HaudegenBandfoto:MarcelHotze()
Haudegen Bandfoto: Marcel Hotze (2016)

Haudegen – das sind in erster Linie Hagen Stoll und Sven Gillert und sie als Deutschrock-Band zu bezeichnen scheint auf den ersten Blick richtig. Jedoch verkörpern die beiden Urgesteine mit ihren unzähligen Tätowierungen für viele ihrer Fans viel mehr als nur musikalische Idole. Sie sind Leitbilder und bringen mit ihren lyrischen Texten Menschen zum Nachdenken.

Wir haben Haudegen auf der Pressekonferenz beim Pfeffelbach Open Air getroffen und wollten mehr über ihre Musik, ihre Pläne betreffs der neuen Platte und ihr soziales Engagement erfahren. Voll des Lobes äußerte sich die Jungs dann auch erst mal über die Organisation des Festivals.

Hagen: Wir haben dieses Jahr ja schon einige Festivals gespielt und man merkt hier einfach, dass die Veranstalter wissen was sie tun. Das fühlt sich gut an und Du bekommst als Künstler und Musiker sofort das Gefühl, dass Du hier einfach einen guten Job machen kannst. Das ist geil.

Zum Thema Fannähe überraschte die Einstellung der beiden nicht nur die zahlreichen Festivalbesucher sondern auch viele Reporter.
Hagen: Wenn es um die Musik geht reden wir gerne von der Leidenschaft, denn Deine Leidenschaft ist ein Ansporn. Ich habe vorhin mit jemandem gesprochen, der kam von der Nordsee extra hierher, das ist ein Ochsenweg! Da merkst Du auch, dass die Leute ganz klar eine Erwartung haben. Sie freuen sich auf Haudegen oder andere Bands und Du spürst, dass das Publikum Bock hat zu feiern und ein geiles Wochenende zu haben. Wir haben keinen Bock hinten irgendwo zu sitzen und uns abzugrenzen.

Wenn die Leute auf Dich zukommen und Dir sagen was es ihnen bedeutet Deine Musik zu hören, das ist unbezahlbar!

 

Als Hagen auf seine Vergangenheit im Hip-Hop angesprochen wurde und auf die Unterschiede zwischen den verschiedenen Musikszenen, war er sehr direkt.

Hagen: Im Rock ist vieles entspannter. Ich kann gerne mal aus dem Nähkästchen plaudern. Im Hip-Hop habe ich große Touren gespielt und ohne jetzt schlecht zu reden: das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Beim Rap habe ich immer gesagt: Ich mache nicht Musik, um gehasst zu werden. Viele haben das aber anscheinend nicht verstanden. Es ist eine sehr angespannte Atmosphäre auf den Konzerten, weil sich jeder definieren muss. Hier ist das ganz anders. Wir haben so viel positives Feedback bekommen, so viel Liebe, als wir unser erstes Album herausgebracht haben. Wir genießen das. Die Deutschrock Szene ist eine so herzliche Szene. Beim Rap ist ja alles sehr textlastig. Im Deutschrock geht es einfach noch viel mehr um die Musik

Auf die Frage, ob die Hip-Hop-Gemeinde negativ auf den musikalischen Wechsel reagierte, antwortete Hagen wie folgt.
Hagen: Es hat auch was mit einer gewissen Reife zu tun, ob Du für Hass empfänglich bist oder nicht. Wir hatten ja in der Hip-Hop-Zeit eine sehr stabile Fanbase. Und weißt Du, wenn tausende Leute kommen und zwei sagen, die haben uns verraten, dann Scheiß drauf. Wer hat dann Priorität? Dann achte ich lieber auf die 998, als auf die zwei. Jeder wie er mag, für uns ist das einfach so: Wir machen Musik!
Sven: Genau! Wir machen das, was wir lieben und uns ist egal was da draußen vielleicht doch der eine oder andere sagt! Natürlich kam auch die Neueröffnung von „Flügel & Schwert Tattoo Berlin“ vor einigen Wochen zur Sprache.

Hagen: Wir hatten ja auf Tour immer einen Tätowierer dabei. Aber mit der Zeit wollten sich einfach immer mehr tätowieren lassen und das haben wir gar nicht mehr geschafft. Daraus ist die Idee von dem Laden geboren worden – eine Art „Haudegen Begegnungsstätte“. Seit zwei Wochen haben wir nun eröffnet, und was soll ich Dir sagen, die Leute kommen von überall her. Wir sind aber auch oft wirklich vor Ort und es läuft echt toll.
Sven: Klar können Bands ein Tattoo-Studio aufmachen, aber wir hängen nicht nur Bilder von uns auf. Und wenn die Leute rein kommen und total abfahren, dass wir wirklich da sind, das ist schon was. Weißt Du, das ist einfach eine Sache der Priorität, wie man Dinge lebt.
Hagen: Wir haben einen super leckeren Dönerladen gleich neben unserem Studio und da hatten wir letztens eine Situation. Da kam jemand aus Brandenburg zufällig vorbei, lief erst an mir vorbei, blieb stehen und ist dann total ausgeflippt und konnte es nicht glauben, dass ich hier sitze und einfach meinen Döner esse. Wir haben dann gefragt ob sie sich dazu setzen will und die ersten fünf oder zehn Minuten war das echt unglaublich für sie, aber dann hat man gemerkt, wie sie sich langsam daran gewöhnt und es ein vertrautes Gefühl wird.

Weißt Du, wenn ich jemand da draußen mit einem Haudegen-Shirt sehe, dann geh ich da hin und sag: „Sieht gut aus!“ Und wenn sich die Leute bei uns tätowieren lassen dann sag ich einfach: „Danke. Danke für das Vertrauen.“ Denn ganz ehrlich, wenn sich jemand Flügel und Schwert tätowieren lässt, dann hat das was mit Vertrauen zu tun. Vertrauen in uns! Die Leute schauen Dich dann mit großen Augen an und fragen: „Wie meinst Du das?“ Und ich sag dann: „Genauso wie ich es gesagt habe! Schön, dass Ihr da seid und lasst uns eine geile Zeit haben.“

 

Angesprochen auf das neue Album und ihren Erfolg, den sie mit „Schlicht & Ergreifend“ haben, antworteten die beiden so:
Hagen: Wir haben das Debütalbum letztes Jahr veröffentlicht. Wir sind noch nicht so lange. Wir sind Newcomer in der Szene. Wir haben uns einen Namen erspielt und unser Album geht dermaßen durch die Decke, wir bereiten schon das zweite vor. Aber wir wollen uns halt dieses Ding bewahren, diese Fannähe halten. Was bringt es hier hinten zu sitzen und mit denen da draußen habe ich nichts am Hut, weil es angeblich reicht, wenn ich die Fans später von der Bühne sehe? Das geht mir nicht in den Kopf und das bringt uns nichts. Da fühle ich mich schlecht dabei!
Sven: Es gibt Momente, wo wir das bei anderen Bands erleben, wenn die sich so abkapseln, da denke ich das geht ja gar nicht! Wir sind halt aufrichtige Menschen und stehen mit beiden Beinen im Leben und ich gehe auch ohne Bodyguard raus!

Es gab einiges Gelächter, als einer der Reporter die Bemerkung fallen ließ, dass beide auch nicht so aussehen würden als könnten sie alleine nicht klar kommen.
Sven: Nee, nun wirklich nicht, aber wir haben auch keine Berührungsängste! Aber es werden immer mehr Menschen und nach einem Konzert, wenn Du echt fertig bist, gehen wir trotzdem raus und machen Bilder, geben Autogramme und Widmungen. Die Zeit nach dem Konzert ist eigentlich die anstrengendste für uns, wo wir versuchen, auch jedem gerecht zu werden.
Hagen: Du musst einfach nur Mensch bleiben. Wenn Du dem, dem Du eine Absage gibst, oder kein Foto, kein Autogramm, wenn Du dem das kurz erklärst warum, dann ist er Dir auch nicht böse. Dann sagt er sich: „Alles klar, der ist durchgeschwitzt und muss erst einmal duschen gehen, ich komm einfach später noch mal.“ Ja klar ist es schwieriger geworden. Aber auch da gibt es Möglichkeiten. Zum Beispiel verschieben wir dann auch die Autogrammstunde einfach vor das Konzert, das schafft uns Luft.
Sven: Die Haudegen sind aber auch Kanten. Und nach dem Dir das 100. Mal einer auf die Schulter klopft…
Hagen: … und die hauen wirklich zu!
Sven: Ja, das ist krass, die wollen halt zeigen, dass sie wirklich hinter uns stehen. Aber irgendwann fällt Dir echt der Arm ab! (lacht) Pressure Magazine: Das neue Album habt Ihr zwar schon angerissen, aber könnt Ihr uns noch ein bisschen mehr verraten?
Hagen: Es erscheint im September, genau genommen am 21. September und ist der Nachfolger unseres grandiosen Erstlingswerks. (lacht) Wir haben einen riesen Anspruch an uns selbst und wollen damit „Schlicht & Ergreifend“ einfach doppelt unterstreichen. Dabei ist ein Album namens „En Garde“ herausgekommen und für uns einfach die logische Konsequenz unserer ersten Scheibe.

Pressure Magazine: Habt Ihr songtechnisch oder musikalisch etwas verändert, oder wolltet Ihr etwas Neues ausprobieren?
Hagen: Wir haben mit „Schlicht & Ergreifend“ unsere ersten Erfahrungen gemacht. Wir haben dieses Album herausgebracht und haben unglaublich viel Liebe zurückbekommen. Leute haben uns aber auch kritisiert und gesagt, es könnte hier und da ein paar mehr Ecken und Kanten haben. Haut doch mal ein bisschen auf dem Putz!

 

Es gab auch Stimmen, die die EP vor dem Album sehr, sehr schön fanden. Wir haben alle Eindrücke aufgenommen und liefern jetzt glaube ich ein Album ab, das der Umkehrschluss der Kritiker ist. Wir verstehen uns als Liveband und wollen auf den Putz hauen, wollen lauter werden, gleichzeitig aber auch lyrischer.
Sven: Also ich sag Euch, das Ding wird Bombe! Wir spielen heute Abend auch zwei neue Songs.

Pressure Magazine: Es wäre auch seltsam, wenn Ihr nicht davon überzeugt seid!

Hagen: Eine Songline, die mir zum Beispiel sehr gut gefällt heißt: „Aus Wunschlosen werden Nieten!“

Pressure Magazine: Tiefsinnig!
Hagen: Ja, das ist lyrisch und wie ich finde sehr, sehr schön!

Sven: Das Schöne an „Haudegen“ ist, dass wir uns nicht verbiegen müssen! Wir haben Majorlabels immer als Teufel gesehen, die gefühlvolle Musik nur vermarkten wollen und dabei nur Dollarscheine in den Augen haben. Aber das ist bei uns einfach ganz und gar nicht so. Wir bekommen extrem viele Freiheiten und wir genießen das.
Hagen: Wir können einfach immer so sein, wie wir sind. Wenn wir früher über Musik gesprochen haben, und wir beide kennen uns ja schon sehr, sehr lange, dann haben bei manchen Bands gesagt, dass sie den Schlüssel gefunden haben. Den Schlüssel finden heißt für uns den lyrischen Schlüssel finden, den Zugang zu den Menschen und sie emotional zu berühren.
Sven: Ich glaube das spezielle an „Haudegen“ ist, dass wir Fans haben, die unsere Lebenseinstellung teilen, die aufrichtig, gerade und ehrlich sind. Die hören unsere Texte und verstehen wie wir ticken. Und vielleicht sagt dann der eine oder andere von sich auch: „Ich bin auch ein Haudegen!“, oder die Frauen sagen: „Ich bin eine Haudegin!“
Hagen: Wir haben auch einen Gast auf dem neuen Album, das können wir hier auch schon mal verraten, über den wir überglücklich sind. Aber wer das ist kann ich Euch noch nicht sagen!

Leider wollten die Jungs trotz aller Nachfragen tatsächlich nicht mehr verraten und so heißt es für uns wohl auf den 21. September warten, wo das neue Album „En Garde“ endlich erscheint!

 

Pressure Magazine: Wir würden gerne zum Abschluss noch etwas über „Haudegen SOS“ erfahren.
Hagen: Da gibt es so viel zu erzählen. „Haudegen SOS“ ist ein Projekt, das wir ins Leben gerufen haben. „SOS“ steht für „Sei ohne Sorge“. Wir haben vor zwei Jahren damit begonnen und haben ohne Öffentlichkeitsarbeit u.a. in Berlin eine Bahnhofsmission besucht und dabei einen Spendenaufruf über unsere Fans gemacht.

Sven: Unsere Haudegenfamilie ist inzwischen gewaltig gewachsen, aber mit dem Ansturm auf diese kleine Bahnhofsmission hatten wir nicht gerechnet. Die Spenden, die dort gesammelt wurden, konnten auf sechs oder sieben andere Bahnhofsmission verteilen werden! Es war unglaublich! Die Aufmerksamkeit, die wir als Musiker haben, zu nutzen, so viele Menschen zu etwas Gutem zu bewegen, das ist Wahnsinn! Wir versuchen einfach in unserer Welt, in unserer Haudegenwelt, ein bisschen was zu retten von dieser Dreckswelt.
Hagen: Der ausschlaggebende Punkt wenn Du Texte schreibst, die eine Wertigkeit beinhalten, ist, dass Du irgendwann statt nur zu reden, auch was tun willst. Du kannst Dich nicht immer nur hinstellen und von einer guten Welt und von den Werten, die Du vermitteln willst, reden. Du musst auch versuchen etwas zu ändern.
Sven: Das ist keine neue Erfindung, das wissen wir. Aber für uns ist es wichtig nicht nur Geld, sondern auch ein bisschen Herz dazuzugeben.
Hagen: Manchmal ist es einfach nur eine Geste oder ein paar nette Worte, jemand, der auch mal zuhört. Unsere Großeltern haben schon immer gesagt: Quatsch nicht, mach was! Und wenn wir den Menschen einen Anstoß geben können selbst etwas zu tun, dann ist das ein super schönes Gefühl.

 

Pressure Magazine: Vielen Dank! Und macht weiter so! En Garde!

Bericht von Mostly Harmless für Pressure Magazine

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Offizielle Homepage: www.haudegen.com

Foto: Pressefreigabe, Haudegen