Label: Plastic Bomb
Veröffentlichung: 01.2007

Hardcore-Geschichtsstunde, Lektion 1: Nachdem Anfang der 80er zahlreiche US-Städte ihre eigenen Szenen entwickelt haben und sich die DIY-Prinzipien als Gegenstandpunkt zur verhassten Mainstream-Kultur landesweit durchsetzten, dauerte es nicht lange, bis die neue Musikrichtung auch nach good old Europe herüberschwappte und sich letztlich weltweit ausbreiten konnte. Dass sich binnen weniger Jahre eine sehr vitale Szene entwickelt hat, verdeutlicht “Network of Friends Vol. 1” wohl noch am ehesten.

Der Plastic Bomb-Schreiber Helge Schreiber hat die Scheibe bereits vor zehn Jahren veröffentlicht, basierend auf Original-Tapes aus den 80er Jahren, also jener Blütezeit der Bewegung. Nachdem die Nachfrage nach Oldschool-Hardcore glücklicherweise auch heute noch recht hoch ist, hat man sich zu einem Re-Release entschlossen, die alten Sachen nochmal herausgekramt und mit Linernotes zu allen Bands versehen, zudem einige seltene Bilder spendiert und ein oberamtliches Paket geschnürt: 41 Songs mit rund 75 Minuten Spielzeit zeigen, dass sich die weltweite Szene zu keinem Zeitpunkt vor den amerikanischen Kollegen wie Minor Threat, Bad Brains oder Black Flag verstecken musste und auch außerhalb der Staaten in den 80ern schon kräftig Arschgetreten wurde.

Raw Noise Guaranteed” – der Untertitel auf dem Cover ist Programm. Unnötig zu erwähnen, dass es sich hier nicht um eine glattproduzierte Scheibe mit Multimillionen-Dollar-Budget handelt, sondern um eines jener DIY-Releases, die die Szene seinerzeit ausgemacht haben. Schnelle, dreckige Songs, nicht perfekt aufgenommen, nicht perfekt dargeboten, eben die Musik von Menschen, die etwas zu sagen hatten und das in Eigenregie tun, ohne Label im Hintergrund, ohne Werbung, ohne Konzerte vor tausenden Menschen.

Stattdessen finden sich hier die Pioniere, deren Einfluss auch heute noch auf zahllosen Neuerscheinungen herauszuhören ist. Wer also ein wenig hinter die Kulissen schauen will, kommt um diese Scheibe genausowenig herum wie alle, die sich einfach nur für die Herkunft einer der faszinierendsten und leider in ihrer ursprünglichen Form sehr kurzlebigen Subkultur interessieren. Auf die einzelnen Tracks einzugehen, würde nun den Rahmen dieses Reviews sprengen, generell sei gesagt, dass sich meist mehrere Songs einer Band auf dem Sampler befinden. Hinzu kommen seltene Live-Aufnahmen, die nochmals verdeutlichen, wie intensiv, schweißtreibend und roh Hardcore einmal war.

 

Vertreten sind Bands aus Deutschland (unter anderem “Upright Citizens”, “Tarnfarbe”, “Nikoteens”, “Bluttat”), Australien, Frankreich, Schweden, Polen, Holland, Amerika, Norwegen, Mexico, Italien und zig weiteren. Manche davon dürften heute noch bekannt sein, andere sind schon lange andere Wege gegangen – Helge Schreiber schreibt im Booklet auch, dass der den Kontakt zu den meisten davon verloren hat.

Umso mehr ist “A Network of Friends Vol. 1” ein wichtiges, schon beinahe zeitzeugenartiges Dokument, dass in keiner gutsortierten Hardcore-Sammlung fehlen darf.

Wertung: 0=6 Sterne

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