
Was für eine Woche für Münchens Metal- respektive Deathcore-Fans. Kaum haben Lorna Shore gefühlt das Zenith verlassen, rollt nur wenige Tage später schon der nächste Tross an: Slaughter to Prevail. Auch sie zählen zur neuen Speerspitze ihres Subgenres und haben, wie schon die Kollegen zuvor, hochkarätige Unterstützung im Gepäck.
Den Auftakt machen Suicide Silence. Eine Band, die gemeinhin als Mitbegründer des modernen Deathcore-Sounds gilt und zu ihren Hochzeiten wohl die populärste Formation des Genres war. Damals hätte man sich kaum vorstellen können, dass sie eines Tages als Support für eine vergleichsweise junge Band wie Slaughter to Prevail in einer ausverkauften Halle spielen würden. Doch Zeiten ändern sich, und eine neue Generation lechzt nach immer extremeren Klanggewittern.
Das sieben Songs starke Set wirkt daher wie eine Rückbesinnung auf die eigene DNA. Eröffnet und beendet wird die Show mit den wohl legendärsten Tracks des Debüts The Cleansing: dem beinahe grindcore-esken „Unanswered“ und „No Pity for a Coward“, jenem Song, der sie einst aus dem Underground katapultierte. Dazwischen dominieren Stücke aus den ersten drei Alben. Also aus der Ära des verstorbenen Mitch Lucker. Lediglich „Love Me to Death“ bildet die Ausnahme; es ist der einzige Song des Abends, der ursprünglich mit Eddie Hermida eingesungen wurde. Dass kein einziger Track vom aktuellen Album „Remember… You Must Die“ vertreten ist, unterstreicht dabei eine interessante Entwicklung: Auch Bands der 2000er sind inzwischen Legacy-Acts. Die Show ist keineswegs schwach, das Publikum dankt es mit reichlich Bewegung, doch der Fokus liegt klar auf der Vergangenheit.
Noch weiter zurück in der Zeit geht es mit Dying Fetus. Gemeinsam mit Suffocation gelten sie als Urväter jener Sound-Elemente, aus denen später der Deathcore erwuchs. Zwar haben sie selbst nie alle genretypischen Zutaten in Reinform kultiviert, doch ohne ihre brutalen Slam-Passagen, den gutturalen Gesang und die stakkatohaften Strukturen stünden weder Suicide Silence noch Slaughter to Prevail heute dort, wo sie stehen.
Ihr Set ist eine kompromisslose Lehrstunde in Old-School-Death-Metal. Keine kalkuliert eskalierenden Breakdowns, keine überbordende Vocal-Akrobatik. Stattdessen rohe, direkte Gewalt. Auch die Songtitel lassen keinen Zweifel an der Marschrichtung. Neben Klassikern wie „Kill Your Mother, Rape Your Dog“ steht mit „Into the Cesspool“ auch neueres Material auf der Liste. Wie schon zuvor bei Suicide Silence wirkt auch dieser Auftritt wie eine Verneigung vor den Wurzeln und gleichzeitig wie musikalischer Unterricht für das Publikum.
Wofür die Mehrheit der Anwesenden allerdings gekommen ist, zeigt sich spätestens, als über die PA Mo-Dos „Eins Zwei Polizei“ läuft. Die 90er lassen grüßen. Diesmal allerdings anders als gedacht. Der augenzwinkernde Gruß ans deutsche Publikum funktioniert, die Stimmung kippt endgültig ins Erwartungsvolle.
Dann fällt der Vorhang. Maskiert stürmt die komplette Slaughter-to-Prevail-Entourage um Frontmann Alex Terrible auf die Bühne und hämmert „Bonebreaker“ ins Zenith. Ohne Luft zu holen folgen „Banditos“ und „Russian Grizzly in America“. Das Tempo bleibt unerbittlich: 13 Songs, ergänzt durch ein Drum-Solo, durchziehen das Set wie ein einziger, massiver Schlag. Masken werden gewechselt oder abgelegt, Pyros zünden, Circle Pits rotieren im Dauerbetrieb.
Zeit zum Durchatmen gibt es kaum. Phasenweise wirkt es, als führe die Band einen akustischen Vorschlaghammer spazieren, der ohne Ermüdung durch die Gehörgänge pflügt. Zwischentöne? Fehlanzeige – und sie werden auch nicht vermisst. Mit „Demolisher“ setzt die Band nicht nur den finalen Akzent, sondern liefert zugleich das programmatische Fazit des Abends: kompromisslos, brachial, effektiv. Nach dieser Woche dürfte klar sein, dass München auch künftig regelmäßig zum Schauplatz solcher Abrissarbeiten wird.
Igor Barkan
Fotos von Lutz / WeArePhotographers






































