Gerbenok – Wer zuletzt lacht…

Eines vorneweg: Wenn man auf der Homepage von Gerbenok liest, dass die Band ihre Karriere mit Starthilfe des „Stolz & Stil“-Fanzines gestartet hat, dann kann an dieses Review nicht so recht unvoreingenommen herangegangen werden, schließlich tauchen im besagten Zine auch mal Bands à la Endstufe auf, auch wenn man sich ansonsten gerne unpolitisch gibt (darüber, wie lächerlich dieser Begriff an sich ist, reden wir mal gar nicht).

Selbiges gilt auch für „Gerbenok„: Nach außen hin alles clean, nix mit Politik am Hut, stattdessen eine Mische aus oi! und Streetpunk und das alles in einer Aufmachung, die sich eher an einfacher gestrickte Gemüter richtet.

Der erste Longplayer der dabei rumkam heißt „Wer zuletzt lacht…“ und eines ist schon vor dem ersten Durchlauf klar: Der zuletzt Lachende sind sicher alle anderen – nur nicht „Gerbenok“. Mit „Lasst die Musik leben“ gibt’s einen Einstieg, der weiter nicht weh tut, Songs über den Stolz auf die eigene Band/Szene sind schließlich nicht erst seit gestern totgehört. Gleiches gilt für den Nachfolger „Bootboys Sachsen-Anhalt“, wo in bekannter Reihenfolge die Klassiker „Hass auf die Gesellschaft“, „Freundschaft und Zusammenhalt“ und ähnliches abgeackert werden. In „Das Gesetz“ macht man dann klar, dass Bullen allesamt Schweine sind. Ist doch immer schön zu sehen, was ein Slime-Song noch 20 Jahre nach seinem Erscheinen für eine Wirkung selbst auf Sachsen-Anhalts Skinheadszene haben kann.

Schade, dass man sich nicht auch musikalisch an den Hamburgern orientiert hat und stattdessen oi! auf Proberaumniveau darbietet, der weder besonders druckvoll rüberkommt noch zu irgendetwas animiert (Tracks überspringen ausgenommen). Das geht dann die nächsten Songs über auch so weiter, mal wird Gewalt heroisiert und auf hart gemacht, dann gibt’s eine Prise Sozialkritik oder -Romantik, am schönsten dargeboten in der Möchtegern-Ballade „Wo sind die Tage“.

Nun ja, Kreativität und deutscher oi! sind zwei Dinge, die die letzen Jahre über selten zueinander fanden, bis hierhin könnte man der Band noch solide drei Sterne geben, es reißt niemanden vom Hocker, tut aber auch nicht weiter weh, halt die typische Musik für anspruchslose Glatzen, die es gern prollig und dumm mögen. Wäre da nicht „Die neuen Hippies“ – der Titel meint HipHopper, die man natürlich grundlos ablehnt oder als Scheingründe deren Kifferei und mangelnden Stil in Sachen Kleidung vorschiebt. Könnte man mit Leben, aber eine Songzeile dieser Marke lässt dieses Review dann ganz schnell kippen: „Das soll jetzt nicht rassistisch klingen, doch es ist nun einmal so / Irgendwelche Asylanten dealen auf dem Bahnhofsklo / Mit langem Haar und schöner Bräune stehn sie an der Litfaßsäule / Schicken Kinder auf den Strich, doch das interessiert euch nicht„.

Gut „Gerbenok„, belassen wir es einfach dabei, brechen wir das hier ab, denn sonst wird es böse. Dass es mit der eigenen Denkleistung nicht sehr weit her ist, beweisen die vorhergegangenen Songs, doch mit diesen Zeilen ist eine Grenze überschritten. Da kann noch so oft gesungen werden, dass man mit Extremen beider Richtungen nichts zu tun haben will.

Sorry, dass sind jene Sprüche, die in einer Reihe mit Meinungen à la „Als Deutscher darf man nichts mehr sagen“ stehen – und darüber gibt’s keine Diskussion, denn die ist schon gestorben, nachdem man bewusst Worte wie „Asylanten“ wählt. Und hey – man sollte sich nicht über HipHopper stellen, wenn der eigene Text nicht mehr hergibt als die Lyrics eines Aggro-Berlin-Stars. Und das gilt auch für die restlichen Songs von denen bestenfalls noch der Loikämie-Diss in „Abschaum der Szene“ Erwähnung verdient. Denn während die Plauener trotz dunkelbraunster Vergangenheit mittlerweile die wichtige Funktion haben, den Prolls und geistig etwas weniger Starken zu zeigen, dass es eben nicht ok ist, Proll zu sein und nichts gegen Rechts zu unternehmen, schaffen „Gerbenok“ das nicht mal im Ansatz.

Stattdessen werden Leute, die gerne mal eine „Kategorie C“ und Konsorten auflegen, dabei aber immer betonen, dass sie mit Extremen links oder rechts nichts zu tun haben wollen, sicher ihre Freude mit der Platte haben.

Entsprechend verdient erhalten „Gerbenok“ mit der schlechtesmöglichen Bewertung also den Arschtritt zurück nach Sachsen-Anhalt, wo sie gerne den ganzen Tag stolz sein können, über Gewalt und Hass singen und dabei ganz doll Skinhead sein. So lange keine neue Platte dabei rumkommt, soll es hier nicht weiter Erwähnung finden.

Review von Volker Bonacker

Pressure Magazine
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