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Punkband Dritte Wahl im Interview zu 20 Jahre Bandgeschichte. Foto: Tina Himmelreich

Nach 20 Jahren Bandgeschichte sind Dritte Wahl mittlerweile nicht mehr wegzudenken aus der Deutschpunkszene.

Vor ihrem Konzert auf dem Märzaka Festival 2010 in Berlin hat Pressure Redakteurin Diana Ringelsiep den Dritte Wahl Sänger Gunnar im Backstagebereich getroffen und mit ihm die vergangen zwei Jahrzehnte Revue passieren lassen.

Redaktion: Dritte Wahl gibt es nun schon seit 20 Jahren. Welche Bands waren es, die anfangs den größten Einfluss auf euch und eure Musik hatten?

Gunnar: Also damals waren das auf jeden Fall die Toten Hosen und Slime, aber auch AC/DC, Iron Maiden und Accept und wie sie alle hießen, denn wir kamen eigentlich alle aus dem Metal-Bereich und das waren so die Bands, die wir gehört und die uns beeinflusst haben.

Redaktion: Die Anfänge von Dritte Wahl liegen im Jahre 1988 in Rostock. Was ich heute also nur aus Filmen wie zum Beispiel ‚Wie Feuer und Flamme’ kenne, habt ihr miterlebt. In der DDR war es als Punk wahrscheinlich noch sehr viel leichter zu schockieren, doch hat man dort nicht auch schneller Probleme bekommen?

Gunnar: Haben wir nie gehabt komischer Weise. Woran das lag, weiß ich auch nicht. Wir waren natürlich kleine Lichter als wir 1988 zum ersten Mal gespielt haben und da waren sicher auch mal Leute da und haben ein Auge auf uns geworfen, aber es hat nie jemand was zu uns gesagt. Wahrscheinlich hatten die zu der Zeit schon andere Sorgen. Aber Gott sei Dank, ich Glaube das war auch kein Spaß damals…

Redaktion: Kannst du dich noch an euern aller ersten Auftritt erinnern? Wo war das und vor wie viel Leuten habt ihr damals gespielt?

Gunnar: Ja klar, da waren wir 18 und das war in der Schülerspeisung Rostock-Evershagen im Neubaugebiet. Es waren natürlich alle unsere Kumpels und bestimmt an die 300 oder 400 Leute da. Das war grandios. Wir haben gedacht, wir werden bestimmt ganz schnell ganz bekannt und berühmt… Aber es war eben eine Schülerdisco, die immer voll war und wir hatten uns reingemogelt. Die waren eben nicht alle wegen uns da und auch wenn es ihnen gefallen hat, denn wir haben Toten Hosen Songs gecovert und so, war da sowieso immer ordentlich was los. Bei den nächsten Auftritten hat sich dann eben leider herausgestellt, dass es wahrscheinlich doch nicht so sein wird, mit dem schnellen „Berühmtwerden“.

Dritte Wahl 20 Jahre 20 Songs Album CoverRedaktion: Und wie ist das jetzt 20 Jahre später, kennt eine Band wie Dritte Wahl noch so was wie Nervosität bevor sie auf die Bühne geht?

Gunnar: Na Gott sei dank nicht mehr so wie früher, da war ich schon eine Woche vor einem Auftritt nervös, aber Lampenfieber habe ich immer noch. Das geht einfach nicht weg und ich kann mir nicht vorstellen, dass es Leute gibt, bei denen das ganz weggeht. Das ist einfach eine Anspannung, so ähnlich wie Prüfungsangst oder vielleicht sogar Zahnarzt, an die man sich nicht gewöhnt.

Redaktion: Das muss ja furchtbar sein, wenn jeder Auftritt für euch einem Zahnarztbesuch gleicht…

Gunnar: Auftritte sind natürlich schön, aber man hat immer ein bisschen Sorge, dass es nicht so funktioniert wie man es gerne hätte. Meistens merkt man es schon bei den ersten zwei Titeln. Es gibt Konzerte, bei denen man von Anfang an merkt: Heute wird das nichts. Das Beste ist, die Leute selbst merken das meistens gar nicht und kommen hinterher an und sagen: „Hey das war echt cool heute!!“, dabei hat man selber das Gefühl, dass man sich nur durchgequält hat, weil es einfach nicht harmoniert hat. Das ist halt manchmal so.

Redaktion: Auf dem 20-jährigen Jubiläum beim Force Attack 2008 ging es mir so, dass unheimlich viele Lieder gespielt wurden, die mich an unterschiedlichste Lebensphasen erinnert haben. Wie ging es euch selbst dabei, gibt es Lieder, die euch mehr bedeuten als andere und mit denen ihr ein besonderes Gefühl verbindet?

Gunnar: Ja, auf jeden Fall, es gibt immer Songs, die wichtiger oder eben auch weniger wichtig sind. Für mich ist zum Beispiel ‚Kein Wort’ der wichtigste Song, den wir als letztes gespielt haben, weil ich ihn damals für meinen Sohn geschrieben habe, ne persönliche Kiste halt. Und da gibt es eben noch tausend andere Sachen. Einmal ist Busch’n  bei ‚Resolution der Kommunarden’ mit der Bühne eingekracht und ich weiß noch heute genau die Taktstelle, bei der das passiert ist und daran muss ich noch heute jedes Mal denken, wenn wir es spielen. Wenn es soweit ist, denk ich immer: Und *zack* da war er weg!

Redaktion: Beim Jubiläumskonzert konnten die Fans drei Monate im Voraus online abstimmen welche Songs ihr spielen werdet. Gab es aus eurer Sicht Überraschungen, was die Auswahl oder zumindest die Platzierungen der Songs betroffen hat?

Gunnar: Richtige Überraschungen Gott sei Dank nicht. Wobei… zu Anfang schon, denn wir bekamen ja immer einen Zwischenbericht und da war es schon so, dass da Songs mit bei waren, von denen wir gar nicht mehr wussten wie wir die damals gespielt haben. Manche hatten wir noch nie live gespielt. ‚Wunderland’ zum Beispiel, hat sich sehr lange ganz weit oben gehalten, aber die Leute durften ja drei Titel wählen, das heißt, die meisten haben dann zwei komische Sachen genommen und einen Evergreen und mit der Zeit sind die dann eben doch immer weiter nach vorne gekommen, so dass es am Ende doch ein reines Best of Programm geworden ist. Ein besonders schönes Zeichen für uns war Platz eins mit ‚Zeit bleib stehen’ von der letzten Platte. Denn das zeigt, dass die Leute nicht nur dem alten Scheiß nachrennen.

Viele Bands haben genau das Problem, dass die Leute immer sagen: „Boah, die ersten beiden Platten waren geil!“, und alles was danach kommt, interessiert eigentlich keinen. Wir waren zum Beispiel früher viel mit Razzia unterwegs und da war das immer so, dass die die ganze Zeit ‚Nacht im Ghetto’ hätten spielen können und da wären alle voll zufrieden gewesen. Doch die neuen Songs, die auch alle total cool waren, wollte keiner hören. Das ist für die Band natürlich sehr undankbar.

Redaktion: Gibt es bei euch denn Songs, die das Publikum immer hören will, auf die ihr selber aber gar keinen Bock mehr habt, weil ihr euch heute vielleicht nicht mehr mit ihnen identifizieren oder die ihr schlicht und einfach nicht mehr hören könnt?

Gunnar: Nö, haben wir eigentlich nicht so richtig, also jedenfalls nicht bei den Liedern, die oft gewünscht werden. Klar, so was wie ‚Raff dich auf’ spielen wir im Moment nicht mehr, weil es momentan auch einfach nicht so wichtig ist, da fragt aber zum Glück auch keiner nach. So richtige Peinlichkeiten sind uns aber Gott sei dank erspart geblieben.

Redaktion: Was waren für Dritte Wahl die schönsten Momente und Höhepunkte in den letzten 20 Jahren?

Gunnar: Na cool waren natürlich die zwei oder drei Europa Tourneen, die wir zusammen mit Exploited gespielt haben, denn im Ausland unterwegs zu sein ist natürlich sehr geil. Aber auch so Sachen wie das erste Full Force Festival vor 20.000 Leuten, das war auch wie beim Zahnarzt… oder als die ‚Nimm drei’ damals raus gekommen ist, da waren wir bei Rockhard plötzlich Platte des Monats und wir haben uns gedacht: Wir Autodidakten spielen uns da was zu Recht… und das finden jetzt alle Leute cool? Es gab so viele schöne Momente, auf den einen richtigen kann man das nicht beschränken.

Redaktion: Und wie ist es jetzt, wo ihr beide Varianten kennt, stehen kleine Clubkonzerte nur noch hinten an, habt ihr Blut geleckt und wollt jetzt nur noch vor tausenden von Leuten spielen?

Gunnar: Ich finde es sehr cool, dass wir beides machen können, denn bei den kleinen ist es so, dass man die Leute direkt sieht, bei den großen Konzerten ist meistens so viel Licht von vorne, dass man nichts sehen kann, außer die erste Reihe vielleicht. Wir mögen es, dass man bei den kleinen Konzerten den Leuten die Hand geben kann und dann wünschen die sich immer irgendwas und das machen wir dann natürlich auch. Wir haben eh nie eine feste Setlist, wir spielen immer, was uns gerade so in den Kopf kommt… Aber klar, jeder träumt davon, mal auf na großen Bühne zu spielen, wo die Leute durchdrehen, da brauch mir keiner erzählen: „Wir wollen so gerne Underdogs bleiben…“, es ist einfach geil da oben zu stehen!

Redaktion: Anfang des Jahres habt ihr ein paar Konzerte in Kuba gegeben. Nicht unbedingt typisch für Deutschpunkbands, durch die Karibik zu touren. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Gunnar: Es fing damit an, dass unser Merchandiser dort geheiratet hat. Der hat schon seit Jahren eine kubanische Freundin gehabt und irgendwann hab ich mal ganz großkotzig gesagt: „Wenn du da mal heiratest, dann kommen wir alle und spielen da auch! Tja… und dann kam er irgendwann tatsächlich an, ‚Jungs, ich heirate!’ und ich mit meiner Flugangst dachte mir nur‚ ach du scheiße…“. Aber gut, letzten Sommer war hier die kubanische Band Tendencia auf Tour, denen ich ein bisschen beim Booking geholfen hatte und die haben sich dann eben revangiert.

Redaktion: Und, konntet ihr die Kubaner für eure Musik begeistern?

Gunnar: Das war echt total geil dort! Auch wenn wir von geplanten sieben nur dreieinhalb Konzerte gespielt haben. Eins will ich mal nicht ganz werten, das war in einem Theater und… ähm… fürchterlich. Aber ansonsten, klar, da gastieren natürlich auch nicht so viele Leute, aber wir hätten nie gedacht, was es da für eine Rockszene gibt, da kann man echt Bücher drüber schreiben. Wahnsinn!

Redaktion: Viele Punkbands, die nach außen hin sehr erfolgreich sind, haben aber nebenher alle noch einen ‚normalen’ Job und machen die Musik in ihrer Freizeit, wodurch natürlich kaum Zeit für ein Privatleben bleibt. Wie ist das bei euch, könnt ihr von eurer Musik leben?

Gunnar: Wir leben davon, aber das ist auf ganz kleine mathematische Sachen zurückzuführen. Zum Beispiel sind wir bloß zu dritt, das ist eine leichte Rechnung, verglichen mit Bands, die zu fünft sind. Außerdem machen wir alles alleine, wir haben unsere eigene Plattenfirma, machen unser Booking selber, unsere T-Shirts… ja, mittlerweile drucken wir die sogar selbst und somit bleibt alles bei uns.

Redaktion: Und damit sind wir auch schon fast am Ende, nur eine Frage noch: Können wir dieses Jahr auf ein neues Album hoffen?

Gunnar: Ja, ab Montag sind wir tatsächlich im Studio und fangen an aufzunehmen und im Oktober soll die Platte dann rauskommen. ‚Gib acht’ soll sie heißen, weil es die achte Platte ist und ja, die Songs sind alle fertig, wir fangen jetzt an und sind alle guter Dinge.

Redaktion: Na das klingt doch viel versprechend! Dann bedanke ich mich für das Interview und wünsche euch gleich einen Auftritt, der angenehmer ist als ein Zahnarztbesuch!

 

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INTERVIEW VON DIANA RINGELSIEP

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