
Wenn es derzeit eine Band gibt, deren Stern unaufhaltsam steigt und die diesen Erfolg mehr als verdient, dann sind es Turnstile aus Baltimore, Maryland. Ursprünglich als lupenreine Hardcore-Truppe gestartet, öffnen sie seit ihrem Durchbruchsalbum „Glow On“ (2021) ihre Klangwelt hin zu sphärischen, fast träumerischen Soundflächen und mit diesen wandelt sich auch die Ästhetik von Hinterhof-Gigs zu 90er-Alternative-Vibes. Wie sich das in der Praxis anfühlt, zeigt ihre Tour zum neuen Album „Never Enough“ (2025), die das Quintett nun auch nach München führt.
Im Gepäck haben Turnstile gleich zwei Support-Acts. Den Anfang machen High Vis aus London, die klassischen Hardcore-Punk mit britischer Note servieren und damit ganz nach dem Geschmack von Turnstile-Fans der ersten Stunde. Schon hier wird es vor der Bühne eng und schweißtreibend, während im hinteren Teil nach und nach die Besucher von ihrem Feierabend eintreffen.
Ihnen folgt das Duo The Garden aus Orange County, Kalifornien. Ein Act, der die beiden Pole verkörpert, zwischen denen sich Turnstile heute bewegen. Während High Vis noch geradlinig nach vorne preschen, bleibt bei The Garden nahezu unvorhersehbar, was als Nächstes aus den Boxen kommt. Der wilde Mix aus Punk, Synthie und Pop ist zwar reizvoll und unkonventionell, fordert aber die Konzentration des Publikums und lässt die Ohren nach einiger Zeit ermüden.
Doch kurz darauf betritt mit Turnstile die Hauptattraktion die Bühne, begleitet von den träumerischen Klängen des Openers „NEVER ENOUGH“, und liefert genau das, was man von ihnen erwartet: zerbrechliche, fast schon ätherische Momente, die ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubern, im nahtlosen Wechsel mit Hardcore-Riffs, die wie automatisch Moshpits entfachen. Und trotzdem schallt jeder Textfetzen lautstark zurück zur Bühne.
Das Set steht klar im Zeichen des „neuen“ Sounds: Acht Songs von „Never Enough“ und sieben von „Glow On“ bilden das Herz des Abends. Es ist genau jener Sound, der der Band dieses Jahr ganze fünf Grammy-Nominierungen eingebracht hat. Dennoch verzichten Turnstile nicht auf Blicke in die Vergangenheit: „Drop“, „Come Back For More“ oder „Pushing Me Away“ sorgen für glückliche Nostalgie unter langjährigen Fans.
Während dieser bunte Strauß aus Hardcore, Shoegaze und Pop durch die Gehörgänge fegt, kommt der Pit keine Sekunde zur Ruhe. Beim finalen „BIRDS“ steigt schließlich das Publikum gefühlt geschlossen zu den Musikern auf die Bühne, um als Kollektiv das Ende des Abends zu feiern.
Vom ersten bis zum letzten Moment zeigt sich: Turnstile nähern sich zwar selbstbewusst dem Mainstream, verleugnen aber nie ihre Wurzeln. Sie verbinden wilde Energie mit einer positiven, offenen Atmosphäre, die man in den von ihnen bedienten Genres selten findet: innovativ, nahbar, sympathisch. Wenn die Grammy-Nominierungen demnächst zu Auszeichnungen werden, dürfte der nächste Schritt auf der Karriereleiter nicht lange auf sich warten lassen. Und die nächste Welle neuer Fans ebenso wenig.
Konzertbericht von Igor Barkan





























