Arctic Monkeys – Suck it and see

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Label: Domino Records / Goodtogo
Veröffentlichung: 03.06.2011

Es ist, als würde man einen alten Schulfreund nach Jahren wiedertreffen. Den hatte man mal sehr gerne. Damals hat man gemeinsam den Klassenlehrer geärgert, sich auf den Abi-Parties richtig betrunken und immer allerhand Schabernack getrieben. Dann hat man ihn aus den Augen verloren. Jahrelang. Plötzlich taucht er wieder auf, steht vor einem und man hat sich leider nur noch wenig Zu sagen. Während man selbst noch die gleichen schlechten Witze macht und regelmäßig Helge Schneider und Loriot zitiert, zieht der Schulfreund nur müde die Mundwinkel nach oben. Alex Turner könnte so ein alter Freund sein. Den hat man eigentlich nur zwei Jahre nicht mehr gesehen beziehungsweise gehört und dennoch ist jetzt schon plötzlich alles anders. Dabei war es eigentlich ein schleichender Prozess statt einem großen Knall. Schon „Humbug“ war irgendwie anders als seine Vorgänger. Ruhiger, gelassener und ohne den typischen Monkeys „Wumms“. Und nun ist der Prozess weiter fort geschritten. „Suck it and see“ ist noch mal entspannter. Vielleicht liegt es an der Sonne Los Angeles, wo das Album aufgenommen wurde.

 

Alles sollte bei „Suck it and see“ perfekter und durcharrangierter sein, lassen die Arctic Monkeys verkünden. Weniger ulkiger Affe und mehr alter Hase. Sie kennen ja schließlich das Business und sind älter geworden. Alles durchaus nachvollziehbar. Auch die Hörer sind schließlich mitgewachsen. Und dennoch, als alter Freund fühlt man sich beim Hören enttäuscht. „Suck it and see“ erinnert wenig an die energischen und frischen Zeiten. Die Stimme von Alex Turner ist tiefer geworden. Vor dem Album haben sie viel John Cale und Velvet Underground gehört, sagt Turner.  Und er gibt zudem an, sich vor Entstehung für „Country-Musik“ begeistert zu haben.

 

Die Country-Elemente sind zum Glück so hauchdünn ausgefallen, dass man sie, wenn man es vorher nicht wusste, kaum bemerkt. Trotzdem fehlt es besonders den Songs „She’s Thunderstorms“ und „Black Treacle“ am alten „Wumms“. Lichtblicke hingegen zeigen sich bei „Don’t sit down ’cause I’ve moved your chair“ und „Library pictures“. Hier sind die Gitarren härter und lauter und klingen ein bisschen nach gutem Ami-Rock wie von den Queens of Stone Age. Bei dem Song erinnern auch die Lyrics an die lustigen, verrückten Zeiten der Affen: „Wear your shell suit on bonfire tonight“ oder auch andere sinnvolle Weisheiten, wie „Do the Macarena in the devil’s lair“. Die letzten vier Nummern, darunter auch der Titelsong „Suck it and see“, hätten es auf ihren Vorgängern wohl kaum auf die B-Seite geschafft. Turner zufolge seien die Songs auf diesem Album weniger autobiografisch. Vielleicht ist das der Grund, warum die Platte kaum mitreißt und man von Song zu Song auf ein „Old yellow bricks“ oder „Fluorescent Adolescent“ hofft. Dieses Warten bleibt leider hoffnungslos. Unser alter Freund Turner ist halt seriös geworden. Nur leider ohne uns.

 

Review von Jill Wagner

Wertung: 0=3 Sterne