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Veröffentlicht am 8. September 2013 von Pressure Magazine in Interview
 
 

Daniel Wirtz im Interview – Ein Erdling auf dem Weg zur Erleuchtung



Seine „Erdling“-Tournee bescherte Daniel Wirtz ausverkaufte Hallen in Hannover, Leipzig, Berlin und in seiner Homebase Frankfurt. Aufgrund dieses Erfolges spielte der Rockmusiker schon im Februar zehn weitere Konzerte in größeren Hallen, um der Anzahl seiner stetig wachsenden Hörerschaft gerecht werden zu können.

Der wachsende Erfolg von Daniel Wirtz liegt nicht nur an seiner Stimme, oder aber an der Art seiner Texte, obwohl das Zusammenspiel beider Faktoren, die authentischen, emotionalen und geradezu, zu ehrlichen Songs kennzeichnet und ihn dadurch recht unverwechselbar macht.

Nein, es ist wohl auch seine sympathische Art, die wesentlich zu seinem Erfolg beiträgt. Wirtz gibt sich nicht unannahrbar. Auf seinen Konzerten spielt er gerne mal einige Songs mit seiner Akustikgitarre, ganz einfach auf einem Hocker, in Mitte seiner Fans sitzend. Zudem nimmt Daniel sich auch die Zeit, um direkt und offen mit seinen Fans zu kommunizieren. Und dass, obwohl sein voller Terminkalender ihm ohnehin wenig Zeit zum Verschnaufen lässt.

Denn Daniel ist im wahrsten Sinne ein Macher, wie er im Buche steht. Er betreibt ganz nach dem Motto: “Do it yourself“, mittlerweile sowohl sein Label WirtzMusik, als auch die Vermarktung seiner eigenen Musik, seines Merchandises und mit allem was dazugehört, konsequent in Eigenregie.

Die Zeiten an denen Wirtz „nur“ der Frontmann von Sub7even war, gehören schon lange der Vergangenheit an.

Pressure Magazine führte mit Daniel Wirtz in den vergangenen Monaten mehrere Interviews über seine musikalische Entwicklung, sein zweites Album „Erdling“, über seine dazugehörige Tour und erste DVD-Veröffentlichung, sowie auch über Casting-Shows a la DSDS, über das Gesangstalent von Lena Meyer-Landrut und natürlich auch über die gerade begonnene Fußball-WM.

Herausgekommen ist dabei schließlich so ein Haufen interessanter Stuff, der den Umfang eines einfachen Interviews schlichtweg sprengt. Allerdings wollten wir euch den Stuff auch nicht vorenthalten. Deshalb haben wir spontan ein dickes Wirtz Special geschnürt. Viel Spaß beim lesen des Interviews.

Daniel, früher warst du nur als Frontmann von Sub7even bekannt. 2008 kam dann dein Solo-Debütalbum „11 Zeugen“ auf den Markt. Schon ein Jahr später hast du mit dem Album „Erdling“ noch einmal kräftig nachgelegt.

Bevor wir insbesondere auf letzteres näher eingehen wollen, erzähl uns doch bitte erst einmal, wie du überhaupt auf die Idee gekommen bist, eigene Wege zu gehen und wie hast du sie umgesetzt?

Wirtz: Ehrlich gesagt, haben sich im Laufe der Zeit bei mir einfach jede Menge Texte angesammelt. Irgendwann kam mir die Idee, aus diesen Texten eine eigene Platte zu machen. Angefangen mit der Grundidee „Wirtz“ wollte ich die ganzen Sachen, die sich in mir angestaut hatten einfach mal loswerden, bevor ich davon ein Krebsgeschwür bekomme. Die Songs waren persönlich, kamen ganz aus meinem Inneren und passten ihrer Art nach leider gar nicht zu Sub7even.

Bei einigen Sachen, die textlich und inhaltlich aus mir raus kamen, wusste ich selbst am Anfang nicht einmal, ob man dass, was ich mir da in meinem stillem Kämmerlein zurechtgebastelt habe, überhaupt in Form von Musik bringen kann. In erster Linie war es zunächst einmal gut, dass ich diese Dinge für mich erkannt und niedergeschrieben habe. Der Rest kam eher aus einer Bierlaune heraus, als ich das Material Matthias Hoffmann, also demjenigen gezeigt habe, der ein Label hatte und letztendlich auch die Musik produziert hat. Er hat mir den Mut gegeben und mich davon überzeugt, dass das Ding echt jemanden berühren kann. Das war auch der Startschuss für die ganze Aktion und Grund dafür wo wir heute sind.

Wie hast du deinen Plan dann umgesetzt?

Wirtz: Von vorne herein war für mich aber ganz klar, dass ich mit dieser Art von Songs nicht bei irgendeinem großen Label landen würde. Wie üblich hätte man mir da viel zu sehr versucht reinzureden, oder mir eingeredet eine Radio-Single zu produzieren – ich bin nicht bereit derartige Kompromisse einzugehen und mache da lieber das was ich für richtig halte. Im Hinblick auf Sub7even zum Beispiel, wäre ich auch ehrlich gesagt nur zu wenigen Zugeständnissen bereit gewesen. Wenn mir der Gitarrist hier so was sagen würde wie: „Nee lass mal, das klingt jetzt aber schwul“ wäre ich da wahrscheinlich viel zu empfindlich gewesen und wäre ihm an den Hals gesprungen. Letztlich habe ich deshalb den Entschluss gefasst : „Das musst du jetzt allein machen!

Dadurch kam der Entschluss ein eigenes Label zu gründen fast von selbst. Allerdings stellte sich dann natürlich sofort die Frage, wenn nicht mit Sub7even, wie kriege ich die Songs auf die Straße?

Daraufhin hab ich fast 1 ½ Jahre eine Band, sprich die perfekten Jungs gesucht, mit denen ich mein Vorhaben bewerkstelligen könnte. Das war gar nicht so einfach, schließlich müssen die Jungs nicht nur profimäßig einen hinlegen können, sondern auch alles andere muss stimmen. Denn immerhin muss man mit ja gemeinsam auch auf Tour in engstem Raum zusammen abhängen können. Aber die lange Suche hat sich gelohnt, rausgekommen ist schließlich eine kleine, geile Crew.

Wenn du heute zurückblickst, was hat sich für Dich in den vergangenen 5 Jahren verändert?

Wirtz: Dank meiner Midlifecrisis am Anfang, habe ich mich lange mit mir selbst beschäftigt und in einer Art Selbstreflexion so viele Dinge losgestoßen, die mittlerweile einen riesigen Rattenschwanz mit sich ziehen und mich voll und ganz einnehmen. Das Ganze hat mich allerdings nun zu einer recht geilen Sache geschossen und ich soweit bin, dass mittlerweile schon eine zweite Platte da ist und ich inzwischen sogar an einer Dritten sitze. Ich sehe vor allem auch wieder einen Sinn darin Musik zu machen.

Letztlich sieht man ab einem gewissen Alter die Dinge auch irgendwie gelassen. Wenn das Testosteron abbaut und der Geist wächst, sind viele Dinge auch nicht mehr ganz so ernst und man geht es gelassener an, wo man früher zum Beispiel noch ausgeflippt wäre. Ich denke es ist auch das Ende eines Prozessen, der schleichend bereits vier oder fünf Jahre davor angefangen hat und der dann wie ein Pickel dann einfach geplatzt ist.

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Wieso heißt dein neuestes Album „Erdling“ und wie bist du auf die Thematik in deinen neuen Songs gekommen?

Wirtz: Für die erste Scheibe waren die Themen für mich von Anfang an klar. Für die Zweite hingegen war ich mir nicht wirklich sicher. Erdling steht als Tattoo für immer auf meiner Brust. Deshalb entschloss ich mich „Erdling“ als Grundgedanke für die neue Platte zu nehmen. Daraufhin habe ich mir Themen, die jeden angehen, als Überbegriffe gesucht. In der Gefühlswelt zum Beispiel gibt es letztlich nur Schmerz, Trauer, Liebe und Freude. Es ist im Endeffekt egal, ob du Dich jetzt über ein Auto freust oder weil du ein Kind kriegst, oder ob du trauerst, weil du verlassen worden bist oder jemand stirbt. Das Gefühl was letztlich dahinter steckt ist das gleiche, Freude oder Trauer.

Ich hab mir einfach mal die erdischen Erdlinge angeschaut und mir überlegt, wie tickt man, wenn das oder das passiert und was davon könnte Dich für deine zweite Platte interessieren.

Wie hat sich für dich die Zeit zwischen „11 Zeugen“ und „Erdling“ angefühlt?

Wirtz: Dazwischen hatte ich nicht viel (Frei-)zeit. Direkt nach dem letzten Gig der 11 Zeugen Tour begann die Arbeit für die nächste Platte. Zudem hatte ich enorm viel Arbeit mit meinem eigenen Label. Dies zusammen mit einer weiteren Platte, hat mich soviel Kraft gekostet, wie ich vorher in meinem Leben noch nicht aufgebracht habe. Insbesondere wenn man bedenkt, dass auch in der Zeit davor viel Kraft für die erste Scheibe aufzubringen war. Kurz gesagt waren das nun insgesamt einfach 3 Jahre, jeden Tag, 24 Stunden durchpowern. Und das hört auch nicht einfach auf. Ich muss ja im Endeffekt alles selber machen. Ich spreche vom Artwork, von Promotion und Vertrieb, bis zum T-Shirt entwerfen, irgendwie muss ja alles laufen. Im Endeffekt waren das echt die härtesten drei Jahre meines Lebens, aber auch die erfolgreichsten Jahre für mich selbst.

Wo habt Ihr „Erdling“ aufgenommen und wieviel Zeit hat dies in Anspruch genommen?

Wirtz: Eigentlich genau ein Jahr. Mein Produzent Matthias Hoffmann hat ein Studio an der Stadtgrenze zu Frankfurt. Das Studio darf man sich jetzt nicht so vorstellen, dass du dahin Mädels einlädst und sagst: „Das ist der Produzent und da ist die Couch“. Das ist ein ganz normaler Arbeitsplatz, schon fast büromäßig, man geht hin, nimmt Songs auf und ist froh, wenn man wieder nach Hause fährt.

Wie würdest du dein Album „Erdling“ beschreiben

Wirtz: Meiner Meinung nach, ist es eine konsequente Weiterführung des ersten Albums, ohne sich in irgendeiner Form zu wiederholen, beziehungsweise Sachen noch mal groß aufzuwärmen. Quasi wie der zweite Teil eines Filmes, wenn man den ersten Teil gut fand, schaut man sich den zweiten Teil auch ganz gerne an.

Dein Song „L.M.A.A:“ rechnet mit den Medien ab, die dein erstes Album „11 Zeugen“ verrissen haben. Wie kam es zur Idee für den Song?

Wirtz: Erst einmal vorab, ich habe nichts gegen Kritik. Ganz im Gegenteil, Kritik ist eine gute Sache. Sie hält einen dazu an, sich immer wieder selbst zu hinterfragen und sich weiter zu entwickeln.

Aber die Kommentare, die teilweise zu „11 Zeugen“ kamen, hatten nichts mit konstruktiver Kritik oder gar mit Kritik als solcher überhaupt zu tun.

Zum Teil kamen wirklich einfach nur so Kommentare wie: „Ey, Mann, Alter ich kenn‘ dich nicht“ oder „Hey, der ist ja asozial!“. Wenn ich so was höre, denke ich mir einfach nur: „Kennst du mich? Hast du schon einmal mit mir an einem Tisch gesessen?“. Es ärgert einen nun mal, weil gerade die Presse, die diese Dinge schreibt und sich auf die Fahnen schreibt Platten zu rezensieren, sich noch nicht mal die Mühe gemacht hat, sich überhaupt mit der Scheibe zu beschäftigen. Wenn ich hingehe und sage: “Ich hab da einfach keinen Bock drauf!“, dann hab ich mir wohl den falschen Job ausgesucht und sollte darüber nachdenken einfach was anderes zu machen.

Aber diese Leute, die so was von sich geben, müssen meiner Meinung nach einfach persönlich irgendwelche Probleme haben, zum Beispiel weil die Alte zu Hause stresst oder die Mutter nervt. Dann liegt da noch der „Wirtz“ auf dem Tisch und irgendein Promoter will ihnen auch noch erzählen, dass es sich dabei um echt geilen Scheiss handelt. Ich kann ja verstehen, dass bei so einem Typen die Plattenkritik auch mal etwas härter ausfällt, als bei einem, der einen guten Tag gehabt hat, wunderbaren Sex hatte oder die Freundin ihm das Frühstück gemacht hat.

Hinsichtlich L.M.A.A: habe ich mich allerdings gefreut, denn schließlich haben mir gerade diese Leute über die ich mich aufrege, die Strophen für den Song geschenkt. Ich konnte den Refrain in fünf Minuten selber machen und hatte enorm Spaß dran, weil ich wusste, dass das live tierisch abgehen wird. Das ist die Sache wert gewesen.

Die Texte deiner beiden Alben „11 Zeugen“ und „Erdling“ sind ausgesprochen Wortgewaltig und Tiefschürfend – vorwiegend sogar sehr pessimistisch. Nun kann man die Welt nicht schöner malen als sie ist, aber muss sie auch nicht pechschwarz sehen. Gibt es da mit der nächsten Platte auch einmal Licht am Ende des Tunnels?

Wirtz: Eine gute Frage – ich frage mich auch schon die ganze Zeit, wo das hingehen wird. Ich weiß nur, dass die Musik etwas ist, was in dieser Art so aus mir herauskommt. Ich bin jemand, der grundsätzlich schon eher positiv durchs Leben geht, aber sobald ich die Gitarre in die Hand nehme und Anfange in mich selbst reinzuhören, wird es sehr dunkel. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich in meiner Musik Sachen verbreite, um in meinem echten Leben damit klarzukommen. Von daher spielt sich die Textfindung wohl eher unbewusst statt. Ich wünschte ich könnte mal so einen richten „Gute-Laune-Song“ schreiben, worauf ich selbst auch echt Bock hätte. Aber ich werde nicht zwanghaft etwas konstruieren, was nicht zu mir passt und nicht der Wahrheit entspricht. Denn bloße Konstruktionen klingen im Ergebnis einfach nur so richtig Scheiße. Aber ich hoffe wirklich, dass es da Licht gibt – und das es kein Zug ist!

Bei Sub7even warst du demnach für die Texte nicht alleine verantwortlich?

Wirtz: Die Texte habe ich damals zusammen mit Christoph Wolff geschrieben. Hier war der Text allerdings eher ein Begleitelement, weil es bei den Sub7even Texten ja mehr um die Musik, um Attitude und Energie ging. Bei mir hingegen ist das Thema ein ganz anderes und somit lege ich hier den Fokus eindeutig mehr auf die Inhalte. Bei meinen Solo-Platten stehen die Texte ganz klar im Vordergrund und ich bin davon überzeugt, dass ich auch mit einer Blockflöte durchs Land ziehen könnte und es den Leute gefallen würde. *Lacht*

Ich habe auch bislang nämlich noch nie gehört, dass jemand die Mucke geil findet, sondern die Leute immer auf die krassen Texte loben.

Im Englischen textest du ja auch ganz anders und versucht eher ein Lifestyle-Gefühl mit reinzubringen. Man achtet eher darauf, dass die Reime passen und gut klingen. Bei dem Sub7even Album „Love Chain Rocket“ hatte ich bereits damit begonnen mich mit den Texten in eine andere Richtung zu bewegen. Das ist mir allerdings kürzlich erst bewusst geworden, als ich mir mal wieder die Texte durchgelesen habe. Mit dem „Wirtz“-Ding bin ich nun mehr ans Wort gefesselt und arbeite auch schon an neuem Material für meine nächste Platte. Aber ganz klar ist, dass man sich dabei immer selbst hinterfragen muss, ob es überhaupt etwas zu sagen gibt oder man vielleicht doch besser das Maul hält und keine Platte macht. Würde ich etwas machen, nur weil es gut klingt, würde ich wohl alles kaputt machen, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe.

Wo wir gerade bei den Texten sind, erzähl doch einfach mal ein bisschen was über die folgenden Songs von dir:

– Anderer Stern?

Wirtz: Es ist ein Phänomen, wenn man Sachen mit einem gewissen Abstand betrachtet, sieht man Dinge auch anders. Man fragt sich, man wie warst du denn da drauf, dass dich das so gepackt hat? Reflektiere ich die erste Platte so kommt es mir heute vor, wie von einem anderen Stern… so weit weg.

– Meinen Namen?

Wirtz: Dieses „Sich einfach mal überlegen – Was willst du eigentlich?“ Man hat ja eine gewisse Zeit, die man geschenkt kriegt, wo man sich überlegen muss, was man aus ihr macht. Was ist eigentlich das, was alle wollen? Meiner Meinung nach wollen alle, dass sie nicht vergessen werden. Ich denke Leute leben unter anderem auch deshalb in einer Ehe, weil sie in ihrem Partner eine Person haben, der Zeuge ist, dass man mal gelebt hat. Genauso wie Leute früher an die Höhlen gemalt haben, dass sie einfach mit einem Speer Beute erlegt haben, genauso will ich mit meiner Musik Spuren ziehen, die man vielleicht noch hört, wenn ich irgendwann nicht mehr da bin.

– Meilenweit?

Wirtz: Mir ist mal aufgefallen, wenn wir auf einen Ameisenhaufen schauen, funktioniert dort alles trotz all dem Chaos. Bei Tieren ist alles im Einklang mit der Natur und alles hat seinen Zweck. Wenn man sich allerdings die Menschheit von oben angucken würde, will man meinen, dass sie im Gegensatz zu den Tieren die Einzige ist, die hier total gegen das System läuft, nichts in Einklang bringt, sondern vielmehr den Virus der Welt darstellt.

Meilenweit sagt aus, dass dafür, dass wir die höchstentwickelte Spezies sind, wir echt weit davon entfernt sind zu verstehen worum es eigentlich geht. Ich habe den Song auch mit Beispielen angereichert, wie „In Rom mächtige Männer sitzen, die sagen: „HIV – macht ihr mal.“ Bei solchen Aussagen ist es kein Wunder, dass die Leute es untereinander noch härter treiben.

– Frei?

Wirtz: Ist ein Song, den ich für mich geschrieben habe. Es ist eine Erinnerung für mich. Ich weiß nicht wie es Dir geht, aber ich habe oft Tage an denen ich denke: „Mensch, Deutschland suckt total!“. Du kommst vorne und hinten einfach nicht klar. Alles macht überhaupt keinen Sinn. In solchen Momenten guck ich über den Tellerrand und schaue mir andere Schicksale an. In China würde ich für so eine Platte wie „Erdling“ bestimmt öffentlich hingerichtet werden. Im Irak gibt’s bestimmt coole Jungs, die bestimmt Bock hätten eine Metalband zu machen, aber sie dürfen es nicht. Und in Afrika ist das Einzige, was so laut wie eine Bassdrum ist, eine Mine, auf die gerade ein Kind getreten ist.

Wenn man sich das einmal vor Augen hält, dann geht es einem im Vergleich dazu eigentlich recht geil hier. Wenn man mal eben kurz zum Doc muss, dann funktioniert hier in Deutschland alles. Und für all die, die dass eben nicht können, für die erinnere ich mich daran.

– Kugel Kopf & Eins Im Sinn?

Wirtz: Das Lied befasst sich mit Selbstmord. Ich hab daran auch schon öfters mal gedacht. Und wenn ich nicht so feige wäre, dann hätte oder würde ich es vielleicht auch tun.

Zudem gibt es sehr viele Leute, die einfach aus dem Leben gehen und dabei nicht gesehen werden. Aus diesem Grund habe ich den Song Karsten Hoffmann gewidmet. Karsten war ein wirklich guter Freund von mir, er ist vor 4 Jahren gestorben. Niemand hat mitbekommen, dass er wirklich viel für mich gemacht hat. Ich habe ihm diesen Song gewidmet, damit er nicht vergessen wird.

– Siehst Du Mich?

Wirtz: Siehst du mich, ist der Versuch eines positiven Songs auf dem Album. Er ist das fröhlichste, was bisher bei  mir herausgekommen ist. Ich wollte eine Art Lovesong machen, der aber nicht irgendwie schwul ist, das ist auf deutsch immer recht schwer. Überhaupt das Thema Liebe. Aber Siehst du mich ist ein Song, den sich zwei Jungs sagen können. Da es in ihm einfach um Werte geht.

Darüber hinaus ist es für mich auch immer schön ihn zu spielen, denn in jeder Stadt sind Leute, die mich sehen, obwohl ich nicht weiß woher sie kommen. Und es werden immer mehr, ihnen gehört dieser Song.

– Nada Brahma?

Wirtz: Die Welt ist Klang irgendwie. Über diesen Satz bin ich im Internet gestolpert. Er besagt, dass alles aus Klang besteht, ja sogar jedes Atom schwingt. Demnach bin ich mit meiner Musik quasi ganz nah an dem was alles ist. Und vielleicht ist Musik auch der Schlüssel dazu, die Leute zu packen, zu treffen, einfach die Seele von allem Guten und Schlechten. Mit dem Songtext sagt man letztlich aus, dass alles Klang ist und alles in Klang geht und wir uns alle irgendwann wieder sehen werden, zwischen Hendrix und Nirvana im Nada Brahma.

Was ganz witzig ist, mir hat das gerade jetzt sogar einer geschrieben: Es gibt sogar eine Meditationsart, die Nada Brahma heißt und 60 Minuten dauert. Meine Platte ist glaube ich 60:52 Min lang. Das hab ich eigentlich gar nicht auf dem Schirm gehabt, aber da kamen mir gleich wieder  Verschwörungstheorien. *Lacht* Es war echt Zufall, aber es sollte wohl so sein.

Hast du einen  persönlichen Lieblingssong auf dem Album „Erdling“?

Wirtz: Ich könnte jetzt keinen Song raus greifen und sagen, dass dieser besser oder schlechter als ein Anderer ist. Aber ich gebe zu, ich habe überlegt, ob ich nicht irgendeinen Song vom Album nehmen sollte, um später einen Bonustrack in partout zu haben. Aber wenn ich irgendwo einen Song rausziehen würde, würde das Album in sich zusammen fallen. Es hätte dann einfach nicht mehr diesen Bogen, den es nun insgesamt hat. Von daher kann ich diese Frage nur so beantworten, es ist das Album an sich!

Wie hat dein persönliches Umfeld auf die Texte reagiert? Waren das die Texte, mit denen Deine Freunde gerechnet haben?

Wirtz: So viele Freunde habe ich jetzt gar nicht *Lacht*. Die Freunde die ich habe wundern sich immer, wie ich es geschafft habe, die Dinge so genau auf den Punkt zu bringen und den inneren Schweinehund so rumzureissen um dadurch das Thema innerlich mit mir selbst ausfechten zu können. Einige erkennen sich in meinen Texten auch selbst wieder, da sie von Dingen handeln, die in meinem intimen Umfeld passiert sind. Allerdings, habe ich bei ihnen auch nicht so genau nachgefragt. Nur weil man jetzt mal sein Schwänzchen zeigt, will man das der Anderen ja nicht auch gleich sehen.

Genau auf den Punkt bringen, ja das fällt so manchem Musiker schwer. Wie gehst du beim Songwriting vor das du das schaffst?

Wirtz: Das ist unterschiedlich. Es gibt Songs, die man quasi einfach so runter schreibt, weil sie rausmüssen, aber auch einfach welche, die man sich hart erarbeitet. Also, wenn ich nicht gerade so eine Scheibe wie die „11 Zeugen“ mache -bei der es mir, als ich damals die Texte schrieb, einfach auf der Seele brannte und einfach alles raus musste, bevor es zum Krebs wird- kann ich mir rein theoretisch eine Gitarre nehmen ein Riff und einen Chorus machen und dann einen Song schreiben. Der Song drückt dann genau das aus, was ich gefühlsmäßig in dem Moment gerade fühle.

Bei der zweiten Scheibe gibt es ein paar Songs, die ich mir echt hart erarbeitet habe, vor allem thematisch, bezüglich der Frage, wie weit kannst du gehen? Ich habe manchmal bestimmt 19 oder 20 Texte geschrieben, um den einen zu finden, der auf die Musik passt, die ich gerade kreiert habe.

Beeinflusst dich beim kreieren neuer Songs auch Musik die du privat hörst?

Wirtz: Privat ist es eigentlich sehr ruhig bei mir. Ich bin vielmehr froh, wenn nichts läuft. Aber das ist für mich wahrscheinlich genauso, wie bei einem Koch. Der kocht wahrscheinlich zuhause nach acht Stunden Arbeit auch nicht mehr viel“ Dementsprechend herrscht bei mir echt oft einfach Stille, die ich genieße. Steht allerdings ne Produktion an und ich beginne den Sound zu kreieren, dann hör ich mir z.B. die fetten Ammi-Acts an und frage mich „Wie klingt die Snare?“ oder aber „Wie weit komprimieren die das?“ und „Wie machen die den Gitarrensound?“

Wenn man dich so reden hört und auch deine Texte im Hinterkopf hat, scheinst du dich stark mit dir selbst und den geistigen Gesetzen beschäftigt zu haben, oder kommt das falsch rüber ?

Wirtz: Ich hatte jemanden an meiner Seite, der wie ein Spiegel für mich war und konnte darin extrem viele Sachen erkennen, die mich total abgefucked haben. Allerdings musste ich feststellen, dass ich diese Sachen genau so in mir habe. Das war dann für mich der Initialzünder, sich selbst einmal im Spiegel zu anzuschauen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Es gibt dieses Phänomen ja auch in der Fotografie: Man hat diesen Schnappschuss von sich, sieht ihn und denkt, „Man, sehe ich auf diesen Bild scheisse aus“ und alle anderen sagen aber, „Quatsch, das sieht gut aus. Genau so siehst du aus!“ Was daran liegt, dass man sich selbst immer anders sieht, als man wirklich ist. Das ganze nun in Textform zu machen und zu sich selbst so ehrlich zu sein, das hat bislang für zwei Platten gereicht.

Bist du gläubig oder fühlst du dich einer Religion zugehörig?

Wirtz: Ich bin auf jeden Fall katholisch erzogen worden, aber hatte meiner Meinung nach immer so meinen eigenen Deal mit Gott. Es gibt ein schönes Buch. Es heißt: „Die Bibel nach Biff“ und erzählt quasi die Real-Story of Jesus von seinem besten Kumpel Biff, der leider nie in der Bibel erwähnt worden ist. Ich glaub das Ding ist viel näher dran an der Bibel, als die Bibel selbst. Wie gesagt, ich hab da eher so mein eigenes Ding. Ich bediene mich auch gerne aus dem Buddhismus.

Aber in wirklich dunklen Momenten ist eh keiner da und ich kann beten und beten, aber bei mir kommt da kein Feedback. Es gibt einen Spruch: „Dir wird geholfen, wenn du Dir selber hilfst.“ Von daher müssen wir uns wohl oder übel selber helfen.

Du hast gerade den Buddhismus angesprochen, kannst du darauf ein bisschen mehr eingehen?

Wirtz: Ich habe festgestellt, dass wenn man einfach mal gibt, ohne etwas dafür zurück zu verlangen oder eine bestimmte Absicht im Hinterkopf zu haben, dass man dann vom Universum das auf eine andere Art und Weise zurück bekommt. Es waren einige Momente in meinem Leben, in denen ich das erfahren und dadurch gelernt habe, diese Dinge indirekt zu steuern. Wenn man cool mit sich selbst ist, bekommt man einfach Sachen zurück, die man definitiv nicht bekommen hätte, wenn man zum Beispiel eine Gegenleistung erwartet hätte. Überhaupt sollten wir aufhören, uns selbst immer so wichtig zu nehmen.

Du warst mit deiner Tour Erdling 2009 enorm erfolgreich, sogar so erfolgreich, dass du sie 2010 fortgesetzt hast. Wie kann man sich denn einen typischen Tourtag bei dir vorstellen?

Wirtz: An einem typischen Tourtag werde ich morgens im Hotel wach, checke aus und mache mich dann auf den Weg zum nächsten Veranstaltungsort. Dort angekommen steht für uns alle meistens schon sehr leckeres Essen bereit, so dass wir dann erstmal frühstücken. Die ganzen örtlichen Veranstalter auf der letzten Tour haben sich sehr viel Mühe gegeben, so dass wir uns bei Ihnen rundum wohl gefühlt haben. Nach und nach wird dann die Bühne aufgebaut und alles verkabelt. Dann folgt der Soundcheck. Im Anschluss daran steht schon eigentlich schon wieder neues Essen für uns bereit. Stärkung, denn danach geht es ab auf die Bühne. Nach dem Konzert trinken wir immer noch einen Absacker, setzten uns zusammen und schauen uns den Film an, den wir immer von der Show aufzeichnen. Man schaut sich an was gut oder schlecht war und was man wie besser machen könnte. Wenn wir damit durch sind, ist die Arbeit getan und kann jeder seinen restlichen Abend frei gestalten.

Wie bereitet man sich aus deiner Sicht auf so eine Tour am Besten vor?

Wirtz: Ich wusste ja im Vorfeld, dass ich jeden Abend 2 ½ Stunden auf der Bühne stehen werde. Um dafür zu sorgen, dass ich das überhaupt konditionell auf die Reihe bekomme, bin ich jeden Abend am Main laufen gegangen. Man versucht einfach, konditionell am Start zu sein und natürlich auch, die Lunge darauf vorzubereiten, dass man von nun an wieder regelmäßig raucht. Auch die Leber muss du darauf vorbereitet werden, dass es von nun an jeden Abend Alkohol gibt. Denn selbst wenn du gesanglich gut aufgestellt bist und erst auf Tour damit anfängst zu rauchen und zu saufen, dann kommt das ziemlich blöd. Es ist ja schließlich nicht so, dass du sagst: „Ich komm jetzt gerade aus der Betty Ford Klink und geh direkt auf Tour. Deshalb dosiere ich mich langsam steigend in Richtung Tour auf sämtliche Eventualitäten, damit am Tag X auch alles am Start ist. Und das dauert fast immer drei bis vier Wochen.

Hast du irgendein Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

Wirtz: Wir sammeln uns vorher noch mal, so dass jeder in seinem Kopf das Ganz durchgehen kann und damit nicht jeder wie ein aufgescheuchtes Huhn auf die Bühne rennt, aber letztlich genau weiß was er zu machen hat. Kurz vorher schauen wir uns alle noch mal an und sagen uns, dass wir jetzt zusammen richtig Spaß haben und dass wir die Show auch genießen werden.

Was magst du lieber, das Tourleben oder die langen Studio/Proberaumnächte?

Wirtz: Ich glaube das ist so ein 50/50-Ding. Es muss sich einfach die Waage halten, denn wenn man ein Jahr ununterbrochen im Studio an einem neuen Album geschraubt hat, dann ist man froh, wenn man endlich mal wieder raus kommt. Ist dann schließlich die Saison rum, bist du aber auch froh, dass du wieder ins Studio darfst.

Wenn du die freie Wahl hättest, in welchem Land würdest du gerne mal spielen?

Wirtz: Im Winter fände ich wegen dem scheiß Wetter hier eine kleine Thailandtour ganz geil. Aber ich glaube, da würde kein Schwanz kommen und wenn würde dort die Texte leider auch keiner mitsingen können.

Mit welchen Bands würdest du gern mal zusammen spielen?

Wirtz: Puh, ich hatte mal ganz kurz die Gelegenheit gehabt, mit den Foo Fighters zu spielen. Das hat aber dann leider kurzfristig doch nicht geklappt. Aber das wäre schon mein Fall gewesen. Auch würde ich mal gerne mit Alice in Chains, Pearl Jam oder Soundgarden auf der Bühne stehen. Und wenn das erledigt ist, kannst du mich dann wohl auch ans Kreuz schlagen.

Apropos zusammenspielen: Was insbesondere die Fans von Sub7even interessieren wird, hat dein Projekt „Wirtz“ für dich jetzt erstmal Priorität oder läuft es parallel zu Sub7even?

Wirtz: Grad letztens habe ich mich mit den Jungs von Sub7even in Bochum getroffen. Allerdings haben wir derzeit noch nicht soviel neues Material für Sub7even zusammen, so dass im jetzigen Zeitpunkt noch nichts Konkretes für die Zukunft feststeht. Aber wenn die Jungs mir geiles Material anschleppen, bin ich der letzte, der nein sagt.

Was ich aber definitiv sagen kann ist, dass wir keine Platte rausbringen werden, die kein Schwanz braucht. Dafür gibt’s schon genug CDs, die im „Saturn“ rumliegen und die keiner haben will.

Für mich persönlich bedeutet der Stand der Dinge, dass ich erstmal mein Soloprojekt weiter vorantreiben werde. Ich hab den Jungs auch gesagt, dass ich dafür Zeit brauche, wenn es noch ein Jahr dauert – dauert es halt ein Jahr und wenn es noch fünf Jahre dauert, dann dauert es halt noch fünf Jahre.

Am 26. März ist deine erste DVD von der Erdling Tour 2009 erschienen – wie waren die Reaktionen darauf?

Wirtz: Auf meinen kleinen Inseln, wie MySpace oder im Gästebuch auf www.wirtzmusik.de hatte ich überwiegend den Eindruck, dass die Leute verstanden haben, wie die Veröffentlichung gemeint war. Die DVD war ja nicht sonderlich groß angepriesen als das „Live in Woodstook“ oder „Live im Hydepark“, sondern es ist eine Momentaufnahme. Und die sollte hauptsächlich für mich einmal a) eine kleine Videoanalyse sein, da man als Musiker ja selten die Gelegenheit hat, sich von Vorne zu sehen oder gar eigene Schwachstellen zu erkennen. Von daher sehe ich das auch in soweit sehr sportlich, dass man dadurch auch die Punkte herausfiltert, an denen man sich noch verbessern kann. Ganz wichtig ist auch die Frage, ob mich die Show überhaupt selbst flashen würde, da ich am allerwenigsten beurteilen kann, warum andere auf meine Musik abfahren.

Zum andern ist sie für alle, die da waren, oder ein Konzert der Tour besucht haben. Ein Konzert in der Batschkapp mit tollen Leuten und mit allen Songs live. Ich habe auch bewusst auf zusätzlichen Schnickschnack oder großartig Bonuszeug verzichtet. Es hat mich echt gefreut, dass die Leute das Thema so gut ticken und diejenigen, die nicht dabei waren es dennoch sehr positiv aufgenommen haben. Die Aufnahmen im Bonusteil sind ja teilweise völliger Schwachsinn und wenn du den Zusammenhang nicht kennst, eigentlich auch nicht darüber lachen kannst. Aber viele fanden es dann auch auf einmal interessant zu sehen, wie man im Studio rumsitzt, jede Menge Blödsinn labert und sich auf ein Konzert vorbereitet. In diesem Sinne war das letztlich für alle ein schönes Ding. Ich habe endlich meine Videoanalyse bekommen und habe sogar schon an mir und an der Band gearbeitet. Jetzt weiß ich ganz genau, wie wir uns auf der Bühne anstellen.

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Was waren denn die wichtigsten Kritikpunkte, die du dabei gefunden hast?

Wirtz: Das war allem voran, dass wir die Songs zu schnell gespielt haben und ich zwischen den Songs die Leute totgelabert habe, obwohl schon alles mit dem Song gesagt wurde. Gerade bei letzteren hatte ich am Anfang stark das Bedürfnis, die Texte zu erklären, weil ich hier ja ziemlich die Hosen runterlasse. Doch am Ende sprechen die Lieder für sich und habe gesehen, dass ich einige Kommentare auslassen kann, um schneller durchs Programm zu gehen. Darüber hinaus waren es auch einige choreografische Sachen, wie zum Beispiel: Musiker, die ihre Position verlassen, die auch weiterhin im Scheinwerfer und nicht im dunkeln stehen sollen. Ansonsten war ich alles in allem schwer beeindruckt, wie gut die Jungs auf den Punkt sind. Somit war es im Nachhinein auch nicht nötig, die Songs zu „overdubben“, sondern wir waren happy, so dass das Werk letztendlich mit allen Vorkommnissen und auch Fehlern belassen werden konnte. Optimierungsbedarf besteht aus meiner Sicht noch bei Bühnenbelichtung, eine Lightshow, wie die von Nine Inch Nails werden wir im Moment leider noch nicht auf die Beine stellen können, aber wir arbeiten daran.

Ansonsten nennt man das wohl jammern auf hohem Niveau. Ob das demjenigen, der vor der Bühne steht, alles genau so auffällt, bezweifle ich zwar, aber man muss ja auch an sich selbst Ansprüche haben…

Ja, vor allem um etwas Luft nach oben zu lassen….

Wirtz: *Lacht* … also Luft ist da auf jeden Fall!

Aber es freut, wenn es gefällt, denn man will ja auch, dass jemand, der 400 Kilometer gefahren ist um die Show zu sehen auch nicht enttäuscht wird. Das hat sich echt gelohnt und war geil.

Wo wir gerade bei Live-Shows sind – gerade ist das Rock am Ring Festival 2010 zu Ende gegangen. Welche Möglichkeiten hat man denn, dich dieses Jahr live zu sehen?

Wirtz: Geplant sind da jetzt eher noch ein paar kleinere Festivals. In erster Linie auch welche, bei denen mich die Veranstalter direkt angefragt haben. Ich habe auch keine Lust mehr, selbst überall rumzubetteln, ob man irgendwo ins Line-Up reinkommen kann – da bin ich inzwischen zu alt für… ich bin ja auch schon 34 (!) *Lacht* – Horror!!! – und damit letztendlich Geld zu verbrennen, um da in der Mittagszeit auf einem Zeltplatz zu spielen, ist dann mit einer eigenen Plattenfirma auf Dauer nicht machbar.

Wenn ich mit meiner Crew ausrücke, habe ich dann zwar Menschen um mich, die ich über alles Liebe, aber auch die wollen am Ende des Tages ihren Scheck auf die Hand und dann sind die Hotel- und Spritkosten noch nicht einmal mit eingerechnet. Von den paar tausend Euro mache ich dann lieber eine dritte Scheibe.

Das heißt also, du machst jetzt mal einen Schritt zurück, um Anlauf zu nehmen und mit deinem nächstes Projekt voll durchzustarten…

Wirtz: Genau, ich spar’ das Geld und die Kraft und ballere jetzt alles in die neue Scheibe rein.

Ich habe letztendlich auch nicht den Druck oder generell den Zeitdruck. Ich muss nicht auf 70 Festivals mit der Hand an der Tonne meine Zeit verpimmeln, um dann am Ende doch nur mein Bier zu saufen und die zwei Tage danach davon noch eine weiche Birne haben. *Lacht*

Ich setze hier gerade voll auf Sportprogramm, bin klar im Kopf und produziere eine geile dritte Scheibe. Wenn schönes Wetter ist, lasse ich mir am Main die Sonne auf den Bauch scheinen, glotze auf die Skyline und hoffe, dass mir dabei ein guter Text in den Kopf kommt. Ziel ist dann ein Killer-Drittes-Album zu rauszuhauen und damit deutschlandweit die 900er Clubs voll bekommen. Dann wäre das wohl eine Hausnummer, wo auch der Herr Rock-am-Ring genauer hinschaut und den Herrn Wirtz als nationalen Rock-Act mit ins Boot holt. Somit krieg ich vielleicht auch irgendwie meine  ganzen Unkosten rein.

Magst du unseren Lesern schon etwas mehr zu Deiner neuen Platte verraten?

Wirtz: Ich kann nur sagen, dass da musikalisch jetzt schon einige geile Dinger stehen und wenn da nur noch das richtige Wort drauf muss – dann ist die Songs auf jeden Fall jetzt schon DIE „Schickung“!

Ich hab’ nur leider noch nicht die Wörter dafür, da werde ich mich noch weiter rantasten. Ich hab da aber vom Feeling her ein gutes Gefühl! *Lacht*

Zeitlich gesehen, wird es auf jeden Fall nächstes Jahr werden. Wann genau kann ich noch nicht sagen, denn selbst wenn die Platte fertig ist, werden da bestimmt noch drei Monate ins Land ziehen, weil die ganze Pressegeschichte ins rollen kommen muss, damit man mich überhaupt auf dem Schirm hat und sich hier und da auch mal ein Redakteur meine Platte anhört.

Aber Lieber, wie du schon sagst, mal lieber kurz Anlauf nehmen um dann mit einem geilen dritten Album aufzuschlagen, als jetzt auf Teufel komm raus Zeit auf Festivals zu verbringen und sich die Hammelhoden kross zu saufen.

Dann lieber Richtig Gas geben, als halbe Sachen zu machen – sehe ich genau so!

Wirtz: Die Attacke aus Frankfurt kommt! *Lacht*

Wo wir gerade beim Thema Fussball sind – was meinst du, macht unsere „Elf“ bei der WM in Südafrika?

Wirtz: Ja die WM… ich gehe in einer halben Stunde auf den Platz und werde selbst mal wieder gegen das Leder treten. Was die WM angeht, werde ich hier auf jeden Fall „Dani’s kleines WM-Studio“ einrichten. Im Studio sind wir inzwischen bestens verkabelt, damit wir jedes Programm empfangen können und bei den Spielen mitfiebern können. Also ich hab ein gutes Gefühl, das letzte Spiel war dann ja auch mal sehr aufschlussreich wie die Jungs spielerisch unterwegs sind…

Wobei die Augen des Volkes an diesem Tag wohl eher auf Lena gerichtet waren…

Wirtz: Lena wer? Nein, quatsch… das war natürlich auch ein Riesen-Thema. Wenn ich meinen Rechner anmache, sehe ich ja unter anderem die Startseite von Spiegel.de und man kam ja gar nicht daran vorbei. Was da die Nation gebannt teilgenommen hat und über Public-Viewings und Millionen von Leuten vor den Fernsehern den Grand Prix verfolgt haben war echt phänomenal!

Sie war als Sängerin auf jeden Fall das Beste, was bei der Show dabei war – obwohl ich das Ganze jetzt nicht genau verfolgt habe – aber als ich zwei, drei mal bei Stefan Raab reingezapped habe, dachte ich mir „Wenn sie jetzt da nicht gewinnt, dann würde ich sie mal fragen, ob sie nicht Lust hat einen Song von mir zu singen“ *Lacht*. Nee, … gutes Mädchen, gutes Mädchen!

By the Way – fällt mir da in diesem Zusammenhang ein, dass ein gewisser Thomas Godoj mal einen Song von dir, oder umgekehrt gesungen hatte? Genau aufgeklärt wurde das allerdings nie. Was war denn da los?

Wirtz: Der Matthias mit dem ich das Label habe, der hatte zuvor fünf Platten von Laith Al-Deen produziert und hatte damals auch die Band „Wink“ auf seinem Label. Der Thomas war der Sänger dieser Band und in der Zeit, als ich damals gerade angefangen hatte deutsche Texte in Songs zu packen, war das einfach ein Versuch, ihm den Text des Songs „Explosion“ zu geben.

Ich fand das okay, wenn eine coole Rockband aus Recklinghausen eine coole Nummer von mir spielt. Aus diesem Versuch stammt auch der Song „Leb wohl“. Nur leider ist dann aus der „Wink“-Nummer nichts geworden. Ich fand allerdings den Song zu fett, als dass er damit nun verrottet, habe ihn umgeschrieben und letztlich selbst genommen. Und als sich Thomas Godoj dann entschieden hatte zu „Deutschland sucht den Superstar“ zu gehen, gab es plötzlich auch diesen Querverlink zu mir auf dessen Website oder in Kommentaren unter seinen YouTube-Videos. Allerdings bin ich darauf nicht weiter eingegangen. In dem Moment als er sich für DSDS entschieden hat, hatte ich auch mit Thomas Godoj nichts mehr zu tun.

Es war allerdings mal interessant, hinter die Kulissen des Showgeschäfts zu blicken und zu sehen wie man da seine Seele verkauft. Diese Castingshows sind der absolute Todesstoß für jeden Musiker. Auf lange Sicht betrachtet wird man daran echt zerbrechen, weil es einfach verdammt unglücklich macht, wenn sich am Ende des Tages doch keine Sau für dich interessiert.

In einer etwas anderen Form habe ich das ja auch selbst erlebt. Wie dass ist, wenn du auf einmal von 0 auf 100 schießt und dann da oben bist und anschließend ganz nach unten fällst. Wenn du dann nicht ein verdammt gutes Selbstwertgefühl und einen guten Charakter hast – vor allem gute Freunde, die dich eh die ganze Zeit erden – dann weiß ich, warum junge Künstler, die in den Zenith geschossen werden, am Ende Koks dealen oder im Club absaufen und vor die Hunde gehen.

Die Erkenntnis, dass man am Ende nur da ist um ein Loch zu füllen und du der Arsch und doch gar nichts bist, dass ist sehr gefährlich.

Was sind denn genau deine Pläne und Ziele für die Zukunft?

Wirtz: Gesund und frei bleiben und weiterhin am Boden, dafür sorgen aber schon meine guten Freunde. Von daher mach ich mir über letzteres keine Sorgen. Aber Gesundheit ist das Wichtigste, um noch lange Musik machen zu können.

Zu guter letzt – Dein Tipp, wer wird Weltmeister?

Wirtz: Ich denke, dass Deutschland im Finale auf jeden Fall möglich ist!

Interviews geführt von Marcus Berg.

Aufmacher Foto: Anabell Ganske (Sight Of Sound)
Live Fotos: ChristianThiele

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