Social Distortion – Greatest Hits

Mit manchen Bands ist es wie mit schottischem Single Malt Whisky: Je älter, desto besser. Social Distortion sind nun seit 28 Jahren im Geschäft, haben mit „Another State Of Mind“ schon vor 25 Jahren Musikgeschichte geschrieben und sich seither konstant weiterentwickelt.

Spätestens die 92er-Veröffentlichung „Somewhere Between Heaven And Hell“ machte endgültig klar, dass der Rock’n’Roll-Thron nicht nach Norwegen oder Schweden gehört, sondern in Kalifornien den staubigen Highway runterbrettert. Im Gepäck zahllose Melodien, Songs über Irren und Wirren im Leben der pomadierten Frontsau Mike Ness, der nicht umsonst „Love“ auf den Fingern der einen und „Pain“ auf denen der anderen Hand tätowiert hat. Punkband ist man heute zwar nicht mehr, dafür sind die Songs zu komplex, die Texte zu selbstkritisch, viel zu viel Liebe, viel zu wenig Rebellion. Aber mal ehrlich: Wen stört das, wenn aus der Anlage auf voller Lautstärke Bretter der Marke „Reach For The Sky„, „Prison Bound“ oder „Ring Of Fire“ (von der einzigen Band, die es wirklich verdient hat, Cash zu covern) krachen? Zugegeben, die Veröffentlichungswut hat nicht gerade grassiert, in all den Jahren kamen grade mal sieben reguläre Studioalben raus, das macht exakt eines alle vier Jahre.

Gerade auf den letzten beiden findet sich aber kein einziger Aussetzer, selbst Live gehören die betagten Herren wohl zum arschtretendsten, was Punk und Rock’n’Roll derzeit hergeben. Für all jene, die bislang keinen Zugang zur Band fanden oder mal reinhören wollen, gibt’s nun mit „Greatest Hits“ einen Querschnitt durch das Schaffen der Band. Einer ursprünglichen Tracklist nach sollten lediglich elf Tracks vertreten sein, nun sind es dann doch noch ein Dutzend geworden. Darunter ist mit „Far Behind“ ein neuer Song, der schon vorab als Live-Mitschnitt bei Youtube und Konsorten zu bewundern war.

Wie wählt man allerdings aus 28 Bandgeschichte die Sahnestückchen aus? Vorab vielleicht mal eine Auflistung der vertretenen Tracks: Vom Debüt-Album „Mainliner“ ist nur „1945 (13th Floor)“ vertreten, was ok geht, da die gesamte Scheibe auf Dauer betrachtet nicht der Bringer war. Vom Nachfolger „Mommy’s Little Monster“ gibt’s den Titel-Track und „Another State Of Mind„, beide Live immer noch unübertroffen. Das „Prison Bound„-Album gab auch nur den Titel-Song her, was ebenfalls in Ordnung ist, mehr davon gibt’s live ja schließlich auch selten. Das selbstbetitelte Release liefert schon drei Tracks: „Story Of My Life„, „Ball And Chain“ und „Ring Of Fire„. Alle drei gehören mit zum Besten, was die Band je gemacht hat. Warum man von „Somewhere Between Heaven And Hell“ nur „Bad Luck“ entnommen hat, erschließt sich mir absolut nicht. Hier wäre mehr drin gewesen, wo sind der Über-Blues-Song „When She Begins“ oder „Sometimes I Do„? Wurde nicht noch mit „Making Believe“ die „Live In Orange County„-DVD eröffnet? Alles nicht dabei.

Das Gleiche gilt für das 96er-Release „White Light, White Heat, White Trash„: Waren da wirklich nur die Songs „When The Angels Sing“ und „I Was Wrong“ überragend? Wo bleibt „Don’t Drag Me Down„? Abschließend die „Sex, Love & Rock’n’Roll„-CD von 2004: Hier hat nur „Reach For The Sky“ getaugt?

Kein „Highway 101„, „Don’t Take Me For Granted„? Scheinbar nicht. Und damit wären elf der zwölf Songs schon drauf.

Far Behind”, der neue Song, macht dort weiter, wo 2004 aufgehört wurde: Breite Gitarrenriffs, ein Ness in Bestform, straighforward bis sonst wohin und dabei gewohnt melodisch. Beste Aussichten also für das neue Album, das ja auch schon angekündigt ist. Ob eine Best-Of Sinn macht, bevor die Karriere beendet ist, könnte man sich angesichts dessen fragen. Geht’s nur um Kohle, weil der Mustang soviel Sprit schluckt und die amerikanischen Benzinpreise auch nicht mehr das sind, was sie zu Zeiten von Elvis mal waren?

Die Frage muss sich letztlich jeder selbst beantworten. Klar ist: Es fehlen essenzielle Songs. Wer die Band live gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Alte Fans kennen sämtliche Tracks ohnehin und stehen nun vor der Wahl, 15 oder mehr Euro für einen neuen Song und ein schön aufgemachtes Booklet hinzulegen.

Neueinsteiger bekommen einen guten, aber eben nicht vollständigen Querschnitt durch das musikalische Schaffen von „Social Distortion“. Das macht die „Greatest Hits“ zu einem Appetizer mit einigen der zahlreichen Hits, wie es sich für eine Best-Of-Veröffentlichung wohl gehört. Ob diese zum jetzigen Zeitpunkt schon notwendig ist, bleibt letztlich der Einschätzung der Band überlassen. Die höchstmögliche Anzahl an Sternen gibt’s, weil die Songs einfach gut und zeitlos sind.

In die „Hotlist“ kommt die Scheibe dennoch nicht, dafür fehlen mir zu viele Songs und mit „Far Behind“ ist zuwenig Neues drauf. Dann lieber ein Doppelalbum mit Demos, Live-Aufnahmen, Neueinspielungen und mehr unveröffentlichtem, aktuellem Material. Das rechtfertigt den Preis dann zumindest besser, auch wenn selbst dann immer noch Stänkerer bleiben werden. So bleibt mit „Far Behind“ immerhin die Hoffnung, dass das nächste Studio-Release den Musclecar namens „Social D“ noch ein wenig mehr aufbohrt und noch schneller die dreckigen Straßen von sonst wo runterbrettern lässt.

Wertung: 0=6 Sterne

Pressure Magazine
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