oldschool-Hardcore wie Minor Threat, ist da alles dabei.

 

Was habt ihr denn die letzten Tage im Tourbus gehört?

Oh Mann, da müssen wir uns gerade richtig verrückte Sachen anhören, auf die unser Fahrer steht. Man kann es vielleicht am ehesten als eine Art äußerst dubiosen, afrikanischen Techno mit jaulenden Gesängen beschreiben. Aber das hören wir natürlich nicht ununterbrochen. Unser deutsches Label People Like You Records hat uns einen Stapel CDs von ihren anderen Bands mitgegeben, die wir ab und zu hören. Aber im Normalfall ist rund um die Uhr ein Ipod angeschlossen, wo so ziemlich alles drauf ist, was man sich vorstellen kann.

 

Euer fünftes und aktuelles Album „Black Thorn“ ist das erste, das nun auch in Europa erscheint. War das eine bewusste Entscheidung?

Nein, natürlich hätten wir es wahnsinnig cool gefunden, wenn es schon bei „Knuckles Up“ oder „The Jungle Of The Midwest Sea“ mit einer Veröffentlichung in Europa geklappt hätte. Aber es ist nicht leicht, ein Label zu finden, wenn man auf dem Kontinent vorher auch noch nie getourt und selbst nicht vor Ort ist. Mit People Like You Records hat es dann ja letztendlich doch noch geklappt und nun haben wir bereits unsere erste große Europa-Tour hinter uns. Das ist verrückt.

 

 

Ihr macht Musik für die Arbeiterklasse. Inwiefern hat das etwas mit eurer eigenen Herkunft zu tun?

Wir sind im Süden Chicagos aufgewachsen, in einem klassischen Arbeiterviertel. Dort gibt es viele Fabriken, ein Großteil der Industrie ist dort angesiedelt. Die Männer dort tragen Blaumänner. Es sind Arbeiter, Handwerker, Kerle die anpacken können und keine Sesselfurzer. Die Menschen in Süd-Chicago sind hart und direkt und dieses Umfeld ist eben das, was unsere Kindheit und die unserer Freunde geprägt hat. Wahrscheinlich waren wir deshalb auch so sehr vom Oi!-Punk, der Musik der englischen Arbeiterklasse, fasziniert. Und natürlich hat sich das alles dann auch auf unsere eigene Musik ausgewirkt.

 

Was genau macht dieses raue Umfeld zu eurem Zuhause?

Es ist ein sehr ehrliches Umfeld. Die Leute reden hinter dem Rücken nicht schlecht über einander, es gibt keinen Karrieredruck und daraus entstehenden Neid auf den Nachbarn. Wenn einem etwas nicht passt, kann man es sich ins Gesicht sagen. Alles in allem, ist es dort einfach nicht so verlogen wie anderenorts.

 

Ihr geht sehr offen mit eurem christlichen Glauben um, wie eng hängt das mit der Umgebung zusammen, die eure Kindheit geprägt hat?

Es ist ja nicht so, dass jeder Arbeiter an Gott glaubt und alle Christen zur Arbeiterklasse gehören. Glaube hat nichts mit der finanziellen Situation zu tun. Aber trifft man jemanden, der sich in irgendeiner Art und Weise auf demselben Level befindet und dieselben Ansichten teilt, ist das eine gute Voraussetzung für eine Freundschaft. Das macht in gewisser Hinsicht natürlich jeder so, denn man versteht sich mit Leuten, die die eigenen Interessen teilen, oft auf Anhieb. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist innerhalb der Arbeiterklasse und auch in einer Gemeinde, besonders stark ausgeprägt, es hat einen familiären Charakter.

 

Für viele Menschen ist ihr Glaube eine ganz private Sache, über die nicht gesprochen wird. Warum ist es euch wichtig, so offen damit umzugehen?

Viele Bands schreiben Songs darüber, woran sie glauben. Und die, die es nicht tun, sind nur eine weitere von unzähligen anderen Bands, die in der Masse untergehen. Dabei geht es jetzt gar nicht bloß um den christlichen Glauben, sondern viel mehr darum, authentisch zu sein und sich in der Musik mit Themen auseinanderzusetzen, die einen wirklich beschäftigen.

 

Was ändert das am Resultat?

Wenn man voll und ganz von einer Sache überzeugt ist und etwas zu sagen hat, entstehen die besten Songs. So ist das überall, auch bei Hardcore-Bands. In deren Texten geht es natürlich nicht um den Glauben als solchen, aber sie haben eine Botschaft, in dem Fall oft, an sich selbst zu glauben. Diese Überzeugung muss der Hörer spüren, das macht die Musik unverwechselbar.

 

Wie entstehen eure Texte?

Wir schreiben über die Dinge, die unser Leben beeinflussen und der Glaube gehört nun mal dazu. In unseren Texten spiegelt sich das schlicht und einfach als eine gute, moralische Haltung wider, darüber kann sich im Grunde niemand aufregen. Wer hat was dagegen einzuwenden, nett zueinander zu sein? Da sagt kein Mensch: „Das stimmt doch gar nicht, das ist doch bloß eure christliche Sicht der Dinge!“ Wer das so sieht, muss ein Idiot sein. Wir schreiben darüber, wie wir die Welt mit all ihren Problemen wahrnehmen und damit haben die Leute kein Problem, denn wir zwingen ja niemandem unseren Glauben auf.

 

Trotzdem ist es schwer vorstellbar, dass eine christliche Band in der Punkrockszene immer ernst genommen wird. Welchen Reaktionen musstet ihr euch in der Vergangenheit stellen?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir oft härter arbeiten müssen als andere Bands, um ernst genommen zu werden. Wir hatten jedoch das Glück, von einigen angesehenen Bands der Szene unterstützt zu werden, indem sie uns mit auf Tour genommen haben. Die Streetdogs waren uns zum Beispiel immer eine große Stütze und Matt Freeman von Rancid, der uns mit seinem Nebenprojekt Devil’s Brigade mit auf US-Tour genommen hat. Matt hat uns anschließend sogar Weihnachtsgeschenke geschickt.

 

Ausgerechnet der von der Teufelsbrigade…

Ja genau, das war lustig. Matt ist ein toller Typ. Aber das sind leider die Ausnahmen, es gab auch eine Menge Bands, die nicht mit uns zusammen auftreten wollten und Labels, die versucht haben, uns vom Line-Up zu streichen. Anfangs war es besonders hart, so abgestempelt zu werden. Wir mussten den Leuten erst beweisen, dass wir ganz anders sind als sie zunächst erwarten.

 

Woher kommt diese ablehnende Haltung?

Die meisten Punks in den USA und auch hier in Europa haben schlechte Erfahrungen mit konservativen Christen gemacht. „Du hast bunte Haare und ein Piercing, du kommst in die Hölle!“, solche Sprüche haben die meisten schon einmal gehört. Daher sind die Leute uns gegenüber in der Regel erst einmal skeptisch. Sie kommen dann oft auf uns zu und sagen, dass wir ihnen auf den Sack gehen, mit unserer Christen-Scheiße.

 

Wie reagiert ihr auf solche Anfeindungen?

Wir reden mit ihnen und wenn wir uns dann eine Weile unterhalten haben, wissen die meisten selbst nicht mehr, was eigentlich ihr Problem war. Im Internet kann man Vorurteile dagegen nicht so leicht widerlegen, daher sind eigentlich auch die das größere Problem, die nicht den Arsch in der Hose haben, uns ins Gesicht zu sagen, was sie stört.

 

Interview von Diana Ringelsiep

 


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