DEFTONES Bild: Wasserman Music
DEFTONES Bild: Wasserman Music

Die Deftones sind aus vielerlei Gründen eine faszinierende Band. Zum einen sind sie deutlich länger aktiv, als man es ihnen oft zuschreibt: Bereits 1988 rauften sich die (damals wortwörtlichen) Jungs zusammen und gründeten eine der prägendsten Nu-Metal-Bands überhaupt. Zum anderen scheinen sie, trotz ihres inzwischen durchaus respektablen Alters, gerade eine Art zweiten Frühling zu erleben. 

Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man eine der restlos ausverkauften Shows der aktuellen Tour zum Album private music besucht, etwa im Münchner Zenith. Erwartet man als langjähriger Fan vor allem eine Armada alternder Millennials, wird man von einem auffallend jungen, sehr weiblich geprägten Publikum überrascht. Dieser frische Enthusiasmus überträgt sich spürbar und kommt auch auf der Bühne an. 

Um den Spagat zwischen Generationen und Geschmäckern zu meistern, sind die Deftones natürlich nicht allein nach Europa gereist. Den Auftakt übernehmen Drug Church, die mit hemdsärmeligem Post-Hardcore früh die ersten Pits entzünden und mühelos zu Singalongs animieren. Bei extrem eingängigen Tracks wie „Myopic“ oder „Weed Pin“ ist das wenig verwunderlich: Die Energie schwappt von der PA direkt in die Menge und ebenso unmittelbar wieder zurück. Perfekt aufgewärmt geht es anschließend direkt weiter, allerdings mit deutlichem Kontrastprogramm. 

Nu Metal war von Beginn an stark von Hip-Hop-Kultur geprägt. Sei es durch Ästhetik, Beats oder echte Rap-Parts. Entsprechend folgerichtig wirkt es, einen Künstler aus genau dieser Szene mitzunehmen. In diesem Fall: Denzel Curry. Der Rapper machte sich zunächst mit Cloud Rap einen Namen, bevor er sein musikalisches Spektrum um Hardcore-, Southern-Rap- und Trap-Elemente erweiterte. Aus genau diesem wilden Gemisch speist sich auch sein hochenergetisches Set, das kaum Zeit zum Durchatmen lässt und eindrucksvoll beweist, dass auf synthetischen Sounds basierende Tracks ebenso mitreißend sein können wie Gitarrenmusik. Curry weiß zudem genau, vor welchem Publikum er steht und feuert nicht ohne Grund sein Cover von „Bulls on Parade“ (Rage Against the Machine) ab. Das Eskalationsniveau steht dem von Drug Church in nichts nach, doch der Headliner des Abends steht noch aus. 

Die Deftones betreten pünktlich mit „Be Quiet and Drive (Far Away)“ die Bühne und setzen damit sofort das Energielevel, das sie bis zur letzten Sekunde halten. Das liegt nicht nur an der offensichtlichen Spielfreude der Band, sondern auch an einem klug zusammengestellten Set, das durchaus als Statement gelesen werden kann. Natürlich fehlen große Klassiker wie „Diamond Eyes“ oder „Change (In the House of Flies)“ nicht. Gleichzeitig besteht rund ein Drittel des Sets (sieben Songs) aus Material des aktuellen Albums private music. 

Das mag auf einer Albumtour zunächst selbstverständlich klingen, ist es aber keineswegs. Viele Bands derselben Generation sind längst zu reinen „Legacy Acts“ geworden, die sich fast ausschließlich auf ihre Klassiker verlassen und neues Material nur sparsam einstreuen. Der Grund ist bekannt: Ein stagnierendes Publikum, das vor allem die Songs seiner Jugend hören will. Bei den Deftones liegt der Fall anders. Wie bereits erwähnt, ist die Fanbase in den letzten Jahren massiv gewachsen. Viele der jüngeren Besucher erleben neues Material hier vermutlich erstmals bewusst und feiern es entsprechend euphorisch. Diese Begeisterung beruht auf Gegenseitigkeit: Nur wenige Bands dieses Alters genießen den Luxus, für neue Songs ebenso gefeiert zu werden wie für alte. 

Einen kleinen Kratzer erhält der Abend lediglich durch einen Zwischenfall, für den die Band selbstverständlich nichts kann. Während des Songs „Genesis“ kollabiert eine Zuschauerin in der Menge und muss von Sanitätern aus dem Publikum gebracht werden. Die Länge des Einsatzes und der Ernst der Lage lassen kurz die Sorge aufkommen, dass ein bis dahin großartiges Konzert mit einem bitteren Beigeschmack enden könnte. Doch zur Beruhigung aller wird klargemacht, dass die Band darauf besteht, den Abend wie geplant zu beenden. Nach rund 20 Minuten folgt daher die Zugabe, ohne sie so zu nennen, mit gleich vier Highlights: vom aktuellen „milk of the madonna“ über „Cherry Waves“ bis zum (zum Glück) unvermeidlichen „My Own Summer (Shove It)“. Das große Finale gehört jedoch jenem Song, der die Karriere der Band einst ins Rollen brachte: „7 Words“. Ein vor Energie berstender Abschluss, der einen entweder direkt zurück in die 90er katapultiert oder den jüngeren Fans zumindest eine Ahnung davon vermittelt, was diese Ära musikalisch ausgemacht hat. 

Mit diesem Zirkelschluss und einer durchweg starken Performance dürfte klar sein: Der zweite Frühling der Deftones hat das Potenzial, ein langer Sommer zu werden. Die neu gewonnenen Hörer wurden an diesem Abend mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Fans auf Lebenszeit und warten nun ebenso gespannt auf das nächste Album wie auf die nächste Tour. 

Konzertbericht von Igor Barkan 

Kommentiere den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte Namen eingeben