Als der letzte Pfingsttag des Jahres 2024 seine Schatten auf die bayerische Metropole München legte, öffnete der Circus Krone, diese Kultstätte der Musikgeschichte, die schon Legenden wie die Beatles in ihren Bann zog, seine Pforten für eine Pilgerfahrt der etwas anderen Art. Stephan Weidner, besser bekannt als DER W, lud ein zu einer musikalischen Messe, die – so viel sei verraten – nicht nur die Ohren, sondern auch die Seelen berührte.

Es war ein Abend, an dem die Erwartungen der Anwesenden nicht nur erfüllt, sondern um Längen übertroffen wurden. Während Pfingsten als die Stunde des Heiligen Geistes in die Annalen einging, mag der 21. Mai 2024 als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem DER W das Feuer der Rockmusik in die Herzen seiner Zuhörer sandte. Diesmal in akustischer Form.

So wenig Stephan Weidner mit der klassischen Kirche gemein haben mag, so sehr ist sein Wirken doch einer Messfeier gleich, in der die erlösenden Klänge zur Absolution werden. Die Konzertbesucher sind nicht nur Fans – sie sind Jünger der musikalischen Offenbarungen eines Künstlers, der die Bühne so beherrscht, als wäre sie seine Kanzel.

Bereits die ersten Takte offenbarten, dass dies kein gewöhnliches Konzert werden würde. DER W, mit seinem langen Haar, dem dunklen Vollbart, Tattoos und den tiefen Spuren des Lebens auf der Haut, stand da, eine Erscheinung von einem Mann, dessen Präsenz und Aura das Publikum in den Bann zog. Mit seinen Ansagen, bedacht und tiefgründig, vermochte er es, die Zuhörer auf eine Reise in die eigenen Abgründe und Höhenflüge zu schicken.

Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, Interviews von Stephan Weidner aus den frühen 90er Jahre und den 2000er Jahren anzusehen und mit seinen Statements von Heute zu vergleichen, muss feststellen, dass hier ein Mann auf der Bühne steht, der mit sich im reinen ist und nichts mehr aus der Fassung bringt. Allem voran aber ein Mann, der damals wie heute an sich gefeilt hat, um sich weiterzuentwickeln und dazu wie kein anderer immer Grenzen überschreitet, die über die menschliche Erfahrung hinausgehen.

Die musikalische Wandlung, die an diesem Abend stattfand, war beispiellos. Im intimen Rahmen des bestuhlten Saals wurden Weidners größte Solohits in einem akustischen Gewand präsentiert, das so neu war, dass manche Besucher sich erst daran gewöhnen mussten. Humorvolle Konter des Musikers auf Zwischenrufe aus dem Publikum lockerten die Atmosphäre auf, zeigten jedoch auch, dass Weidner ein Meister der Kontrolle ist, sowohl über seine Kunst als auch über seine Anhänger. So rief eine Besucherin „Stephan ich liebe dich“ und er erwiderte mit tiefer, gelassener Stimme „ich dich auch“. Mit einer Mischung aus Charme und Autorität wusste er, die Balance zwischen Disziplin und Hingabe zu wahren.

Mit einem kleinen Orchester aus Cello und Geige wurde sie Show durch die sieben Musiker auf der Bühne, nach einer kurzen Verbeugung Weidners mit dem Stück „Geschichtenhasser“ eröffnet.

Als die kleine Gruppe Männer im Publikum immer wieder mit Zwischenrufen störten, richtete Weidner seine Worte ganz gezielt an die aufgebrachten Konzertbesuchern mit den Worten „ADS ist in unseren Kreisen wohl verbreiteter als man denkt.

Doch als der Hit „MachsMaulauf“ ertönte, da gab es kein Halten mehr; ein kollektiver Rausch ergriff die Menge, die sich tanzend und applaudierend von ihren Plätzen erhob.

Weidner kommentierte dieses Wechselbad aus Ruhe und innerer Euphorie mit den Worten: „Wir haben euch hier einiges zugemutet, einfach mal still auf Plätzen sitzen zu bleiben und nicht dem Pogo zu verfallen, aber manchmal muss es eben mal raus. Bei dem einen mehr – bei den anderen weniger.“

Besonders ergreifend war der Moment, als DER W das „Lied für meinen Sohn“ anstimmte, nur um im Angesicht seiner Tochter im Publikum die Textzeile in der ersten Strophe zu vergessen. Doch wahre Größe zeigt sich in der Verletzlichkeit, und so gewann das Lied nach einem fehlerfreien Neuanfang eine noch tiefere Bedeutung.

Mit dem letzten Atemzug leg ich die Rache schlafen

Eine völlig neue Bedeutung bekamen das Lied „Schlag mich (bis ich es versteh’)“ durch die einleitende Ansage, dass es vielen Kreisen der Gesellschaft körperliche Misshandlungen und Gewalt in Familien im Kindes oder Erwachsenen alter gibt, die von den Opfern ein Leben lang als Sellenbalast herumgetragen werden und oft als Tabuthema behandelt werden. Der Text bekam an diesem Abend durch die opulente Instrumentalisierung, spanischen Gitarrenklängen und Geigen einen neuen Fokus auf den Text und für mich persönlich eine vollkommen neue Bedeutung. Ein Martyrium, dass für die gepeinigten Seelen oftmals nur mit dem Tot des Peinigers zu Ende geht.

Ebenso bekamen Stücke wie „Kafkas Träume“ und „Justitia“ durch die bewusste Reduzierung der rockigen Klänge eine neue Tiefe, die das Innere berührten und die Zuhörer zum Nachdenken anregten.

Die Konzertnacht im Circus Krone wurde zu einer Katharsis, zu einer musikalischen Therapiesitzung, die kein Herz unberührt ließ. 

Mein Arsch wirft den Anker – Macht′s gut

Zum Song „Der Hafen“, veröffentlicht im Jahr 2010 auf dem Album „Autonomie!“, gab es an diesem Abend eine Ansage, die w-mütig und nachdenklich machte. Weidner hat sich schon vor mehr als zehn Jahren Gedanken über den Tot als solchen und demnach auch das eigene Ableben gemacht. Sein Ziel, erklärt er dem Publikum, dass er im Guten von dieser Erde gehen wolle und nicht daran glaube, dass der Abschied vom Diessein das Ende der menschlichen Seele sein wird. 

Zum Ausklang gab es eine sehr ruhige Version des damaligen mit den „Nordend Antistars“ komponierten Fussball-Liedes „Gewinnen kann jeder“. 

Nachdem die letzten Klänge verhallt waren und die standing Ovations abebbten, war klar, dass Stephan Weidner und sein Orchester, allen voran sein musikalischer Mentor Dirk Czuya, mehr als nur ein Konzert geboten hatten. Sie hatten ein Erlebnis geschaffen, das noch lange in den Herzen der Anwesenden nachklingen würde. Ein Erlebnis, das die Zuhörer nicht nur von ihren Stühlen riss, sondern vielleicht auch ein Stück weit veränderte.

Als die unerwartete Zugabe „MachsMaulauf“ die Zweite den Saal erfüllte, stand fest: Es gibt kein halten mehr. Nahe zu alle Besucher riss es von den Stühlen und sangen lautstark mit, um diesen besonderen Abend zu beenden. Nach dem Konzert wurde das Warten zahlreicher Konzertbesucher damit belohnt, dass sich Stephan Weidner und Dirk Czuya und Geleitschutz ihres Sicherheitsbeauftragten noch vor die Tür des Gebäudes wagten, um mehr als 100 Fans Autogramme und Fotogelegenheiten als Erinnerung zu bieten. Besonders hoch ist den Künstlern anzurechnen, dass sie den jungen Fans wie Wartezeit verkürzt hatten, um ihnen den Vortritt zu gewähren. 

Dies war ein Abend der Extraklasse – eine Sinfonie der Menschlichkeit, komponiert von einem Künstler, der es versteht, die Saiten der Seele zum Schwingen zu bringen.

Konzertbericht und Fotos von Marcus Liprecht

Einzelne YouTube Videolinks verweisen auf externe Quellen, die nicht im Zusammenhang mit Pressure Magazine stehen.

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