Label: Rookies & Kings (Intergroove)
Veröffentlichung: 29.04.2011
„…Der Antiheld ist zumeist eine passive, resignative oder generell eigenschaftslose Person, die getrieben wird und den Einflüssen der Umwelt ausgesetzt ist – der Antiheld ist nicht in der Lage, Entwicklungen und Ereignisse aktiv zu beeinflussen…“ heißt es einer Definition der Literaturwissenschaft. „Antihelden sind in der modernen Literatur oft Comicfiguren und unterscheiden sich vom positiven Helden und vom sogenannten negativen Helden, der zusätzlich eine Tendenz zur Selbstzerstörung aufweist“. Nun gut – sofern der Titel des Albums die Identität der Band widergibt, kann man davon ausgehen, dass uns Serum 114 aus der Nähe Frankfurts dann hoffentlich noch einige Zeit erhalten bleiben.
Was auch zu erwarten ist nachdem die Band bereits zum Release des ersten Albums mit namhaften Bands Tourneen absolvierte und mit Bodog Music ein internationales Label im Rücken hatte. Mit dem zweiten Longplayer ist dies anders. Bodog hat sich nach der Finanzkrise vom deutschen und europäischen Markt zurückgezogen, was die Jungs von Serum 114 schnell zwang in eigener Regie aktiv zu werden. Man spielte weiter Unmengen an Konzerte, knüpfte Kontakte und schaffte sich damit eine Fanbase, die im deutschsprachigen Raum angesiedelt ist und die sich im Umfeld von Rock, Punk und Metal mit deutschen Texten wohl fühlt. So entstand auch ein enger Kontakt zu den Tirolern von Frei.Wild, die die Band schon mehrfach auf Touren supportete und schlussendlich auch mit dem neuen Album unter dem hauseigenem Label Rookies & Kings unter die Fittische nahm.
Der Opener „Die Stadt die wir lieben“ trägt sofort vor, was Programm ist bei den vier Jungs: melodische Punkrocksongs mit sägenden Gitarren, Reibeisenstimme in Deutschrockermanier und treibende Drums, die den musikalischen Konsenz akkurat und stilsicher nach vorne hauen. Eine Mitsinghymne mit eingängigen Melodiepassagen, hookigem Refrain in knackiger Länge, bei der man nichts falsch macht. Die zweite Nummer „Ich bin so“ könnte eine moderne Ich-Erzählung aus Sicht des proklamierten Antihelden sein, der sich in seiner Zerrissenheit Drogen, Alkohol und Frauen hingibt. Von Sänger Christian „Esche“ Eschweiler vorgetragen wirkt der Song fast wie eine Selbstaussage mit Anspielungen an vergangene Zeiten und man fragt sich erstmals: wie viel des Konzepts des Albums, das unanzweifelbar ein Konzeptalbum ist, ist echt, ist authentisch und steht für die Band? Ein Gefühl, das beim Durchhören immer wiederkehrt.
Musikalisch bewegt man sich in Gefilden zwischen Anarcho-Attitüden a la Slime, denen man mit „Bruellen, Zertruemmern und weg“ auch eine sehr geile Laudatio erwies, bis hin zu deutschrock- und punkrock-Gegenden der großen Zwei (Die Ärzte, Die Toten Hosen), und Ami-Punkrock wie Social Distortion – aber mit tendenziell saubereren Absichten. Was ich damit meine? Nun dazu gleich. Der Sound der Platte ist definitiv gelungen: eine Produktion, die schiebt, sägt und röhrt, wenn man von Bässen, Gitarren und Vocals spricht – Rückkopplungen, Soli und Breaks schaffen Dynamik und Abwechslung und geben ein zerklüftetes Gesamtbild ab.
Nun die Erklärung der sauberen Absichten: das Gesamtbild ist und bleibt perfektionistisch, poppig und wirkt nun mal nur dirty. Ist aber nicht wirklich dirty. Wem es auffällt – schön. Wem es nicht auffällt – who cares?
Songtitel wie „Alphatier“, „Hängt sie höher“, „Typen wie wir“ und „Der Weg, den die Verlierer gehen“ haben eine klare Sprache und sprechen aus dem Herzen des Protagonisten und auch des Zuhörers. Der Antiheld bekommt ein Gesicht, das sich unter Yuppies, Finanzhaien, Schönmenschen und den normalen Bürgern dieser Nation nicht wohl fühlt. Die Angst vor dem Gefängnis (Angst), Kritik an Kritikern (Immer Gleich), nervende Gangster-Idioten (Alphatier), Schlägereien und Vorurteile (Typen wie wir) und die Kluft zwischen Reichen und Armen (Hängt sie höher) sind die Themen, die den Protagonisten antreiben, dem Antihelden einen Charakter geben.
Das Layout, das man als Adaption von Frank Millers Film-Noir-Ästhetik gepaart mit Konturen von Horrorfiguren wie Iron Maidens Eddie und eigenen Popart-ähnlichen Kleckselementen bezeichnen könnte, verdient eine Erwähnung aufgrund der vielen Details. Ziemlich aufwendig, wenn auch etwas willkürlich zusammengewürfelt, stellt es den Antihelden nach dem Kauf plakativ und aufdrängend ins Regal, versprüht dabei einen Hauch von Punk, Rock’n’Roll und Punkrock – wenn auch scheinbar nach klarem Konzept.
Stört es einen nicht, dass diese Band anscheinend hochprofessionell und weniger aus dem Bauch heraus an Konzeptionierung und Umsetzung ihrer Ideen herangeht, dabei etwas Authentizität einbüßt und ein paar Längen produziert, der findet hier eine satte Scheibe mit vielen geilen Refrains zum Mitsingen in fettem Soundgewand und in aufwendiger Optik. Insgesamt Daumen hoch für ein interessantes Konzeptalbum im Deutschpunk-Bereich.
Review von Oliver Teutsch
Interview: Serum 114 Sänger Esche im Interview zum Antiheld-Album