DER W - Live im Admiralspalast (W Entertainment)
DER W - Live im Admiralspalast (W Entertainment)

Atmosphäre statt Härte: Weidners Akustik-Tour in Berlin ist wurde auf Doppel-CD und Blu-ray einfangen – minimalistisch inszeniert, groß im Gefühl, Gänsehaut garantiert.

Ein voller Saal, schallender Applaus von ca. 10.000 Menschen, dann der Einsatz von Violine und Cello. Der imaginäre Vorhang des Abends wird mit dem musikalisch opulenten „Air“ von Sebastian Bach geöffnet. Der Saal glüht in warmem Licht, das Bühnenbild ist auf das Nötigste reduziert – keine Türme aus Boxen, nur Stühle, Notenständer, ein paar Mikrofone. Ein kurzes Signal von Stephan Weidner, die markante Stimme greift ins Halbdunkel – und der Admiralspalast verwandelt sich in ein Kammermusik-Set.

Akustik Tour – Live im Admiralspalast“ dokumentiert die ruhige Seite vom Böhse-Onkelz-Chef Stephan Weidner, der unter dem Synonym DER W neben seiner populären und meißt kontrovers diskutierten Hauptband, zwar Solo, aber nicht alleine rockt.

Über 10.000 Besucher erlebten im Jahr 2024 diese entschleunigte Variante, nun erscheint der Berlin-Mitschnitt als Doppel-CD plus Konzert-Blu-ray samt Doku am 28.11.2025 – pünktlich zum Start der Onkelz-Tour.

Erwartbar groß die Frage: Tragen Weidners kantige Solostücke ohne Lärmmauer? Das Release liefert eine klare Antwort, denn hier wird nicht einfach der Strom gezogen; die Songs sind neu gedacht, mit kleinem Streicherensemble und einem Band-Line-up, das Erfahrung atmet. Neben Gitarrist Dirk Czuya stehen u. a. Markus Paichrowsky (Gitarre), Sven Berger (Bass) und Peter Zettl (Drums) auf der Bühne. Die Streicher – Violine: Anne Eberlein und Ralf Hübner, Cello: Philipp Hagemann und Conny Walther – geben der Musik den Rahmen, den sonst Amps und Becken liefern.

Sound & Produktion

Die Klangregie setzt auf Transparenz. Akustikgitarren mit sattem Mittenbauch, ein knurriger, gern gezupfter Bass, Besen am Snare-Fell – alles atmet. Der Mix vermeidet Totkompression und nutzt die natürliche Hallfahne des Saals als Instrument. Weidners Stimme steht trocken und nah, mit dem bekannten rauen Korn; man hört die Luft vor der Silbe.

Die Streicher sind nicht Zuckerkranz, sondern Motor: Pizzicati treiben, Flächen tragen Refrains in eine neue Größe. Auf der Blu-ray unterstützt die Kameraführung den Ansatz: lange, ruhige Einstellungen, stimmige Lichtstimmungen, keine Clip-Hektik. Das ist modern produziert, aber mit Respekt vor Dynamik – Live-Gefühl statt Studio-Politur.

Weidner & Czuya: Warum dieser Symbiose funktioniert

Dass diese Akustik-Reise so geschlossen wirkt, hat viel mit Dirk Czuya zu tun – seit den frühen DER-W-Touren verlässlicher Sparringspartner, Live-Gitarrist und Ideengeber. Weidner holte ihn schon 2009 fest ins Bandgefüge; später zeichnete Czuya beim Studioalbum „IV“ sogar als Co-Produzent mitverantwortlich – ein Hinweis darauf, wie sehr sein Gitarren- und Arrangementgespür den Sound prägt.

Czuya bringt einen bunten Stammbaum mit: 1974 in Hamburg geboren, früh an der Gitarre, Tourerfahrung quer durch Europa, Asien und Südamerika. Stationen u. a. bei Orange BlueKingdom ComeLacrimosa und lange in der Jessy Martens & Band, mit der er im deutschen Blues-Kosmos Preise einsammelte. Dieses Profil – Blues-Feeling plus Hard-Rock-Schärfe – hört man in seinen Linien und Voicings, die hier die Streicher nicht zukleistern, sondern dialogfähig machen.

Musikalisch ergänzt er Weidners Direktheit mit Eleganz: Wo der Frontmann Kanten setzt, polstert Czuya mit offenen Akkorden, Gegenmelodien und kleinen Pizzicato-Antworten auf die Streicher. Live wirkt er oft wie ein musikalischer Regisseur am Seitenrand – jemand, der Übergänge plant, Tempi atmen lässt und Refrains einen zusätzlichen Atemzug schenkt. 

Genau das passiert im Admiralspalast: Weniger Show, mehr Substanz – und eine Partnerschaft, die aus rohem Material eine erwachsene, atmende Dramaturgie baut.

Songs & Texte aus der Feder des W

Der Abend spannt in gut zwei Stunden den Bogen durch das W-Repertoire. Nach dem Bach-Auftakt „Air“ – hübsch als Selbstironie des Ex-Krawallmachers – rollt „Geschichtenhasser“ mit perkussivem Picking an und beweist, dass man Größe auch ohne Marshall-Verstärker-Wand erzeugen kann. „Mehr!“ wirkt befreit vom Marschtritt; die Streicher weiten den Refrain, ohne ihn weichzuspülen. „Kafkas Träume“ hebt sich als magisches Highlight des Albums hervor und zeichnet düstere Akkordfarben – das Cello hängt sich an Schlüsselzeilen, bis es knirscht. In „Justitia“ steht der Text im Vordergrund: Das Arrangement nimmt Druck weg, lässt Worte arbeiten – ein guter Tausch.

Auf CD 2 überzeugt „Neuland (Erinnerung ist Sperrgepäck)“ als Musterbeispiel fürs Akustik-Design: intim begonnen, Schicht für Schicht aufgebaut, am Ende trägt der ganze Raum. „Schlag mich (bis ich es versteh’)“ verliert elektrische Aggression, gewinnt eine unkomfortable Nähe – genau richtig für den schweren Inhalt.

Machsmaulauf“ funktioniert als gezupfter Appell, das Publikum hört man innerlich stampfen. „Der Hafen“ beschließt als ruhige Heimkehrnummer mit weit gezogenen Streichern – eleganter Schlussakkord statt letzter Faust.

Textlich bleibt Weidner bei den bekannten Themen: dem brechen innerer Widerstände, dem Erhalt von Werten und Familie („Ein Lied für meinen Sohn“), Kampf mit der eigenen Biografie und die kleinen Prozesse vor dem großen Urteil („Briefe an mich selbst“). Es ist direkt, oft prosaisch, selten verkleidet – getragen von der Stimme, die Pathos erdet.

Das mitgelieferte Booklet und die zusätzlich enthaltene Video-Doku beantworten etwaige Fan-Fragen: Wer hat arrangiert? Wie wird ein Rockmusik-Set in eine Akustik-Dramaturgie übersetzt? Wie viel Raum lässt man dem Saal? Es sind rare Einblicke in Arbeitsweise und Entscheidungswege – angenehm unglamourös, dafür ehrlich.

Highlights:

  • Arrangements mit Sinn: Die Streicher ersetzen nicht nur den Strom, sie schaffen Dramaturgie. Viele Refrains gewinnen an Weite – „Neuland“ und „Geschichtenhasser“ vorneweg.
  • Mix & Raum: Endlich ein Live-Ton, der Dynamik zulässt. Leise Stellen sind wirklich leise; dadurch wirken die Ausbrüche groß.
  • Blu-ray & Doku: Schlichte, starke Bilder. Die Zusatzdokumentation liefert echte und interessante Produktions-Einblicke.

Fazit

Dieses Konzertdokument ist das wohl konsequenteste Kontrastprogramm, das DER W bislang veröffentlicht hat: Atmosphäre statt Härte, Kammersaal statt Krach. Dank starker Band, kluger Streichersätze und einer Produktion, die den Raum als Mitspieler behandelt, funktioniert das Akustik-Format verblüffend gut. Für Fans ohnehin Pflicht – nicht zuletzt wegen der wertigen Blu-ray samt Blick hinter die Kulissen.

Review von Marcus

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DER W – TOUR 2026 – Alle Termine:

05.03.2026 – Köln, Essigfabrik
06.03.2026 – Oberhausen, Turbinenhalle 2
07.03.2026 – Münster, Jovel
09.03.2026 – Magdeburg, AMO Kulturhaus
10.03.2026 – Berlin, Astra Kulturhaus
11.03.2026 – Rostock, M.A.U. Club
13.03.2026 – Herford, Kulturwerk
14.03.2026 – München, Kesselhaus (Hochverlegt!)
15.03.2026 – Nürnberg, Löwensaal (Hochverlegt!)
16.03.2026 – Dresden, Alter Schlachthof 18.03.2026 – Leipzig, Haus Auensee
19.03.2026 – Erfurt, Central Club 20.03.2026 – Neu-Isenburg, Hugenottenhalle
21.03.2026 – Hannover, Capitol

Tickets: https://www.myticket.de/de/der-w-tickets
https://www.eventim.de/artist/der-w/

DER W im Netz: Website: https://www.der-w.de
Offizielles Merchandise: https://der-w-shop.de

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