Label: Nix-Gut
Veröffentlichung: 04.2007

Gut, das hier ist der Abschwur, der Gegenbeweis, die Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen: Dieses Album bekommt die Höchstnote – und erscheint auf Nixgut. Damit wäre bewiesen, dass es doch gehen kann, damit wäre gezeigt, dass nicht alles, was das Schwabenlabel liefert, sinn- und hirnlose Demoaufnahmen aus der Garage sind und man auch zum ganz großen Wurf fähig ist. Das hier ist er, dieses Album zeigt, wie Deutschpunk Anno 2007 klingen muss, wenn man nicht vor dem Supermarkt schnorrend enden will, sondern etwas zu bewegen gedenkt. Propaganda Network wollen das und werden mit einem Release wie „Parole Parole Parole“ keine Schwierigkeiten haben, zu den Großen der hiesigen Punklandschaft aufzuschließen. Erst mal die Fakten: Propaganda Network kommen aus Haselünne, einem Kaff in der Nähe von Lingen, dem Hauptquartier des EMP-Versandhandels, seinerseits eine Art Ottokatalog für Metaller. Dort ist die Band seit 2001 unterwegs, ein Demo und zwei selbstproduzierte Longplayer sind das Ergebnis. „Parole Parole Parole“ ist das Debüt auf einem Label. Die Marschrichtung wird auf der Homepage klar angegeben: „Wütende Zeigefinger-Polemik, nachdenklich-emotionale, politische Analysen gesellschaftlicher Zusammenhänge“ – dass es sich hier um Politpunk handelt, muss weiter nicht erwähnt werden. Bleibt die Frage, ob es einseitig zur Sache geht und Themenfelder beackert werden, die schon lange keine Früchte mehr hervorbringen. Beides ist nicht der Fall, Progaganda Network kritisieren nicht nur die Zustände, die es zu ändern gilt, sondern auch das eigene Umfeld. „Was ist denn eine Linke die nicht handelt nur redet / Was ist schon eine Linke, die an Parolen zerpflücken verblödet?“ schreit Sänger R.P. Fröhlking im Opener „Ideale Reanimiert“ wütend jenen Genossen entgegen, die vergessen haben, dass Talk minus Action gleich Null ist. Guter Rat ist teuer, gleichnamiger Song sofort präsent. Mit „Konvexspiegel“ geht es in die gleiche Richtung weiter. „Ein Fortschritt zurück“ und „Andere Umstände“ beweisen, dass man nicht nur den Soundtrack zur Agitation liefert, sondern auch zu lyrisch anmutenden Texten fähig ist. Ein großes Sprachvermögen, kluge Gedanken, geschickt platzierte Zitate und stets eine Lösung, ein Angebot. Das ist es, was Propaganda Network vom handelsüblichen Mitbrüllschwachfug unterscheidet. Hier finden sich keine Lieder über Fussball, Ficken, Alkohol, hier wird zum Nachdenken gezwungen. Davon wird niemand ausgenommen, die eigenen Reihen genauso wie ewig-deprimierte Grufties („Marie“), selbst vor gewagten Vergleichen, etwa Putin und Tschetschenien mit dem Holocaust („Grosny“) wird nicht halt gemacht. Das hier ist eine verdammt mutige Band, die das Maul nicht hält und sich dabei von niemandem reinreden lässt. Allein schon dafür sollte es die Bestnote geben. Propaganda Network beweisen aber auch in musikalischer Hinsicht ein feines Gespür. Ähnlich wie die geistig Verwandten Nein Nein Nein beschränkt man sich nicht auf drei Akkorde. „Ein Fortschritt zurück“ wartet mit weiblichen Vocals auf, insgesamt kommt alles mehr melodisch als Hardcore rüber, auch wenn man durchaus dort reinschaut. Schnelle, geradlinige Akkorde führen in Verbindung mit den Texten dazu, dass ausnahmslos jeder der 12 Songs ins Schwarze trifft, genau dorthin, wo es weh tut. Hier und da werden Erinnerungen an Dritte Wahl wach, textlich ist man klar in der Ecke Slime verortet: Kritik nicht nur an der Umgebung, sondern auch den eigenen Strukturen. Das ist es, was viel zu vielen Bands heute abhanden gekommen ist. Das ist der Part, der wirklich schwierig ist und etwas mehr Hirnschmalz erfordert. Songs über den repressiven Staatsapparat, Faschos und Alkoholkonsum bringt jeder – Bands wie Progaganda Network fangen dagegen auf einem Level an, dass andere nicht mal in Blütezeiten ihrer Kreativität zu erbringen vermögen. Wenn Punk nicht tot sein will, muss er so aussehen – oder vor dem Supermarkt mit einer Pulle Oettinger verrotten.

Wertung: 0=6 Sterne

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