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Böhse Onkelz Memento Albumcover 2016

Gott hat ein Problem – Die Onkelz sind zurück!

In ihrer Schaffenspause haben die Böhsen Onkelz dem Volk aufs Maul geschaut und liefern mit MEMENTO die Antwort, die nicht jedem schmecken wird. Denn der personifizierte “faule Zahn in deinem weißen Lächeln” legt den Finger wieder in die Wunde – Frankfurts beste Adresse in deine Fresse!

Ich bin ehrlich, schon lange nicht mehr hatte ich so viel Ehrfurcht, Respekt und die Befürchtung zugleich, dass eine Band, die mich seit `97 begleitet, ein neues Album herausbringt. Denn das Risiko, das Comeback zu versauen und damit das gesamte Schaffenswerk der vergangenen 35 Jahre mit dem Arsch einzureißen war hoch, viel zu hoch.

Nach all den Turbulenzen der vergangenen Jahre, der Auflösung im Jahr 2005, den negativen Schlagzeilen um Sänger Kevin Russel, der Rückkehr der Band ins Showgeschäft 2014 und dem mittelmäßigen Comeback-Song „Wir bleiben“ wuchs die Messlatte für ein gutes neues Album ins schier unermässliche Höhen. Und jetzt ist sie plötzlich da – die neue Onkelz.

Wurden die Erwartungen erfüllt? Und wie klingen die Onkelz im Jahr 2016?

Frankfurts ganzer Stolz hat sich rund zwei Jahre Zeit gelassen um zum 28. Oktober 2016 mit MEMENTO ein neues Studioalbum auf den Markt zu bringen. Die Gretchenfrage mit der das Album aus meiner Sicht stehen oder fallen würde lautete bei mir ganz klar: Wie klingt Sänger Kevin Russell nach all seinen Drogenskandalen und Eskapaden der vergangenen Jahre, die mitunter zur Auflösung der Onkelz im Jahr 2005 führten? Wird er wieder den typischen Onkelzgesang der mir in meiner Jugend Gänsehaut bescherte abliefern können? Die Antwort gleich vorne weg: Er klingt noch viel zerstörter und heroischer als je zuvor! Und das ist gut so – Dieser Teufelskerl hat den Tod mehrfach überlebt und schert sich einen Dreck um Lobhudelei oder Kritik und singt: „Ich will keinen Ponyhof, ich hasse Pferde, Risiko“ in „Mach’s Dir selbst“.

Doch erst einmal zurück zum Anfang. „Gott hat ein Problem“ ist der “Gruß aus der Küche” und erinnert an die Intros der vergangenen Jahre. Mit einer ordentlichen Priese Pathos versalzen die Musiker denjenigen die Suppe, die sich die Band weiterhin Tod gewünscht haben. Musikalisch ist der Einstieg maximal Bedeutungsschwer aufgeladen und versetzt den Hörer in eine Stimmung aus Vorfreude mit tatsächlich reichlich Gänsehaut.

Und es geht auch in den folgenden Songs weiter in guter alter Onkelzmanier „Jeder kriegt das was er verdient“ ist eine messerscharfe Selbstanalyse über den unnachahmlichen Werdegang der “Band der Ungeliebten” und dem Spiel mit den Medien. Ein Teufelsritt auf Messers Schneide mit einem Liedtext, bei dem jede Silbe einschlägt, wie eine Bombe. Treffer versetzt. Musikalisch erinnert die groovige Klavierbegleitung an die Zeit des „Heilige Lieder“ Albums.

Spätestens beim Song „Wo auch immer wir stehen“ wird mehr als deutlich, was musikalisch auf dem Markt in den letzten Jahren gefehlt hat. Trotz der jeweiligen Solo-Projekte der einzelnen Musiker, konnte die großen Fußstapfen der Frankfurter Rockgröße weder durch Genrekollegen, noch durch die einzelnen Musiker selbst in ihren Soloprojekten gefüllt werden. Die Symbiose aus Kevin, Stephan, Pe und Gonzo macht in seiner Essenz den Erfolg und schließlich das Lebensgefühl der Band aus. Mit dem Text „Wir nehmen das Glück in unsre Hand, Hängen das Herz über den Verstand, werden niemals auseinander gehen, wir sind füreinander da“ ist eine epische Ballade mit breiten Chören entstanden, die nicht nur gut mit nem Fass Bier, sondern auch unheimlich gut daheim auf dem Sofa mit einem guten Rotwein harmoniert. Respekt!

Eine bombastische Fortsetzung von „Auf Gute Freunde“ gibt’s mit dem Stück „Auf die Freundschaft“. Schlichtweg der Übersong des Albums und ein starker Mitgrölsong bei Bierseligen Konzertorgien, Chapeau! „Ich heb’ das Glas auf das was werde, auf Euch und die Sterne. Auf das was ihr in Haut und Herzen tragt“. In diesem Sinne „Macht Krach und reckt die Fäuste

Einen runden Abschluss gibt es mit „52 Wochen“ und liefert die perfekte Feierhymne zum Jahresausklang. Im typischen Onkelz-Sound geht die Nummer ordentlich nach vorne und liefert eine augenzwinkernde Songzeile nach der anderen. “Auch das schlimmste Jahr hat nur 52 Wochen. Du Arschloch, du kannst mich mal“.

Mit MEMENTO kommt ein dickes Brett, mit dem die Frankfurter Rocker so dermaßen ausholen, dass jeder einen brachialen Schlag ins Genick abbekommt und kriegt, was er verdient. Die Fans erhalten endlich ihre langerwartete Dosis Onkelz, die in bester Form, hoch-professionell und textlich wieder in Bestform zurück sind. Neidische Arschlöcher, Medien, Staatsorgane bis hinzu Jesus bekommen einen verbalen Einlauf, der so direkt und unverblümt wie auf dieser Scheibe wohl noch nie zuvor von einer Band artikuliert wurde: „Bevor ich deine Füße küsse, werde ich sie dir brechen“. Noch Zweifel?

Back to the Roots, Baby!

Die Songs klingen insgesamt nicht nur gut produziert, sondern sind auch perfekt arrangiert. Positiv fällt vor allem der gewollt raue und unpolierte Sound auf, was mitunter wohl auch durch die Produktionsorte inspiriert wurde. Aufgenommen wurde das Album in den Studios in Dublin, auf Ibiza und in Nashville, Tennessee. Insbesondere Michael Wagener’s Wireworld Studio in Nashville war für Stephan Weidner, Gonzo Röhr und Produzent Michael Mainx ein Highlight, da in den heiligen Hallen der Producer/Engineer Legende schon zahlreiche internationale Musikergrößen ihre Alben produziert und abgemischt haben, darunter Metallica, Alice Cooper, Ozzy Osbourne, Mötley Crüe und Megadeth. Die Instrumente klingen richtig schön dreckig, jedoch gut dreckig und versetzen den Hörer gedanklich zurück in die Schaffensphase Ende der 90er Jahre. Keine Synthies oder übertriebene Effekte, hier gibt es Rock ‚n’ Roll pur!

Ganz schön für die Augen ist, dass die Band schon lange im Vorfeld damit begonnen hat, mehrere tausend Onkelz-Tattoos von Fans zu sammeln, um diese als Grundlage für das Artwork von Memento zu verwenden. Als Bonus gibt es ein 120 Seiten starkes Heft in dem die tausenden Onkelz-Tätowierungen der Fans zu sehen sind. Hier kann sich auf die Suche nach seinem eigenen Tattoo begeben werden.

Ich gebe zu, dass ich vielleicht eine neue Onkelz-Scheibe gar nicht gut finden wollte, denn ich hatte, wie Hunderttausend andere Fans, die Ära der Böhsen Onkelz zusammen mit meiner Jugend auf dem Abschieds-Konzert 2005 am Lausitzring zu Grabe getragen. Daher war ich gegenüber einer Reunion mehr als skeptisch und war mehr als skeptisch gegenüber einem neuen Album. Doch nun bin ich beruhigt. Denn wer so zurück kommt, der darf gerne bleiben.

Pressure Magazine Fazit:

Hut ab, lie(h)be Onkelz! Mit MEMENTO ist das Comeback endgültig gelungen. In jedem Song wird mehr als deutlich, dass die Onkelz bewusst nicht überproduziert und massentauglich klingen wollen, und hier alle Register gezogen haben, um dreckig und unangepasst zu klingen, aber dennoch Texte mit wahnsinnigem Tiefgang abzuliefern. So lebt das Album nicht nur von wahnsinnig guten musikalischen Part, wie in „Der Junge mit dem Schwefelholz“ oder „Nach allen Regeln der Sucht“, sondern auch von den brillianten Texten und aus der Feder Stephan Weidners, die abermals alles übertreffen, was auf dem Musikmarkt veröffentlicht wird – selbst die Lyrics seiner Solo-Veröffentlichungen.

Blut ist dicker als Wasser und so verdeutlichen die 12 Songs einmal mehr, das die Frankfurter Jungs alle Klone des „Deutschrock“-Genre mal eben locker in die Tasche stecken und überdies eine gewaltige Pissmarke setzen.

DANKE, dass ihr es nicht versaut habt!

Review von Marcus Liprecht

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Trackliste:

01. Gott hat ein Problem
02. Frei
03. Markt und Moral
04. Jeder kriegt was er verdient
05. Mach“s dir selbst
06. Irgendwas für nichts
07. Wo auch immer wir stehen
08. Es ist sinnlos mit sich selbst zu spaßen
09. Der Junge mit dem Schwefelholz
10. Nach allen Regeln der Sucht
11. Auf die Freundschaft
12. 52 Wochen

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