AlbumCover:TOXPACK Epidemie
Album Cover: TOXPACK - Epidemie
Die Vertreter des East Berlin Streetcore sind zurück und haben in musikalischer Hinsicht so einige Raffinessen im Gepäck. Nach ihrem vorherigen Album “Cultus Interruptus” hatten sich TOXPACK die Messlatte ja schon ordentlich hoch gelegt und so war es die Herausforderung, dieses erarbeitet Niveau aufrecht zu erhalten. Ob es die Herrschaften geschafft haben, das werde ich in den folgenden Zeilen näher erläutern.
 
Los geht der abendliche Streifzug durch Berlins Straßen mit dem “Kopfbohrer” der den Hörer zunächst einmal auf Schulles gewaltiges Gesangesorgan vorbereitet, welches wie ein Amboss entgegen geschmettert wird. Wer den Frontmann auf einem seiner Konzerte erlebt hat, kann sich in etwa vorstellen, dass dort wo seine Worte einschlagen, kein Gras mehr wächst. Mit einem Paukenschlag räumen die Jungs die Tanzflächen der Clubs und überrennen das was ihnen im Weg steht, um ihre aggressive Kunst in die Stadt zu tragen und möglichst tief in die Gehirnwindungen ihrer Zuhörer zu bohren. Soviel ist gesagt, dies funktioniert mit diesem Türoffner in Form eines Songs sehr gut.
 
Weiter geht es blicklos vorbei an Bordsteinschwalben, Bettlern und Fixern hin zu den Casting-Marionetten der Popkultur. Der Titel “Ohne mich” rammt die ungefragt aus der Retorte entsprungenen Produkte der TV-Landschaft geradezu ungespitzt in den Boden.
 
Für immer in mir” lässt die Vergangenheit Revue passieren und räumt ein selbst nicht frei von Fehlern zu sein. Das alte Schlachtfeld der Liebe und das was sie hervorgebracht. Das allerdings zu jung ist um zu verstehen, weshalb Eltern sich streiten oder sich voneinander entfernen. Egal wie nah oder wie weit voneinander entfernt, es ist für immer in mir.
 
Mit “No Remorse” wandeln die Jungs weiter auf heißen Pflastern und drehen mit schnellen Double Base und schweren Metal Riffs so richtig auf. Zu einem kurzen Gastspiel trifft Schulle auf Gary von Pro Pain, mit dem er sich das Mikrofon teilt, bis New Yorker Hardcore-Legende nach einem gemeinsamen Duett verabschiedet wird.
 
Mittendrin statt nur dabei” ist man auch schon im nächsten Song, der wie kein anderer zweifelsfrei auch als T-Shirt-Motiv der Berliner dient. “100% ICH” ist für alle Vorstadtrebellen und Brüder im Geiste, die mit ihrer Lebensweise auch eine Entscheidung fürs Leben getroffen haben und zu dem stehen was sie sind.
 
Wir landen in der nächsten Eck-Kneipe und sinnieren darüber “Was gestern war” und erklären dem Kerl hintern Tresen lautstark, wie glücklich wir darüber sind, dass alles besser so ist, wie es ist und wir nicht mehr die Fesseln einer Beziehung spüren. Niemand, der uns hinterher telefoniert oder nachgestellt, keine nächtelangen Diskussionen, die uns auf Trab halten. Der Typ hinterm Tresen stimmt mir wortlos zu und schenkt noch einen nach… Eine sehr gelungene und musikalisch überzeugende Nummer, geschrieben für eine Person, die sich nach diesem Text bestimmt nie wieder melden wird.
 
Epidemie” ist das Aushängeschild der Scheibe und ist selbst diagnostiziert die neue Hymne der E.B.S.C.. Der Song klingt so gewaltig und energiegeladen, dass er sich wie ein Orkan über die ganze Welt ausbreiten wird. Quarantäne zählt nicht als Option, denn wir halten die Hand auf, wenn der Toxpack-Virus in der Stadt ist. Und so springen wir auch schon auf und starten mit “Steig ein” zu einem musikalischen Höllentripp, in dem wir die befreundeten Bandkollegen Joost & Eric von Discipline auf dem Beifahrersitz festgezurrt und das Gaspedal bis zum Anschlag durchtreten. Die Nummer funktioniert ist laut und rockt bis der Asphalt brennt.
 
Geblendet von den Lichtern der Stadt, vorbei an Obdachlosen und den üblichen betrunkenen Nachtgestalten, hält man kurz inne vor einem Zeitungskiosk und lässt die Nachrichten-Schlagzeilen des Nachtexpress auf sich wirken. “Beretta 92” feuert dem Hörer Wortfetzen wie die gleichnamige Schusswaffe in 92-sekündiger Hardcore-manier um die Ohren. Amokläufe an Schulen, Blinde Wut und anschließende Betroffenheit auf allen Kanälen ist Thema dieser bedrückenden Gedankenblitze.
 
So viele Tage” lässt den Blick gen Himmel schweifen, aus dem es gerade Tränen zu regnen scheint. Für einen verstorbenen Freund heißt es in diesem Stück: “Auch wenn du jetzt den Kampf verloren hast und ein Meer von Tränen hinterlassen hast / Auf deinem harten und steinigen Weg, weiß ich trotzdem, dass es dir oben besser geht” und steht für das unvermeintliche Abschied nehmen auf die ein oder andere Art und Weise vor der niemand verschont bleibt – temporär oder für immer ist wohl Auslegungssache – am Ende schließt sich der Kreis.
 
Nach soviel aufgestauter Wut drehen wir zum Ende der Geschichte von einer ereignisreichen Nacht noch ein letztes Mal so richtig auf. “Lass uns rausgehen und lass und rebellieren / heute Nacht die Zeit still stehen lassen, was kann uns schon passieren / Ganz einfach durchdrehen, lass uns machen was wir wollen / Niemand wird uns daran hindern und erst recht nicht, wenn wir es so wollen” sind die Worte des Sängers, der seine Band im Song “Aufstehen” zu spielerischen Höchstleistungen anzupeitschen vermag. “Diese Zeit ist kostbar, los nutzen wir sie aus” ist nicht nur ein Textauszug, sondern offenbar auch erklärtes Lebensmotto an sich selbt.
 
Das Ende der “Epidemie” klingt mit der instrumentalen psychedelischen Rocknummer “Outromatik” aus, die inhaltlich doch recht stark an “Lt. Stoned” einer artverwandten Frankfurter Rockband angelehnt ist.
 
Als Rausschmeisser gibt’s vom Wirt den Bonustrack “Schmutziger Pakt” auf’s Haus und dreht die Regler mit einer für Toxpack eher untypischen “Rock and fucking Roll”-Attitüde a la Rose Tattoo und ACDC noch mal ordentlich auf. Was bleibt ist ein Deckel als Andenken an eine denkwürdige Reise durch die Welt von Toxpack, die gerade recht nach Wiederholung schreit.

Album Review von Marcus Berg

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