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Online Rollenspiele haben seit der Veröffentlichung von World of Warcraft nichts von ihrer Faszination eingebüßt, müssen jedoch einer stetig wachsenden Konkurrenz  begegnen. Auch eines der ältesten Universen im Rollenspielebereich steht dem Genrekönig da in nichts nach, und weiß in der aktuell spielbaren Betaversion von Neverwinter beinahe komplett zu überzeugen. Nur wenige kleine Abstrichen trüben das Gesamtbild, die dem kostenlosen Vertriebsmodell geschuldet sind.

Die Stadt Neverwinter in den vergangenen Jahrhunderten hat einiges durchlebt. Kenner des alt-ehrwürdigen Advanced Dungeons & Dragons Universums wissen, dass sich um die Stadt nicht nur hunderte spannender Geschichten und Sagen drehen, sondern dass sie auch Schauplatz und Namensgeber des aktuellen Online Rollenspieles Neverwinter aus dem Hause Perfect World ist. Die Redaktion vom Pressure Magazine hat sich in das kostenlose MMORPG (Massive Multiplayer Online Role Playing Game) eingeloggt und als Tiefling und Mensch ein Bild von der derzeit laufenden Betaversion gemacht.
Der Einstieg in Neverwinter gestaltet sich genretypisch. Aus derzeit sechs verschiedenen Rassen (Mensch, Tiefling, Zwerg, Drow, Elf und Halbelfen) wählt man sich einen Helden oder eine Heldin, die dann höchst individuell und schick anzusehen gestaltet werden kann. Dann gilt es eine dem eigenen Spielstil entsprechende Klasse auszuwählen, um dem Charakter mehr Individualität zu verleihen. Auch hier unterscheiden sich die Klassen wenig vom typischen Rollenspiel. Die klassischen Rollen Magier, Heiler, Tank und Schadensgeber sind auch in Neverwinter in Form des Wächters, Kleriker, Dieb, Magier oder Zweihandkämpfers vertreten, so dass für jeden Spieler hier etwas dabei sein sollte. Noch schnell die Attribute des Alter Egos verteilt, die wie seit Jahrzehnten „ausgewürfelt“ und dann individualisiert werden dürfen.

 

„Baldurs Gate Veteranen dürfte unser Charakter Minsc von Nashkel mit seinem Begleiter Boo durchaus ein Begriff sein, auch wenn der Begleiter in diesem Falle – leider – kein Hamster ist!“

 

Wenig später findet sich unser exotischer Tiefling und Kontrollmagier vor den Toren von Neverwinter wieder, wo er in einem unterhaltsamen Tutorial mit den Grundkenntnissen der Steuerung und Spielmechanik vertraut gemacht wird. Hier fallen erste Unterschiede zum Beispiel zu World of Warcraft auf. Die Grafik ist zeitgemäß auf Hochglanz poliert und geschmeidige Animationen erfreuen den Betrachter. Die Identifikation mit der Spielfigur funktioniert binnen Sekunden, da sie wie ein „echter Held“ agiert, selbst mit billigster Ausrüstung, die sich mit dem erledigen erster Aufgaben und Kämpfe schnell verbessert. Das Kampfsystem ist dynamischer, als bei anderen Rollenspielen, gilt es doch nicht in stupider Rotation Zaubersprüche und Kampfbewegungen auszuführen, sondern aus einer Auswahl von Sprüchen – die mit zunehmendem Spielverlauf individuell verbessert werden können – die jeweils durchschlagskräftigsten auszuwählen.  Dazu müssen Gegner mit der Maus anvisiert werden und werden nicht automatisch mit TAB ausgewählt. Dies erlaubt fast schon Shooter-ähnliche Gefechte, auch wenn der Vergleich etwas hinken mag. Als Gegner fungiert das typisch bunte Potpourri an Rollenspielklassikern, die von Orks, über die versammelte Tierwelt und deren Abwandlungen, bis hin zu Dämonen und Drachen reicht.  Abgerundet werden die Gefechte durch Ausweichmöglichkeiten, die mit einem doppelten Tastendruck nach rechts, links, vorne oder hinten ausgelöst werden.
Begleitet wird der Spieler auf Wunsch von einem kampferprobten Tier oder einem rekrutierten Soldaten, der je nach eigenem Charakter eine gute Ergänzung für effektives Teamplay bedeutet. Meiner Heilerin steht somit ein schwer gestählter Ritter zur Seite, der die Gegner auf sich zieht, während ich ihn heile – meinem hartgesottenen Kämpfer hingegen stelle ich einen Magier zur Seite, der aus der Entfernung den Schaden auf die Gegner nur so niederprasseln lässt. Bis zum derzeitigen Levelgebiet 25 macht dies zwar enorm viel Spaß, führt aber auch zu häufig zu leichtem Vorankommen bei Quests und Story. Bisher wirkt Neverwinter nämlich eine Spur zu einfach, so dass der virtuelle Tod uns selten droht.
Was jedoch schnell  auffällt, ist das vermeidlich eingeschränkte Gebiet von Neverwinter. Bietet das Universum doch eine höchst detailliert ausgearbeitete Landkarte mit unterschiedlichsten Regionen, Vegetationen und Völkern, so steht im vorliegenden Rollenspiel ausschließlich die riesige Stadt Neverwinter mit seinen verwinkelten Gassen und teilweise stark heruntergekommenen Vierteln zur Verfügung. Die Stadteile fungieren als unterschiedliche Questgebiete, die dem jeweiligen Levelbereich entsprechen und mit Quest und Gegner nur so vollgestopft sind. Dies stößt einem Rollenspielveteranen, der bereits das 15 Jahre alte Baldurs Gate im gleichen Universum verschlungen hat natürlich etwas negativ auf – weiß aber dank wirklich gut designter Stadtgebiete trotzdem zu überzeugen und stellt somit nicht mehr als ein kleines Manko dar.
Schwerer wiegt da die Entscheidung von Perfect World, dass sämtliche Sprachversionen vereint auf dem Server spielen können. Zwar stehen aktuell drei Sever zur Auswahl um die Spielerflut ohne Wartezeiten zu handhaben, aber trotzdem unterhalten sich die Spieler in einem munteren Kauderwelsch aus Englisch, Französisch oder Deutsch. Generell ist die Zusammenarbeit der Spieler in Clans oder Gilden von keiner so essentiellen Bedeutung in der vorliegenden Beta, da der Levelfortschritt der Spieler vollkommen alleine vollzogen werden kann. Für mehrere Spieler ausgelegte Instanzen sind zwar vorhanden, locken aber mit wenig attraktiven Siegprämien (auch bekannt als „Loot“), so dass man die Zeit lieber als einzelner Spieler in den mitunter spannend erzählten Aufgaben verbringen wird.

 


Darüber hinaus gibt es keine gegensätzlichen Parteien in Neverwinter, auf dessen Seite sich ein Spieler schlagen kann, um so der anderen Partei in spannenden PVP (Player vs. Player) Gefechten den Garaus zu machen. Zwar bietet Neverwinter auch Arenen, wo ein 6 vs. 6 stattfinden kann, jedoch wird hier die Aufstellung willkürlich zusammengewürfelt, weshalb sie noch nicht die Klasse der groß angelegten Schlachten eines World of Warcraft oder Star Wars The Old Republic besitzt. Aber da es noch um eine Beta Version handelt, wollen wir hier noch auf Nachschub hoffen.
Statt opulenter Massenschlachten bietet Neverwinter dafür etwas ausgesprochen Beachtenswertes: Die Foundry! Dabei handelt es sich um einen mitgelieferten Missionseditor, mit dem jeder Spieler eigene Abenteuer entwickeln kann, die von einfachen Kurzquests bis hin zu komplexen Abenteuern reichen kann. Diese gereicht Perfect World mittels einer Art „Schwarzem Brett“ allen Spielern zum Anspielen. Dank eines Wertungssystems haben Spieler nach Abschluss einer Foundry-Quest die Möglichkeit ihre Meinung über die absolvierte Quest abzugeben – so trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Bereits wenige Wochen nach Spielstart der Beta haben einige Spieler wirklich packende Abenteuer erstellt, die die Wiederspielbarkeit von Neverwinter in ungeahnte Höhen treibt. Dies lässt vor allem für den späteren Spielverlauf (das sogenannte Endgame) hoffen, falls Perfect World nicht in der Lage ist schnell genug Inhalte für die hochstufigen Spieler zu entwickeln.
Neverwinter weiß somit auf breiter Front zu überzeugen und macht in den ersten Spielstunden enorm viel Spaß. Auch Einsteiger kommen auf ihre Kosten, bietet das Spiel auf Knopfdruck eine Art Wegweiser zum nächsten Questgeber oder Ziel einer Quest – dies ist jedoch für Veteranen absolut Spielspaßhemmend, wird dadurch die Suche und das damit verbundene Erkunden vehement reduziert. Aber erst nach etlichen Spielstunden trifft man auf erste wirklich spaßhemmende Ereignisse, wenn z.B. das eigene Inventar an seine kapazitäre Grenze stößt und größere Taschen nicht so einfach gekauft werden können, da hinter der gesamten Spielwirtschaft ein komplexes Bezahlmodell aus kostenlosen und kostenpflichtigen Währungen steckt. Grundsätzlich ist die Ingamewährung Gold, mit der man viele Items, Tränke und Co. käuflich erwerben kann. Darüber hinaus gibt es Astraldiamanten, die man durch tägliche Quest und besondere Aufgaben erlangen kann. Sie sind auch die Währung im etwas schwer zu bedienenden Auktionshaus und fungieren darüber hinaus als Tauschobjekt für die Premiumwährung Zen, die nur gegen echte Euro erworben werden kann – oder eben im Tausch gegen Astaldiamanten.
Dies bedeutet: Auch wenn das komplette Spiel inklusive aller noch so mächtigen und bequemen Items kostenlos bestritten werden kann – Publisher Pefect Worlds konfrontiert die Spieler an jeder Ecke und bei nahezu jedem Login mit verlockenden Angeboten. Diese können mit der kostenpflichtigen Ingame-Währung Zen gekauft werden, die über die Webseite gegen reales Geld erworben werden können. An und für sich nichts schlimmes, liegt es doch dem Spieler selbst, ob er reales Geld z.B. für ein besonderes Reittier, Begleiter, größere Inventartaschen oder andere Dinge ausgeben möchte. Jedoch stört die Vehemenz, mit der all überall auf diese Shops und die darin versteckten Items hingewiesen wird.
Fazit: Neverwinter ist eine angenehme Abwechslung im derzeit auf der Stelle tretenden MMO Genre. Es erfindet das Rad keineswegs neu, weiß aber durch einige veränderte Stellschrauben (Stichwort Kampf) durchaus zu punkten. Dazu die Tatsache, dass theoretisch alle Spieleinhalte mit entsprechendem Einsatz auch ohne die Hilfe von echtem Geld und erworbener Items genossen werden können – ja das macht Neverwinterderzeit zu einer echten Alternative zu kostenpflichtigen Spielen, auch wenn es nicht ganz an die Qualität einesWorld of Warcraft oder Star Wars The Old Republic heran kommt. Der Clou mit spielergenerierten Inhalten aus der Foundry aufzuwarten ist jedoch äußerst gelungen und weiß sicherlich über Monate, wenn nicht gar Jahre zu begeistern. Wir sind jedenfalls gespannt, wie sich die Zukunft der Stadt Neverwinter und all seiner Einwohner gestaltet.

 

Review von Kabuto

 

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