Tanz auf dem Vulkan (Buch Review)

„Nicht alles in der DDR war schlecht. Manches war sogar sehr schlecht.“

„Endlich!“, möchte man sagen, dass sich ein Buch ausschließlich mit den weiblichen Punks in der DDR befasst. Viel zu lange wurde die Subkultur vornehmlich aus männlicher Perspektive beleuchtet oder aus Sicht der männlichen Punker wiedergegeben. Doch der Anteil der Frauen in der Punkszene der DDR und ihr Einfluss darf nicht unterschätzt werden. 

Geralf Pochop würdigt diese Frauen in seinem neuen Werk Tanz auf dem Vulkan. Widerständige Punk-Frauen in der DDR, indem er sie selbst ihre Geschichten erzählen lässt, und zwar genauso viel, wie sie erzählen möchten und können, denn manche der Frauen sind auch 35 Jahre nach dem Ende der DDR durch die Erfahrungen mit der Staatsmacht traumatisiert. 
Einige von ihnen stellen ihre Geschichten mit Klarnamen vor, andere nutzen ihren Spitznamen, den sie in ihrer Punkzeit bekamen. Alle Frauen berichten von der brennenden Sehnsucht nach Freiheit und dem Willen, ihre Persönlichkeit durch ihr Äußeres auszudrücken, was zu täglichen Anfeindungen führte. Viele Mitmenschen fühlten sich dadurch provoziert, wünschten die Frauen ins KZ. Verbale Attacken oder angespuckt zu werden gehörten auch als Punk-Frau zum Alltag dazu, bestätigen sie häufig jedoch in dem, was sie taten und wofür sie sich entschieden hatten. 

Die totalitären Staatsorgane reagierten spätestens 1983 zunehmend brutaler, da sie sich bei Verhaftungen immer wieder auf den „Asozialen-Paragraphen“ beriefen, durch den man in der DDR bei Arbeitslosigkeit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden konnte. Interessant ist, dass dieser Paragraph aus der NS-zeit stammte, also alles andere als eine Errungenschaft des selbst ernannten sozialistischen Frieden- und Freiheitsstaates gewesen ist. Erich Mielke als Chef der Staatssicherheit gab die Order aus, bei der Bekämpfung der Subkultur die „Samthandschuhe“ auszuziehen. 
Eine Folge davon ist, dass die Stasi viele verdeckte Ermittler zur Überwachung und Bekämpfung der Szene einsetzte und für Misstrauen innerhalb der Szene sorgen sollte. Eine Zeitzeugin berichtet, dass sie bei der Durchsicht ihrer eigenen Stasi-Akte Jahre nach dem Fall der Mauer feststellen musste, dass auf sie zeitweise 15 Mitarbeit der Stasi (…) eingesetzt wurden. Wer sich davon nicht beeindrucken ließ, musste täglich damit rechnen, von den Staatsorganen verhaftet zu werden. Viele Punk-Frauen wurden zur Disziplinierung in die „Tripperburg“ (=geschlossene venerologische Stationen) eingesperrt. Jüngere Frauen im Teenageralter wurden oftmals in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingewiesen, wo sie mit militärischem Drill und brutaler Härte zu systemkonformen Menschen umerzogen werden sollten. 
Nach der Haftentlassung entschieden sich einige von ihnen, einen Aureiseantrag in den Westen zu stellen, andere leisteten weiter Widerstand, schlossen sich zum Teil den späteren Montagsdemonstrationen an. Dort wunderten sie sich über die große Anzahl an Demonstranten, die all die Jahre zuvor nicht die Spur des Widerstands gezeigt hatten…

Fazit: „Die Jugend von heute muss wissen, wie schön es ist, frei zu sein und alles zu dürfen – anziehen, was man will, sagen, was man denkt, Musik hören, die man mag, sich zig Ohrringe anzuhängen, ohne dafür ins Gas gewünscht zu werden. Oder einfach mal herumgrölen, ohne eine Strafe zu erwarten. Sie müssen wissen, wie schön es ist, das ausleben zu dürfen. Wir durften das alles nicht.“ (Sissi)

Klare Kaufempfehlung!

Pressure Redaktion
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