Toxpack Berliner Streetcore Punkband

Es ist bitterkalt an diesem ersten Dezember-Wochenende in Berlin. Der Ostwind pfeift durch die Straßen, er spickt, wo er die Haut berührt. Und genau hier kommen sie her und gehören sie hin, die fünf Berliner Urgesteine, die seit 2001 zusammen Musik machen. Die Rede ist von Toxpack – Deutschlands Streetcore-Band Nummer Eins.

Ihren Sound beschreiben sie als eine Mixtur aus Hardcore, Punk, Rock’n’Roll und einer Prise Metal. Ihre Texte kennen kein Pardon. Musik – so ungemütlich wie eine Berliner Winternacht.

Nach einigen Treppen und drei schweren Sicherheitstüren, steht man vor einer weiteren verschlossenen Tür im Backstage-Labyrinth des SO36s. „TOXPACK ONLY“ steht an diesem Abend in fetten Lettern an ihr zu lesen. Es ist diese Tür, hinter der sich die Band vor der wachsenden Unruhe, wie sie vor einem jeden Konzert herrscht, zurückziehen kann.

Dahinter verbirgt sich ein kleiner Raum. Ein altes Sofa, ein paar Stühle, ein Tisch, gedimmtes Licht – nahezu gemütlich ist es hier. Sänger Schulle ist gerade dabei, sich einen „Spickzettel“ für die Show zu schreiben und auf den ersten Blick ist klar, das muss der Typ sein, vor dem Eltern ihre Kinder warnen. Bulliges, breites Kreuz, Ziegenbart und derart kräftige, tätowierte Arme, dass er locker zwei erwachsene Männer unter ihnen verhungern lassen könnte. Nein, von dem sollte man sich keine Schokolade schenken lassen.

Zapfenstreich

Doch kaum fängt er an zu erzählen, flutet er den Raum mit einer derart herzlichen Ausstrahlung, wie sie einem nicht alle Tage begegnet. Immer wieder fliegt die Tür auf, weil jemand eine „kurze Frage“ hat, doch der sympathische Sänger mit den Lachfältchen an den Augen, ist einfach nicht aus der Ruhe zu bringen. Im Gegenteil, hier und da gerät er richtig in Plaudern. So erzählt er zum Beispiel, dass er sich bald unters Messer legen muss und schon ein bisschen Bammel davor hat. Sein Zäpfchen schwillt nämlich dauernd an und mit dem zeitweise tischtennisballgroßen Klumpen im Hals kann er auf Dauer einfach nicht singen. Seit er im Internet gelesen hat, dass schon Leute im Schlaf an ihrem geschwollenen Zäpfchen erstickt sind, ist es mit seiner Gelassenheit völlig vorbei. Dann doch lieber operieren lassen. 

Die Tür geht auf, Tommi kommt rein. In der Hand hält er einen großen Teller voll mit Kartoffelbrei und einem ordentlichen Stück Fleisch. Die ganze Band liebt es, das deftige Essen, dass es vor den Auftritten im SO36 immer gibt. Er setzt sich an den Tisch und beginnt schweigend, sich über die Portion herzumachen. Als Schulle nach der kurzen Unterbrechung beginnt, weiter zu erzählen, schaut Tommi augenrollend von seinem Teller auf: „Och Schulle, doch nicht schon wieder die Zäpfchen-Geschichte…“. Dann lachen sich beide kaputt.

Toxpack und die Grauzonen-Debatte

Doch in letzter Zeit haben die Toxpacker nicht immer Grund zum Lachen gehabt, im Gegenteil, denn die Band hatte in jüngster Vergangenheit mit schweren Vorwürfen zu kämpfen – Rechtsvorwürfen. Der linke Online-Blog „Oire Szene“ hat die Band als „Grauzone“ eingestuft und das SO36 darüber hinaus öffentlich dazu aufgerufen, das Toxpack-Heimspiel des heutigen Abends abzusagen. Ein harter Schlag.
Die Begründungen dieser Anschuldigungen sind Fans und Bandmitgliedern schleierhaft. „Wir schwenken in unseren Texten nicht die rote Fahne vor uns her“, stimmt Schulle zu, „doch das Letzte was wir wollen, ist das Gegenteil!“ Generell hält die Band das Engagement solcher Aufklärungsseiten für  wichtig, doch wie schnell es durch unzureichende Recherche und nicht-fundierten Behauptungen dazu kommen kann, die falschen Bands in Verruf zu bringen, mussten sie nun am eigenen Leib erfahren.
Auf der Seite heißt es unter anderem: „Zudem traten „Toxpack“ im Jahr 2010 auf fast jedem großen „Deutschrock“-Festival auf […] u.a. auf dem „Spirits from the streets“ (zusammen mit „Schusterjungs“, „Trabireiter“ und „Perkele“), […] usw.“

Das ist natürlich absolut korrekt, allerdings sind auf demselben Festival auch Dritte Wahl, Wizo und Slime aufgetreten. Da stellt sich die Frage, ob die nun konsequenterweise nicht auch als Grauzonenbands eingestuft werden müssten, schließlich haben auch sie sich mit den genannten Bands die Bühne geteilt. Und schon gerät die „Beweisführung“ ins Stocken… 

Toxpack-Fans wissen, auf welcher Seite die Band steht, die im Übrigen auch schon auf Gegen-Rechts-Festivals wie dem „Rock Deine Meinung“ in Ludwigslust aufgetreten ist. Über die Vorwürfe hinweg sehen können die Toxpack-Jungs jedoch trotzdem nicht. „Ich komme normalerweise wirklich mit so gut wie jedem aus, doch mit diesen rechten Vollpfosten kann ich mich nicht einmal fünf Minuten unterhalten, ohne mich aufzuregen“, fügt Schulle kopfschüttelnd hinzu. Dann wird er vom Klingeln seines Handys unterbrochen: „They tried to make me go to rehab, but I said ey no, no no…“. Der Anrufer scheint ihn den Ärger vergessen zu lassen, die Lachfältchen sind zurückgekehrt.

Die Spannung steigt

Schlagzeuger Hinni, der sich vor einiger Zeit mit seiner Frau dazugesellt hat, drückt deren Hand, sie lächelt liebevoll zurück. In einer halben Stunde beginnt die Show und  langsam scheint sich eine leichte Anspannung im Raum breit zu machen. Nur Martin und Erik stromern noch irgendwo herum. Schließlich bittet Schulle alle Nicht-Toxpacker den Raum zu verlassen, damit die Band noch einmal in sich gehen kann. „Ich weiß ja,vor den Heimspiel Konzerten seid ihr immer besonders nervös, die eigenen Freunde wollt ihr wohl nicht enttäuschen“, lacht Hinnis Frau im Rausgehen, dann schließt sie die Tür hinter sich. Kurz darauf ist von drinnen eine opernartige Tonleiter zu hören. Schulle singt sich und sein Zäpfchen warm. 

Eine halbe Stunde später stehen alle fünf sichtlich nervös hinter der Bühne.

„We Will Rock You“ von Queen bringt den Saal bereits zum Brodeln. „We will, we will fuck you!“, brüllen die Jungs statt des eigentlichen Refrains Richtung Publikum und lachen sich ein letztes mal gemeinsam kaputt, bevor sie sich alle noch einmal fest drücken und dann nacheinander auf die Bühne stürmen. Eins ist nach dieser Begegnung klar, von diesen bösen Onkels kann man getrost auch mal ein Stückchen Schokolade annehmen.

Text von Diana Ringelsiep zum Toxpack Konzert am 22.12.2012

Mehr zu Toxpack:

Offizielle Homepage: www.toxpack.de

Bilder: Toxpack / Pressefotos

Merken

Merken

Kommentar verfassen